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Das Leben der Mary Kingsley

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Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan, Marco Polo, Vasco da Gama, Amerigo Vespucci – wer kennt sie nicht? Sie gehören zu den wohl berühmtesten Entdeckern ihrer Zeit. Bis heute sind ihre Reisen oft Teil des Geschichtsunterrichts; selten werden jüngere Forscher angesprochen. Forscher wie der Norweger Roald Amundsen (*1872, +1928), der bis heute zu den erfolgreichsten Polarforschern gehört. Oder der Amerikaner John Wesley Powell (*1834, +1902), dessen Entdeckerdrang letzendes zu der Erforschung des Grand Canyon führte. Im Laufe der Jahrhunderte gab es etliche Forscher und Entdecker, deren Errungenschaften in den meisten Fällen bis heute von Bedeutung sind. Doch, was vielen vielleicht nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass es unter jenen Forschungsreisenden auch jene zu finden waren, die zu jenem Zeitpunkt nicht einmal das Wahlrecht besaßen: Frauen.

Frauen wie Isabelle Eberhardt (*1877, +1904), die, Männerkleidung tragend, eine Reise durch die Sahara durchnahm – allein.

Frauen wie Gertrude Bell (*1868, +1926), die den Nahen Osten erforschte und aufgrund jenes erworbenen Wissens zur politischen Beraterin Großbritanniens.

Frauen wie Mary Kingsley, die für verrückt und unnormal erklärt wurde, als sie England im Sommer 1893 allein verließ, um das bis dato noch Unbekannte zu erforschen: Westafrika.

Mary Henrietta Kingsley wurde am 13. Oktober 1862 in Islington (Ortsteil Nordlondons, Großbritannien) geboren. Sie war die älteste und einzige Tochter des Leibarztes George Henry Kingsley und dessen Köchin. Aufgrund der für jene Zeit nicht standesgemäßen Ehe ihrer Eltern, war Mary Kingsleys Kindheit geprägt von der abweisenden Haltung anderer Familienmitglieder gegenüber ihrer Mutter.

Marys kleiner Bruder Charles George wurde vier Jahre später, 1866, geboren und erhielt letzendes die von Mary ersehnte Schulausbildung, die ihr jedoch verwehrt bleiben sollte. Stattdessen leistete sie ihrer kränklichen Mutter Gesellschaft, die mit der Zeit auf Pflege angewiesen war, und las ein Buch nach dem anderen. Mit der Zeit eignete sich die Autodidaktin Mary Kingsley auf diese Weise deutliches Wissen in den Bereichen Physik, Chemie und Geografie, als auch Ethnologie, Theologie, und vielem mehr an. Darüber hinaus soll sie leidenschaftlich gern zu Literatur gegriffen haben, die Abenteuer und Reisen in ferne Länder thematisiert haben.

Doch erst der Tod ihrer Eltern Anfang des Jahres 1892, ermöglichte Mary den Traum von Reisen, die Sehnsucht nach der Ferne, als ernsthafte Option anzusehen, die umzusetzen galt. Ihr Ziel: Westafrika.

Doch ehe sie aufbrach, unternahm sie eine Reise auf die Kanarischen Inseln – ihre erste Reise als alleinstehende Frau – und machte anschließend ihren Abschluss an der Diakonissenanstalt Kaiserswerth als ausgebildete Krankenpflegerin.

Im August 1893 ist es schließlich soweit; die nun 31-jährige Mary Kingsley packt ihre sieben Sachen und reist mit 300 Pfund in der Tasche ins ferne, unbekannte Afrika. In zeitgemäßer viktorianischer Mode – lange schwarze Röcke, hochgeschlossene Blusen, Stiefel und kleine Hüte –, begann Mary in der französischen Kolonie Kongo ihre ersten Forschungen, indem sie unter Einheimischen lebte, jene beobachtete und zudem von ihnen lernte. So auch die „Fang“, ein, laut Mary Kingsley, kannibalistischer Bantu-Stamm, denen sie sich eine Zeit lang „anschloss“, um sowohl ihre religiösen Bräuche, als auch ihre Lebensweise zu erkunden. Ihren Aufenthalt nutzte sie darüber hinaus ebenfalls zum Einfangen bzw. Sammeln von seltenen, exotischen Fischen, Pflanzen und Reptilien, die sie an das Britische Museum weitergeben würde. Angaben zufolge, finanzierte Mary Kingsley sich ihren Aufenthalt auf dem afrikanischen Kontinent durch den Handel mit verschiedenen Stämmen der jeweiligen Regionen, in denen sie sich gerade befand.

Ihre erste Afrikareise nahm ein halbes Jahr in Anspruch, ehe sie 1894 in Calabar (Hafenstadt in Nigeria) ein Ende nahm und Mary von dort die Rückreise nach England antrat. Zurück in Europa, fasst Mary Kingsley schließlich die Aufzeichnungen ihrer Entdeckungsreise zusammen und veröffentlicht erfolgreich mehrere Bücher.

Im Dezember desselben Jahres brach Mary erneut auf, um ihre Forschungen in Westafrika wieder aufnehmen zu können. Wie auch schon ihre erste Afrikareise, begann auch ihre zweite in der französischen Kolonie Kongo. Von dort wählte sie eine Route durch den Busch, ehe sie nach Corisco (afrikanische Insel, Teil von Äquatorialguinea) und ins damals deutsche Kamerun reiste, wo sie als erste Europäerin den Kamerunberg bestieg. Auch dieses Mal finanzierte Mary Kingsley ich ihren Aufenthalt durch das Tauschen mit Einheimischen.

Knapp ein Jahr später, im November 1895, trat sie erneut die Rückreise nach England an, wo sie sich wieder an die Arbeit machte, ihre neusten Entdeckungen für die Nachwelt schriftlich festzuhalten. Wieder zeigten ihre Veröffentlichungen große Erfolge, besonders ihr Buch „Travels in West Africa“ fand bei der englischen Bevölkerung großen Gefallen und machte Mary national zu einer stark nachgefragten Sprecherin. Darüber hinaus zog Großbritanniens Kolonialminister Joseph Chamberlain sie regelmäßig zu Rate, wenn es um die britische Kolonialpolitik in Afrika ging.

Ihre dritte und letzte Afrikareise führte Mary Kingsley aufgrund des Burenkrieges nicht zurück nach Westafrika, sondern in den Süden des Kontinents, wo sie auf ihre Schwesternausbildung zurückgriff und in Kriegsgefangenschaft geratene Buren pflegte – bis sie sich bei einem von ihnen ansteckte.

Am 03. Juni 1900 erlag Mary Kingsley schließlich dem Typhus und erhielt auf Wunsch eine Meerbestattung. Sie wurde 38 Jahre alt.

Tipp:

  • Mary Kingsleys „Reisen in Westafrika” (engl. Travels in West Africa)
  • Katherine Franks „A Voyager Out: The Life of Mary Kingsley“
  • Julia Keays „Mehr Mut als Kleider im Gepäck“

Larissa-Marilyn Omaya