WELTbewusst – der etwas andere Stadtrundgang

Am 26.10. machte sich eine knapp dreißig Personen umfassende Gruppe zusammen auf zu einem etwas anderen Stadtrundgang durch Würzburg. Denn bei dieser alternativen Stadtführung geht es nicht um historische Sehenswürdigkeiten, sondern um Globalisierung und nachhaltigen Konsum.
Die Teilnehmer*innen erfahren, wie ihr Einkaufsverhalten mit ökologischen und sozialen Missständen in anderen Regionen der Welt zusammenhängt und wie jede*r Einzelne*r durch bewussten Konsum positiv Einfluss nehmen kann. Ganz nach dem Motto: “Aktiv werden, statt einfach hinzunehmen; genauer hinschauen, statt sich bequem zurückzulehnen” will das ehrenamtliche Stadtführungsteam bei den Rundgängen ein größeres Bewusstsein für weltweite Zusammenhänge, für Gerechtigkeit und für die eigene persönliche Verantwortung erreichen, und Menschen durch positive Beispiele und Handlungsvorschläge zu einem nachhaltigeren Konsumverhalten auffordern. Die Rundgänge in Würzburg sind dabei Teil des bundesweiten Projekts “WELTbewusst”, das von der BUNDjugend, der Jugendorganisation des Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland, getragen wird.
Gemeinsam mit dem ESG Arbeitskreis “ÖKOmenisch Welt FAIRändern” und drei Stadtführern von WELTbewusst liefen wir vom Weltladen in der Plattnerstraße los in die Würzburger Innenstadt. Die erste Station in der Nähe des Straßenimbisses „Happy Street Kitchen“ befasste sich mit dem Thema „Fleischkonsum“. Nach einem Einstieg mit Bildern von Monokulturen im Regenwaldgebiet, gab es eine kurze Story über verschiedene Leute und deren Bezug zum Thema Fleisch: Hans Hungrig, der mindestens zwei Mal am Tag Fleisch essen will, einen Kleinbauern, der durch die großen Konzerne gezwungen wird in die Großstadt zu ziehen, eine wütende Umweltaktivistin und eine sehr zufriedene und ständig Werbung machende Mitarbeiterin von Monsanto (einem Saatgut- und Agrarchemiekonzern, unter anderem bekannt aus der aktuellen Debatte um ein Verbot des Ackergiftes „Glyphosat“).
Nachdem alle diese kurzen Geschichten von den verschiedenen Teilnehmenden vorgetragen wurden, ging es über in eine Diskussion, in der wir gemeinsam überlegten, wie sehr Fleischkonsum überall Einfluss hat: nicht nur bei der Rodung von Regenwäldern für den Sojaanbau, sondern auch bei gesundheitlichen Problemen der dort lebenden und arbeitenden Menschen, ausgelöst durch den direkten oder indirekten Kontakt mit Pestiziden. Zudem die schwindende Artenvielfalt durch große Monokulturen und die Abhängigkeit der Kleinbauern von Saatgutherstellern wie Monsanto.
Das Ziel dieser Stadtführung sollte aber auch sein, die positiven Dinge und Alternativen hervorzuheben und so gab es an dieser Station am Ende neben vielen Tipps, wo es gutes vegetarisches Essen gibt, natürlich auch Möglichkeiten, um selber viele leckere und natürlich regionale Produkte zu bekommen, wie beispielsweise über eine Obst- und Gemüsekiste von der Solidarischen Landwirtschaft, kurz SolaWi, der man monatlich einen Betrag überweist und dafür im Gegenzug jede Woche eine Kiste mit den derzeitigen regional angebauten Produkten bezieht.
Station Zwei führte uns zum „Schrauben-Sepp“, einem in der Bronnbachergasse etwas versteckt gelegenen Werkzeug- und Eisenwarenladen. Thematisch passend ging es dort um technische Fragen und um das Thema „Reparieren statt Wegwerfen“.
Da heutzutage ja eigentlich jeder ein Handy hat, waren die Einstiegsfragen: Wer hatte in seinem Leben schon mehr als drei Handys? Und wie viele hat man zu Hause noch in Schubladen liegen? Nachdem jeder darüber nachgedacht hatte, kamen die Fakten: Im April 2016 nutzten rund 49 Millionen Menschen in Deutschland ein Smartphone – mal von anderen Mobiltelefonen abgesehen – und im Schnitt haben die Menschen in Deutschland bis zu drei weitere Handys noch in irgendwelchen Schubladen rumliegen.
Mit diesen Zahlen im Kopf machten wir uns nun Gedanken, was es denn für (faire) Alternativen oder Lösungen im Technikbereich gibt. Erstaunlicherweise gibt es doch schon einige Dinge, die man tun kann: Alte Geräte nämlich nicht einfach wegschmeißen oder gar in der Schublade vergammeln lassen, sondern diese fachgerecht entsorgen. Hier in Würzburg kann man seine alten elektronischen Geräte beispielsweise im Weltladen oder der Umweltstation in der Zeller Straße abgeben. Gerade bei Elektrogeräten ist Recycling ein groß diskutiertes Thema wegen der Ressourcenknappheit bei seltenen Erden, den Umwelt- und Menschenrechtsproblemen beim Bergbau und den Entsorgungsstätten in Entwicklungsländern. Vor allem an der Tatsache, dass die Menschen, auch Kinder, dort meist ohne Schutz arbeiten, um die Edelmetalle zu gewinnen und somit ständig giftigen Chemikalien ausgesetzt sind, erkennt man, dass dies nicht nur für deren Gesundheit, sondern auch für die ganze Umwelt sehr schädlich ist.
Das leitete uns weiter zum nächsten Punkt, nämlich der Wiederverwendung beziehungsweise der Reparatur von Elektrogeräten. Heutzutage sind die meisten Geräte so aufgebaut, dass man nur schwer oder auch überhaupt nicht in der Lage dazu ist, selber defekte Einzelteile auszutauschen, entweder weil man nirgends Ersatzteile bekommt oder weil es einem nicht möglich ist, die Geräte so auseinanderzubauen, dass man sie später auch wieder zusammen bekommt.
Nachhaltigere Produkte in diesem Bereich bieten beispielsweise die Hersteller „ Fairphone“ und „Shiftphone“. Beide Firmen versuchen, so genannte Konfliktmineralien (zum Beispiel Metalle aus Kriegsgebieten) beim Bau ihrer Geräte zu vermeiden und diese so zu konstruieren, dass man Ersatzteile selbst austauschen kann. Dafür stellen diese Hersteller auch Videos mit Reparaturanleitungen zur Verfügung. Wer hingegen eine neue Computermaus sucht, kann sich der fairen Alternative NagerIT bedienen, die auf ihrer Homepage die gesamte Lieferkette – soweit sie bekannt ist – aufführen und mit Farben jeweils markieren, wo die Arbeitsbedingungen schon gut sind, wo sie noch in Verhandlung stehen, wo die Bedingungen leider noch schlecht sind und welche der Fabriken und Minen sie sich selber schon angeschaut haben. So kann man als Käufer nachvollziehen, aus wie vielen Einzelteilen seine Maus besteht und woher welche Teile kommen.
Die dritte und letzte Station brachte uns zum Nähcafé Edeltraud in der Grabengasse.
Hier drehte sich alles ums Thema Kleidung. Als Alternative zum Neukauf wurde vorgeschlagen, Kleidungsstücke auf Flohmärkten „second hand“ zu beziehen oder bei den immer populärer werdenden Tauschbörsen sein Kleidersortiment zu erneuern.
Aber wo bekommt man in Würzburg auch mal neue Kleidungsstücke, die fair und nachhaltig produziert wurden? Da gibt es doch eine ganze Menge, was mir persönlich vorher nicht ganz bewusst war: Der Weltladen hat natürlich ein Sortiment an Kleidungsstücken und Accessoires, die unter hohen Sozial- und Umweltstandards hergestellt wurden, aber daneben gibt es auch noch andere Läden, wie Another love (Häfnergasse) und das Naturkaufhaus – Body & Nature (Rückermainstraße), die auch beide in der Innenstadt liegen und nachhaltig produzierte Mode anbieten. Und dann natürlich noch die Alternative, vor der wir gerade standen: das Nähcafé, wo man die Möglichkeit hat, sich selber Kleidungsstücke zu nähen, oder auch Altes „neu“ zu machen.
Weiter ging die Diskussion dann über die verschiedenen Nachhaltigkeitsstandards bei Textilien. Beispielsweise der FairWear Foundation, deren Logo, ein roter Kleiderbügel mit dem Schriftzug „FairWear“, zum Beispiel auch in Kleidern von VauDe, Jack Wolfskin, oder Waschbär zu finden ist. Textilfirmen, die Mitglied in der FairWear Foundation sind, müssen sicherstellen, dass es keine Diskriminierung am Arbeitsplatz gibt und keine Kinderarbeit, die Arbeiter Gewerkschaften gründen dürfen, die Arbeitsbedingungen sicher sind und dass es geregelt Arbeitszeiten, Verträge und Lohnzahlungen gibt. Im Gegenzug dürfen sie mit dem Siegel an ihren Kleidungsstücken werben.
Ein Siegel, das vor allem auf Umweltaspekte ausgerichtet ist, ist der Global Organic Textile Standard, kurz GOTS. Hier gilt die Anforderung von mindestens 70 Prozent biologisch erzeugten Naturfasern im Produkt. Chemische Zusätze sind nur erlaubt, wenn diese umweltrelevante und toxikologische Kriterien erfüllen. Zudem müssen in den Betrieben soziale „Mindestkriterien“ erfüllt sein.
Nun kamen wir zu der Frage, warum man überhaupt solche Siegel braucht und diese unterstützen sollte. Die klare Antwort: bei konventionell produzierten Kleidungsstücken sind die Herstellungsbedingungen meist katastrophal, die Menschen sind giftigen Chemikalien ausgesetzt und arbeiten im Akkord in überlangen Arbeitsschichten. Der Baumwollanbau erfolgt fast ausschließlich in riesigen Monokulturen und Massen von Wasser und Pestiziden müssen zur Erzeugung und Weiterverarbeitung eingesetzt werden. Dabei gibt es neben der Baumwolle weniger umweltbelastende Alternativen wie Hanf oder Leinen, aus denen Kleidungsstücke gemacht werden können.
So endete unser Stadtrundgang nach knapp zwei Stunden, in denen wir eine Menge gelernt und neue Ideen mitbekommen haben, wieder vor dem Weltladen.
Selma Mezger