REZENSION „DIE ZEIT, EIN FREMDES LAND“

Dr. Emma Richter hat ein Problem: durch ein unbeabsichtigtes Experiment ist sie mit ihrem Vater und Ehemann im Jahr 2117 gelandet. Einen Rückweg scheint es nicht zu geben, dabei ist die Familie in das fremdartige Leben der Zukunft völlig unvorbereitet hineingerutscht.
Genauso wenig vorbereitet wie die sechs Improvisations-Schauspieler, die am Freitag, 27. Oktober, „Die Zeit, ein fremdes Land“ auf die Bühne gebracht haben. 90 Minuten lang schlüpften sie dabei im Rahmen des 16. Würzburger Improtheater-Festivals im Theater am Neunerplatz in ihre Rollen. Lediglich die Rahmenhandlung und die Charaktere des improvisierten Science-Fiction-Stücks waren durch die Regisseure Lena Försch und Alex Fradera vorher festgelegt geworden. Gegen 20.30 Uhr begann Emmas (Kati Schweitzer) Stimme aus dem Off durch den voll besetzten Raum zu schallen: „Hallo, hallo? Können Sie mich hören? Bringen Sie uns heim!“ Nach und nach betreten Emmas Verwandten und ihre Gastfamilie, die die Reisenden aus der Vergangenheit aufgenommen hat, das Wohnzimmer-Setting auf der Bühne und beglückwünschen sich gegenseitig zum „Tag der Gemeinschaft“. Während Emma und Ehemann Kai (Florian Toperngpong) zu diesem besonderen Anlass den Kuchen mit Plastikgeschirr verzehren dürfen, sinniert Emma mit ihrem Vater Michael (Jörg Zander) darüber, wie schön das Fest im Jahr 2017 war, als es noch altmodisch „Weihnachten“ hieß. Diese nostalgischen Erinnerungen sind für die zukünftige Generation vollkommen unverständlich, war doch früher alles viel schlechter: Jeder dachte nur an sich und die Welt stand kurz vor der ökologischen Apokalypse. Ausführlich klärt Kai Allegro (Fabian Leven) mithilfe von Kuchenstücken über die soziale Ungleichheit auf, die 2017 noch herrschte. Allegro ist der ganze Stolz seiner Eltern Frido (Severin Mahnke) und Ipanema (Julia Pöhlmann), denn er hat vor kurzem einen Eid darüber abgelegt, die Gesellschaft prägen zu wollen. Überhaupt, im Jahre 2117 leben alle nur „für die Gemeinschaft“. Wie beruhigend es ist, die Auffassung zu vertreten: „Die Welt gehört mir nicht. Nichts steht mir zu!“ Wozu egoistischer Weise nach Nizza reisen, wenn man sich die Welt doch auch im Diercke-Atlas anschauen kann? Dafür gibt es allerlei technische Lifestyle-Tools, wie ein hautfarbenes Gesundheits-Halsband, das ständig Vitalzeichen misst, oder ein ominöses Gerät namens „Max“, das als Orakel die Antwort auf beinahe alle Fragen des Lebens hat. Mit der Gemeinschaft als Mittelpunkt des Lebens, ist auch die Ehe eigentlich nur noch ein Zweckverhältnis, in dem Gefühle keinen Platz haben. Dennoch wird schnell klar, dass es zwischen Ipanema und Michael romantisch knistert. Spätestens nach einer wilden Kussszene, die die Couch lädiert zurücklässt, erkennt das auch Ipanemas Mann und beginnt die kollektivistischen Prinzipien dieser „schönen neuen Welt“ in Frage zu stellen. Am Ende des Stücks ist die Gedanken- und Gefühlswelt aller Beteiligten auf den Kopf gestellt und Emma steht vor der schwierigen Entscheidung, ohne ihren Ehemann und Vater nun doch in die Vergangenheit zurückkehren zu können.
So wie das Ende die Spannung nicht auflöste, wartete auch das gesamte Stück mit Unterhaltungswert auf. Obwohl die Handlung sich streckenweise in eher mäßigem Tempo entwickelte, hielt die Art der improvisierten Darbietung durch die damit einhergehende Lebendigkeit die Zuschauer durchgängig in Bann. Lediglich einmal schien Fabian Leven mit der inhaltlichen Konzeption Schwierigkeiten zu haben, was sich aber gut in den ohnehin nervösen und verunsicherten Charakters Allegros einfügte. Insgesamt brachten die Schauspieler mit musikalischer Untermalung am Keyboard von Jan Höcker ein gesellschaftskritisches Stück auf die Bühne, das gefühlt auch aus einem ausgearbeiteten Drehbuch hätte stammen können.
Anna-Sophie Humer-Hager