Zum Inhalt springen

Delta statt Lambda

Blog

Wer sich des Freitags abends in einen rustikalen Bierschuppen verirrt und den Kuschelkätzchen-Kaffeeklatsch durch herrliche Kneipenkämpfe über Politik zu ersetzen sucht, der wird sich im Laufe der Gespräche über eines immer wieder bewusst werden müssen: Das Grundgesetz ist vom Großteil des Volkes zwar anerkannt, indes, so richtig Gefallen finden einige daran nicht, wenn jenes konkret in ihr Leben tritt. Armin Mohler, neurechter Vordenker und Koryphäe einer konservativ-revolutionären Traditionskompanie, kritisierte einst, dass es wohl um drei Uhr nachts entstanden sein müsse. Wenn der Mensch um drei Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen wird, verspüre er im ersten Moment seiner Wachheit keine „leibseelischen Bindungen” – er ist „vereinzelt” und autonom. Aber dieses im Grundgesetz postulierte autonome 3-Uhr-nachts-Wesen gäbe es faktisch gar nicht: Die Existenz familiärer Banden, Lokalpatriotismus, der Einbezug in soziale, kulturelle und religiöse Kreise; all dies rechtfertige, den Begriff des Individuums gänzlich zu verwerfen – und in Konsequenz auch das Grundgesetz. Denn der Mensch, den Mohler in unhintergehbaren Gruppenexistenzen denkt, würde sich stetig von anderen abgrenzen wollen, was eine multikulturelle Gesellschaft verunmögliche – oder ins Chaos führe. So viel zu Mohler.

Der Individualismus im Grundgesetz, der nicht zwischen Muslim und Christ unterscheidet, ist nicht ausschließlich politische Grundlagenstruktur, sondern auch politischer Inhalt. Auf manchem Feld – man nehme die Islamfrage – kann das weitvergeigte AfDDiskussionslabyrinth nur einen Ausgang gewähren: Das Staatsvolk hat kein Dauerabonnement darauf, neunzigprozentig christlich zu sein; im Gegenteil: Es hat das Recht zur – wie es Peter Sloterdijk sagen würde – ,,moralischen Selbstzerstörung”. Und das ist grundsätzlich gut so. Es käme schließlich der Abschaffung des demokratisch-pluralistischen Prinzips gleich, wenn ein Mohler sein zurechtgebautes Playmobil-Menschenbild dazu missbrauchte, das grundlegendste Dokument unseres Zusammenlebens abzuschaffen. An mönch’m Schtömmdisch wörd’n alsö Dingö zür Dispösitiön g’stöllt, die verfassungsrechtlich völlig gesichert sind und zu den Grundfesten unserer Gesellschaft gehören. Das Grundgesetz ist eben nicht nur ein bekritzeltes Blatt Papier, sondern ein Heiligenersatz, der das ,Wie’ unseres Zusammenlebens bestimmt. Es ist also nicht nur ein Rahmen, sondern determiniert zugleich Inhalt. Seit der Verkündung des Grundgesetzes sieht sich die deutsche Politik vor die Aufgabe gestellt, dessen Verfassungswirklichkeit an seinen Verfassungstext anzugleichen. Seien es der frauenschlagende Starkbierbauch (es geht nichts über Faxe!) oder religiöse Minderheiten in unserer Gesellschaft: Unsere Verfassung (hier interessiert vor allem die Religionsfreiheit) und einige der wenigen Menschenrechtskonventionen geben reichlich Aufschluss darüber, wohin die Reise letztlich gehen soll: Zur konsequenten Geschlechtergerechtigkeit und zum Ansehen des Individuums unabhängig seiner Religion. Die Ein-Mann-Kaserne der AfD Bernd H., die neuerdings Hitler verharmlost, mag im Grundgesetz totalitäre Tendenzen erblicken, etwa, dass es nicht der Lebenswirklichkeit der Menschen entspräche und ihnen somit widernatürliches aufdrückte (was für ein Mohler-Groupie… Bernds Finger wäre wohl als erster in die Höhe geschossen, hätte jener vor seinem Tod noch SS-Runen verteilt). Und doch, klar abzuleiten bleibt: Moscheebau? Synagogenbau? Tempelbau? Guckst Du Verfassung, Bernd! Das Grundgesetz verhält sich zu seinem Ein-Ausgang-Labyrinth wie das Meer zu den Strömen des Flussdeltas. Auf der einen Seite arbeiten alle demokratischen Parteien in unterschiedlichen Geschwindigkeiten an der lebensweltlichen Verwirklichung des Grundgesetzes mit; der eine mag dabei teils unselige Abkürzungen nehmen, der andere Horst wiederum biegt rechts ab, kehrt dann aber wieder mit Schnuller im Großmaul zu Mutti zurück. Klar ist: Die Richtung, die sie nehmen, ist die Richtung des Grundgesetzes. Auf der gleichen Seite steht das Delta: Es mag unzählige Abzweigungen, Rinnsale und Weggabelungen geben – alle Linien werden schlussendlich ins große Ganze eingehen. Überhaupt gilt: Wer ins Delta springen will, der kann kein Lambda sein. ,,Es gibt nur eine rote Linie und das ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung”, krakeelt der Möchtegern-APO-Opa Alexander Gauland. Da stilisiert man sich kurzerhand zum Bewahrer der freiheitlichen Demokratie und vergisst im gleichen Atemzug, dass man das Delta schon längst verlassen hat! Fest steht: Wer sich nicht am Diskurs beteiligen will, sondern sein Ende als Konsensform anstrebt; wer nicht gut verständlich mitredet, sondern sächsisch spricht und wer sich die Beendigung des Spiels wünscht, anstatt sich einen Stehplatz im Stadion zu suchen, der strebt die Zersetzung der Form und des Rahmens an. Und damit auch des bewahrenswerten Inhalts. Apropos: Herr Gauleiter sollte eigentlich keine roten Linien ziehen, eher kackbraune. Was ist also zu tun, bevor das Wasser des Deltas wieder zufriert? Schultert den Tornister und packt die verstaubte Pickelhaube ein! Und dann rein mit Euch! Irgendwo wird eine mitreißende Strömung sein!