Corona Cero

Der Schatten fällt nicht immer hinter den Reisebus nordwärts und auch nur selten erhalte ich kostenloses Wasser vor der Abfahrt. Die Tricolore mit dem Adler und der Schlange im Mund wehen übergroß im tropischen Wind Cancuns. Klein erscheine ich im Kontext dieser Nation.
Breite Straßen, tiefe Schlaglöcher, amerikanische Billboards und der baldige Formel-1-Grand-Prix in D.F. Es ist mehr als nur ein Rennen, sagt Heineken dazu. Alles grün-rot-weiß. Natürlich.
Der junge Mann auf dem Pick-Up ist lederdunkelbraun gebrannt. Das Tal Jaliscos erstreckt sich bis zum versmogten Horizont. Ich muss weniger Fleisch essen und folglich auch den Schinken aus den Oxxo1-Sandwiches nehmen. Das kalte Aluminium der Corona-Dose fühlt sich erfrischend männlich an in meiner Hand.
Der Busfahrer in seiner Plexiglas-Kabine drei Reihen vor mir hört Reggeaton auf Anschlag, die harten Beats vermischen sich mit zartem Little Feat2 in meinen Ohren. Deutsche Maxime der Mittagsruhe zählen hier nicht, gesetzlos macht die wilde Natur was sie will. Sie bebt selbst dann, wenn der 32-jährige Jahrestag des Terremotos3 ist. Hätten wir doch auf die Mayas gehört, sie wussten bereits alles, bevor wir das Rad erfanden.
Die Norwegerin von vorgestern hat sich auf ihrer Reise selbst gefunden. Sie sei nun stärker, konnte sich beim Abendessen aber nicht von Instagram trennen. Globalisierte Digitalisierung macht nun einmal rallig und so vergaß sie zur Fiesta den BH. Der Sternenhimmel wälzt sich über meine selbstgedrehte Zigarette. Mir wird schwindlig, ich lehne mich an einen VW Touareg.
Die Cantina4 vibriert und aus jedem Song höre ich „Despacito“5 heraus. Das dunkle Malz des Hauses lief unsere Kehlen herunter. Ich fühle mich wie in einer feuchtfröhlichen Bierwerbung. Wusste nicht, dass es solche Partys wirklich gibt. Ich sehe einen Mexikaner mit dem rot-schwarzen Auswärtstrikot der deutschen Nationalmannschaft. In diesem Gewand fegten wir damals über die Brasilianer mit 7-1 hinweg. Sommerregen, Autokorso, so ein schöner Tag. Ich gratuliere dem Mexikaner zu seinem guten Geschmack. Wie geil es doch ist, deutsch zu sein.
Das Fleisch in den Tacos fällt mir aus beiden Öffnungen. Der Kopf liegt beim Essen auf der linken Schulter und alle zehn Finger werden benutzt. Wenn ich endlich weiß, wie Tacos gegessen werden, sei ich mexikanisch. Desinfektionsmittel sprühe ich später nach der Mahlzeit selbstverständlich auf meine Hände. Das Auswärtige Amt hat es ausdrücklich empfohlen.
Wenn’s nicht scharf ist, schmeckt’s nicht. Frühstück muss „picante“ sein. Wie könne man also Butter auf Brot zum Frühstück haben? Zwei Cowboys in Jeansjacken schlurfen im Bus-Terminal an mir vorbei. Sie sind auf der Suche nach einem ordentlichen mexikanischen Frühstück, keine Pumpernickel mit Schnittlauch also. Ich könnte ihnen „Carnelitos“ anbieten. Das sind Zimtkekse, süße kleine Schwestern des Spekulatius. Ich esse sie eigentlich nur, weil sie mich an Weihnachten in Deutschland erinnern.
Die Gastfreundschaft des Landes ist grenzenlos großzügig, ich fühle mich bei ihnen daheim. Denn ebenso wie wir, wissen sie wie man grillt. Das heiße Gitter über der bulligen Glut erfassen sie mit der bloßen Hand und die Flammen lodern wie ein geiler Stier. Das Fleisch erschwitzt sich in der orgasmischen Hölle des Weber-Grills und der Schweiß spiegelt sich in ihren hungrigen dunklen Pupillen.
Ein abendlicher Mariachi-Umzug durch die Altstadt San Miguels-Protagonist: ein exzentrischer Mexikaner. Er hatte die Masse von 40 Zuschauern fest im Griff, sang, unterhielt und machte Späße auf Kosten anderer. Er war die mexikanische Reinkarnation Don Juans gepaart mit Matthias Opdenhövel. Seine schwarze Hornbrille beeindruckte mich zutiefst, während er in seinen Schreipausen Camel rauchte und Corona trank. Für seine Scherze wählte er bärtige, dunkelblonde und hellhäutige Leute aus, das heißt mich und noch einen anderen Deutschen. Natürlich redete ich mit meinem Landsmann davor und danach nicht, zu uncool ist doch der Mittelwert unserer gemeinsamen Nationalität. Im Tiefsten unserer Rasse verband uns allerdings der gemeinsame Feind: der lebensfrohe Schreihals, der für gute Laune sorgte.
Mexikanische Polizisten unterscheiden sich nicht besonders von normalen Passanten. Sie tragen Uniform und Schrotflinte und schlafen mit offenem Mund im Wagen, wenn Lupita auf offener Straße von ihrem Ehemann erwürgt wird. Stolz stehen sie jedoch an jeder Straßenecke und schreiben bei Facebook-Messenger.
Smartphones mit Lautsprecherfunktion sind eine großartige Erfindung. Wenn ich den Ton aufdrehe, kann ich mit ihnen so wunderbar meine Mitmenschen foltern. Mexikaner tun es immer und überall und so habe ich mich angepasst. „Spanish Moon“6 läuft jetzt auf maximaler Umdrehung und keinen im Bus stört’s. Mexikaner sind einfach unvergleichlich lässig.
Auf Busfahrten gibt es kostenlose Filme. Ein wenig Hollywood-Kultur beim Ritt durch die Pampa schadet nicht. Mein Sitznachbar fängt aber Pokemon. Taubsi und Arboss fliegen oberhalb des Internet-Radars, unterhalb der tiefen Wolkendecke. Die Prärie ist weit und das Gras ist saftig. Die Whatsapp-Jingles fiepen in der schönen neuen Welt.
Ich habe für den Reisebus überraschend wenig gezahlt, Coordinados7. Alle Plätze sind hier besetzt und einige Leute stehen im Gang, wir sind Fische in der Konserve. Doch war ich zu dem Zeitpunkt noch nicht in der Metro der Hauptstadt unterwegs. So fühlt sich letztlich Überbevölkerung an.
Das Bus-Kino läuft auf den Bildschirmen, Daniel Radcliffe und Woody Harrelson in der Hauptrolle. Ihre spanischen Synchronstimmen klingen skurril, Querétaro zieht vorbei. Lonely Planet sagt, dort gibt’s nix zu sehen und so steige ich auch nicht aus. Ein spanischer Film beginnt und ich identifiziere ein Fischerdorf in Galizien. Ich sehne mich nach der Europäischen Union und ihren geregelten Abläufen.
Wenn Trump jetzt einen Atomkrieg anzettelt, hole ich meine backpackende Freundin mit einem Bambusfloß aus Island ab. Ich würde die Passatwinde nutzen und mich sonst mit dem Kompass auf meinem iPhone zurechtfinden. Wenn ich Durst habe, trinke ich meinen Urin. Bei Hunger fange ich einfach vorbeifliegende Fische. Irgendwann dann werde ich, braungebrannt und glücklich, in Reikjavik ankommen.
Begriffserklärungen:
1Oxxo: Handelskette in Mexiko, ähnlich wie 7-Eleven
2Little Feat: US-amerikanische Rockband
3Terremoto: Spanisch für „Erdbeben“
4Cantina: Bar mit Live-Musik
5„Despacito“: Reggeaton-Sommerhit von Luis Fonsi
6Spanish Moon: Song von Little Feat
7Coordinados: mex. Busfirma für Billigreisen
Cian Hartung