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We are doing this for your children

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Diese wenigen aneinandergereihten Wörter sprechen Bände. „Wir tun das für eure Kinder“, wiederholen die Protestierenden immer wieder und blicken dabei in ernste, unbewegliche Gesichter von Polizist*innen. „Wie könnt ihr zulassen, dass RWE auch noch den letzten Teil des Waldes zerstört?“, fragen die Aktivist*innen. „Ihr sollt doch uns beschützen, Menschen und Natur und nicht umweltverschmutzende Großunternehmen“. Wieder keine Reaktion der Beamt*innen. Kein Mundwinkel, der sich verzieht, oder Augen, die dich sich beschämt zu Boden richten. Es fühlt sich an, als würden wir gegen eine Wand reden.

Eine junge Mutter weigert sich, die Böschung hinabzusteigen und wird mehrfach von einem Polizisten abgedrängt und geschubst. Sie setzt sich hin und versucht, dem Beamten die Gründe für ihren Protest zu erklären. Sie erzählt ihm von ihren beiden Töchtern und wie sehr ihr der Wald am Herzen liegt. Sie setzt sich für die Umwelt ein, weil es Genrationen nach uns geben wird, die diesen Planeten bewohnen werden. Tiere und Pflanzen, die keine Stimme haben, um sich zur Wehr zu setzen. Und dass es die Verantwortung der Menschen im Hier und Jetzt ist, den Klimawandel aufzuhalten. „Was soll ich meinen Kindern denn sagen? Mann, ich kann es meinen Töchtern nicht erklären.“ Der Polizist schaut stumm an ihr vorbei. Neben ihm antworten die Kolleg*innen mit Pfefferspray und drängen die Aktivist*innen weiter die Böschung hinab.

Der Hambacher Forst, für dessen Erhalt sich die Aktivist*innen einsetzten, ist ein 12.000 Jahre alter Mischwald, der im Dreieck zwischen Aachen, Mönchengladbach und Köln liegt, mitten im sogenannten Rheinischen Revier. Ursprünglich circa 5.500 Hektar groß, sind heute noch 10 Prozent des Waldes erhalten. Er ist Heimat für viele unterschiedliche Lebewesen, darunter auch geschützte und vom Aussterben bedrohte Arten sowie für 300 Jahre alte Bäume. Die jährlichen Rodungen des Waldes um 70 Hektar durch die RWE Power AG verkleinern den Lebensraum für Tiere, Pflanzen und auch Menschen enorm. Einer Schätzung von Umweltaktivist*innen zu Folge wird, wenn der Tagebau wie geplant voranschreitet, der Rest des Hambacher Forstes in drei Jahren verschwunden sein.

Unter dem schützenswerten Naturgut verbirgt sich nach Angaben von RWE in der Erde ein großes Vorkommen an Braunkohle. Ein fossiler Brennstoff, der größtenteils in Strom umgewandelt wird. Laut RWE Angaben bestehen 12 Prozent der in Deutschland ins Stromnetz eingespeisten Energie aus Braunkohle. Mag Braunkohle früher als effizienter Energieträger gegolten haben, so ist heute nachgewiesen, dass es mit Abstand der klimaschädlichste ist. In Zeiten des voranschreitenden Klimawandels wäre der Ausstieg aus der Braunkohle bereits überfällig gewesen. Dies würde zugleich das Ende für den Tagebau im Rheinischen Revier und somit den größten CO2 Produzenten Europas bedeuten. Allerdings heißt es auf der Internetseite des RWE Konzerns, dass in Zeiten des Atomausstiegs wieder vermehrt auf Braunkohle gesetzt wird. Eine sehr widersprüchliche Situation, die eher ökonomischen als Umweltinteressen dient.

Das Bündnis gegen Braunkohle Rheinland, bestehend aus einer Vielzahl von Bürgerinitiativen und Organisationen wie ausgeCO2hlt, Attac Köln, Initiative „Buirer für Buir“ und andere haben stichpunktartig aufgelistet, welche Belastungen und Gefahren mit dem Braunkohleabbau im Rheinland verbunden sind:

  • Weitere Klimaveränderungen durch ungehemmten CO2 Ausstoß
  • Unwiederbringliche Zerstörung von wertvollen Natur- und Kulturlandschaften durch monströse Tagebaue
  • Entwurzelung vieler Menschen durch die Umsiedlung aus gewachsenen Dörfern und Sozialstrukturen in Retortendörfer
  • Nicht zumutbare Belastungen für Menschen, die in Tagebaugemeinden leben
  • Permanente Luftverschmutzung und damit einhergehende Gesundheitsgefährdung u.a. durch radioaktiven Feinstaub, Quecksilber und Stickoxide aus Tagebauen und Kraftwerken
  • Gefährdung des Grund- und Trinkwassers durch verkippte Kraftwerkrückstände (Millionen von Tonnen Asche, die u.a. Schwermetalle enthalten)
  • Unkalkulierbare Ewigkeitsschäden und -kosten

Der Hambacher Forst ist ein sehr besonderer Ort. Hier wollen die Umweltschützer*innen nicht länger hinnehmen, dass für kapitalistischen Nutzen Natur und Mensch ausgebeutet werden. Dass von der Landes- und Bundesregierung für legal erklärt wird und gleichzeitig Naturschützer*innen kriminalisiert werden. Eine widersprüchliche Situation, hält man sich vor Augen, dass Deutschland sich als grünes Vorzeigeland präsentiert. Noch im November 2017 wurde in Bonn, circa 50 km vom Hambacher Forst entfernt, zusammen mit den Fijiinseln die Klimakonferenz ausgerichtet und seit Jahren inszeniert sich die Bundesrepublik als Vorreiter in Sachen Klimaschutz und erneuerbare Energien. Braunkohle wieder vermehrt als Energieträger einzusetzen ist vor diesem Hintergrund schwer haltbar und hebt die an den Tag gelegte Doppelmoral noch mehr hervor.

Den Beschützer*innen des Hambacher Forstes ist dies mehr als bewusst. Seit bereits fünf Jahren halten sie Teile des Waldes durchgängig besetzt. Sie leben ihren Protest und lassen eine Welt, die häufig als idealistische Utopie bezeichnet wird, Realität werden. Sie wehren sich gegen Macht und Herrschaft, denn für sie steht fest, dass „nur in einem System, in dem einige die Macht haben, die negativen Folgen ihres Handelns auf andere abzuwälzen und den Profit für sich zu behalten, es für den Menschen sinnvoll ist, die Erde auszubeuten- weil sie*er so nicht unter den Konsequenzen leiden muss. Hätten die Menschen, die aus ihren Dörfern vertrieben wurden oder die Menschen im globalen Süden, deren Heimat durch den Klimawandel überflutet oder unbewohnbar werden, ihre Zustimmung zum Braunkohleabbau geben müssen, so wäre er nie passiert. Nur weil einige ihre Profitinteressen mit Gewalt durchsetzen können, ist diese Zerstörung möglich“ (https://hambacherforst.org/besetzung/selbstverstaendnis/).

In eigens errichten Dörfern, wie Oaktown, Beechtown oder Monkeytown, leben die Besetzer*innen in selbstorganisierten, lockeren Verbünden. Sie bewohnen Baumhäuser, die teilweise dreistöckig sind, Türen, Fenster und Öfen haben und nur über Klettern zu erreichen sind. Einige der Aktivist*innen leben hier das ganze Jahr über, andere kommen für ein paar Monate in den Wald. Manche studieren nebenbei, andere gehen einer Lohnarbeit nach und wieder andere haben ihren Lebensmittelpunkt im Wald. Ein bunter Haufen an Menschen mit unterschiedlichen Motivationen und Vorstellungen, aber alle gemeinsam wollen sich gegen die Ausbeutung von Menschen und Natur wehren. Jede*r ist willkommen, und wenn es nur für eine Nacht ist. Man gibt sich einen Waldnamen und spricht vornehmlich englisch, denn auch Umweltschützer*innen aus anderen Ländern sind hier vertreten. Es wird versucht, ohne hierarchische Strukturen oder Anführer*innen auszukommen und das Zusammenleben ständig zu reflektieren. Im Wald führen die Besetzter*innen einige Zeit ein Leben abseits von Konsum, Stadtlärm und Häusern aus Stein. Man setzt sich gemeinsam für den Erhalt des Waldes, des Lebensraumes und gegen den schädlichen Abbau von Braunkohle ein.

Gleichzeitig wird hier Protest organisiert. Das ganze Jahr über wird sich auf die Rodungssaison im Herbst vorbereitet. Barrikaden werden auf Zufahrtswegen errichtet, um den Zugang für die Räumfahrzeuge zu erschweren. Waldspaziergänge werden organisiert, um eine möglichst breite Öffentlichkeit zu schaffen und es wird sich mit anderen Umweltaktivist*innen vernetzt. Zudem mussten bereits vier Mal neue Dörfer und Baumhäuser errichtet werden, da die alten in einer aufwändigen Räumaktion von RWE- Mitarbeiter*innen und Polizist*innen zerstört wurden. Doch die Besetzer*innen lassen sich dadurch nicht entmutigen. Am Tag X + 4 nach der Räumung wird ein neuer Teil des Waldes besetzt. Sie verbinden ihren eigenen Alltag mit dem Leben des Waldes, harren hartnäckig auch bei widrigstem Wetter aus und werden gleichzeitig durch RWE und Politik kriminalisiert. Auf der anderen Seite erfahren sie eine Menge Unterstützung von Anwohner*innen, die Lebensmittel vorbeibringen oder die Aktivist*innen bei sich duschen lassen. Ein großes Netzwerk der Unterstützung spannt sich um den Hambacher Forst und es wird immer größer. Selbst in Würzburg gab es am Sonntag, den 17.12.2017, eine Soli-Kundgebung am Vierröhrenbrunnen mit anschließender Menschenkette über die alte Mainbrücke.

In der gesamten Umgebung um den Tagebau solidarisieren sich Menschen und Gruppen gegen den Abbau von Braunkohle. Sie protestieren auf die unterschiedlichste Art und Weise. Luna, eine Aktivistin der Umweltgruppe ausgeCO2hlt, fasst die Vielschichtigkeit des Protests so zusammen:

„Wir denken unseren Protest im Plural: Es gibt die Menschen, die im Hambi wohnen und jeden Tag ihre Utopie zur Realität werden lassen. Es gibt NGOs, die auf institutionellem Wege versuchen, konkrete Veränderungen herbeizuführen, etwa durch die Klage des BUND gegen das Land NRW. Und dann gibt es Aktivist*innen in den Städten, die bunt und laut etwas anstoßen wollen in den Köpfen der Menschen. Gerade bewegt sich unglaublich viel: Es gibt Sketche und symbolische Baumbesetzungen auf Weihnachtsmärkten, ein Protestfrühstück vor RWE, Demos und Soli-Lesungen. Letztlich schweißen all die Aktionen uns als Aktivistis zusammen, was enorm wichtig ist.“

Einen wichtigen Erfolg gegen RWE konnte der BUND verzeichnen, der mit einem Eilantrag einen Rodungsstopp verfügte. Seit dem 28.11.2017 darf nicht mehr gerodet werden. Jetzt prüft die Bezirksregierung Arnsberg die vom BUND aufgeworfenen naturschutzrechtlichen Fragen bis März nächsten Jahres und entscheidet dann über den nächsten Hauptbetriebsplan.

Für alle, die mehr erfahren wollen, gibt es eine wunderbare Internetseite von den Besetzer*innen mit allen wichtigen Infos rund um den Hambi: http://www.hambacherforst.org

Julia Boving