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„Das Jahr 29“

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Die AMV-Theatergruppe wagt sich mit ihrer bisher größten Inszenierung an eine düstere Tragödie während des 30-jährigen Kriegs.

Seit Mitte des vergangenen Sommersemesters hat die AMV-Theatergruppe an ihrem aktuellen Stück geprobt: „Das Jahr 29“. Schauplatz ist das kleine Dorf Pritzwalk während des 30-jährigen Kriegs. Söldnergruppen, angeführt vom Obristen (Frederik Stoiber), plündern die Hütte der Familie Reusch am Rande des Dorfes. Die Eltern Reusch werden ermordet aufgefunden, die Brüder Martin (Marten Wehrhahn) und Willi (Gabriel Cermann) werden gezwungen, als Söldner um ihr Überleben zu kämpfen. Die Schwester Maria (Sarah Neubauer) kann sich zwar in das Dorf flüchten, dort warten jedoch nicht weniger gefährliche Situationen auf sie: Der Pfarrer Gregor Rose (Adriano Henseler) und die Dorfbewohnerin Elsa Schrader (Tanja Gündling) stecken in doppeldeutiger Hinsicht unter einer Decke und wollen Maria als Hexe zur Verbrennung verurteilen. Doch auch zur Zeit des 30-jährigen Kriegs, die von Wahn, Krieg, Gewalt, Machtkämpfen, Hinterlist, Verachtung und Kriminalität beherrscht wird, gibt es Lichtblicke. Maria findet Zuflucht bei ihrer Jugendliebe Arn Liebig (Ludwig Lüchtrath). Nach einigen Wendungen und Verwirrungen kehrt die Menschlichkeit zu Marias Gunsten bei manchen der Dorfbewohner wieder zurück und sie entkommt der Hexenverbrennung haarscharf. Von einem klassischen „Happy End“ ist die Handlung jedoch weit entfernt, bei der Vielzahl an Entbehrungen und Toten, die es zu verzeichnen gibt.

Frederik Stoiber, Student der Mensch-Computer-Systeme und Mitglied der AMV-Theatergruppe, hat das Stück selbst geschrieben. Er berichtet, dass das Drama „primär vom 30-jährigen Krieg handelt“, die Handlung ist daher „chaotisch, die Söldner sind chaotisch, einfach weil die Zeit gegen Ende des 30-jährigen Kriegs auch chaotisch war“. Der Autor bemängelt, dass das historisch wichtige Thema des 30-jährigen Kriegs in den Medien kaum aufgegriffen wird, obwohl dieses sehr ausschlaggebend für die europäische Geschichte ist. Als historisch interessierten Menschen liege es ihm nahe, über diese Zeit radikaler Umbrüche zu schreiben. Frederik Stoiber hat versucht, „ohne Erwartungen“ an die Umsetzung des Stücks heranzugehen, das Ergebnis „gefällt ihm gut“. Das liegt sicherlich auch daran, dass er versucht hat, „die Autorenperspektive zu vermeiden, was letztlich auch geklappt hat“. Trotz einiger Vorwarnungen hat sich Stoiber entschieden, auch selbst als Schauspieler zu fungieren, und ist in die Rolle des Obristen geschlüpft: „Ich habe mir den Obristen natürlich nicht selbst auf das Leib geschrieben. Ich hatte ihn und auch einige andere Charaktere ganz anders im Kopf. Aber ich habe es nie bereut, selbst mitzuspielen.“ Der Autor berichtet zudem, dass Szenen verändert, hinzugefügt oder gestrichen wurden und auch der Ausgang zwischen gut, böse und letztlich einem Konsens mit gewachsen ist. „Retrospektiv gesehen war das gesamte Projekt eine absolut gute Entscheidung!“, reflektiert Stoiber.

Regisseur und Herr über die Technik Michael Jansky hebt besonders die Entwicklung der Theatergruppe hervor: „Zum ersten Mal trauen wir uns von der Komödie weg und dann gleich an eine selbstgeschriebene Tragödie heran. Doch dank Frederik Stoiber ist diese gut inszenierbar.“ Das Stück ist historisch nur bedingt authentisch, jedoch wertet der Regisseur das als „künstlerische Freiheit“. Nach Jansky sind die Schauspieler der AMV „in ausgezeichneter Form für das Spielen einer Tragödie geeignet.“ Jansky lobt besonders die Bösewichte und Statisten, die spontan und tatkräftig zum Gelingen des Stücks beitragen. Janskys Fazit: „Die Theatergruppe ist richtig aufgeblüht während der Entwicklung des Stücks. Man muss schon durch viel Kummer hindurch, aber für dieses Ergebnis hat es sich nun wirklich gelohnt.“ Michael Jansky arbeitet bewusst und als Tontechniker im Chambinzky auch gekonnt mit Lichteffekten und den Stilmitteln, die sich ihm hieraus ergeben. Zudem setzt er auf die Wirksamkeit der Langsamkeit statt auf schnelle Dramatik: „Die Langsamkeit macht das Stück aus.“

Die von Autor Stoiber als die „anspruchsvollste Rolle“ gewertete Rolle der Maria Reusch wird von Sarah Neubauer gespielt. Dieser Charakter ist vor allem von Vielschichtigkeit und Tiefe durch die unterschiedlichen Situationen und Figurenkonstellationen, die sie durchlebt, geprägt. Sarah Neubauer bemerkt: „Nach dem Proben des Stücks war ich meistens deprimiert. Immerhin lebt man den Charakter auch.“ Neubauer beschreibt den Prozess des Probens als „Experiment“, denn „man kennt den Autor als Mitspieler, weiß, dass der Regisseur seinen Job zum ersten Mal macht, hat eine Truppe, die während des Probens auch gerne Späße macht und muss das alles zunächst einmal unter einen Hut bringen.“ Doch die Schauspielerin ist sich sicher: „Es ist uns gewiss geglückt, Spannung aufzubauen und durch die Änderungen am Stück, den nötigen Grad an Realität zu erzeugen.“ Ihren Charakter sieht Sarah Neubauer als einen aktuellen an: „Auch heute kann es noch genauso schnell passieren wie damals, dass jemand auf dem Höhepunkt seiner Karriere, seines Seins, tief stürzt und den Boden unter den Füßen verliert.“ Den Umgang mit einer solchen Situation lehren uns in dem Stück einige Charaktere: Maria entscheidet sich für die Liebe. Aber Neubauer weiß: „Den Umgang mit solchen Schicksalsschlägen muss jeder Zuschauer für sich selbst herauslesen.“

Auch wenn sich Autor Stoiber und Regisseur Jansky mehr Kostüme und Requisiten gewünscht hätten und die Handlungsstränge oftmals für den Zuschauer schwer zu verfolgen sind, steht im Mittelpunkt die gelungene Umsetzung eines selbstgeschriebenen Stücks. Ganz besonders die Schauspieler haben dem Stück Leben und Charakter gegeben und so durch ihre großartige Leistung wesentlich zum Gelingen beigetragen.

Helena Klöhr