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Zwischen Sauna, Schnee und Uni

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Die eisige Kälte sticht in Form von tausenden kleinen Nadeln in meine Hände, meine Finger sind steif. Trotzdem schaffe ich es den Auslöser zu betätigen und sehe daraufhin eine Momentaufnahme von dem tanzenden Grün auf meinem Kameradisplay. Der Himmel ist sternenklar, man sieht den großen Wagen und den abnehmenden Mond. Wir sind direkt am Flussufer, im Tiefschnee, auf der anderen Seite ein Birkenwald. Bei jedem einzelnen Atemzug erschaudert man innerlich erneut. Und so stehen wir da, in Stille und überwältigt von der Schönheit der Natur. Mitten im Nichts und ohne Mobilfunkempfang betrachten wir bei -18° die Nordlichter im finnischen Lappland.

Die letzten vier Monate habe ich während meines Auslandssemesters in Finnland gelebt und dabei gelernt, dass Finnland mehr zu bieten hat als eisige Kälte. Das Land im Norden Europas wirkt oftmals etwas unscheinbar, es ist nicht oft in der Presse. Dabei wurde Finnland in einigen Bereichen zur Nummer 1 erklärt. 2016 wurde es als sicherstes Land der Welt platziert. Es ist zum fünften Mal in Folge Bestplatzierter im Umgang mit der Pressefreiheit. Es ist das Land mit dem höchsten sozialen Fortschritt und dem höchsten Lebensstandard weltweit (World economic forum 2016, World press freedom index 2016, Social progress index 2016, social progressive imperative 2016). Die Finnen konsumieren den meisten Kaffee und haben den höchsten Milchkonsum mit einem Liter Milch pro Person pro Tag. In Finnland gibt es mehr Heavy Metal Bands als überall anders. Es hat bei Olympia am meisten Goldmedaillen pro Kopf erzielt und ist das am dünnsten besiedelte Land der EU. Auf 5,5 Millionen Einwohner kommen 2 Millionen Saunas.

Zahlreiche Innovationen haben ihren Ursprung in Finnland. Das unzerstörbare Mobiltelefon Nokia 3310 stammt aus Finnland und die Firma Nokia wurde nach einer finnischen Kleinstadt im Südwesten Finnlands benannt. Das Betriebssystem „Linux“ stammt von einem Finnen und die erste SMS wurde von Matti Makkonen in Finnland entwickelt.

Die Finnen selbst werden oft als zurückhaltend, still und reserviert beschrieben, das ist aber etwas zweigeteilt. Einerseits legen Finnen extrem viel Wert auf ihren Freiraum. Zum Beispiel gibt es kaum WGs in Finnland, da die Finnen lieber in ihrer eigenen Wohnung leben. Andererseits lieben sie es, Karaoke zu singen und gehen zusammen in die Sauna. Nackt. Mit Freunden, Arbeitskollegen oder ihrem Chef. Sie sind sehr ehrlich und betreiben keinen Smalltalk. Wenn man einen Finnen fragt, wie es ihm geht, dann folgen keine Floskeln, sondern eine ehrliche und umfassende Antwort. Stille empfinden Finnen außerdem nicht als unangenehm. Bei einer normalen Konversation können auch viele Minuten der völligen Stille dazwischenliegen, ohne dass sich dabei jemand unwohl fühlt. Finnen bringen außerdem einander großes Vertrauen entgegen. Auf allen finnischen Partys gibt es meistens einen riesigen Taschen- und Jackenberg, ohne dass auch nur einer daran denkt, dass sein Geld, die Kreditkarte oder das Handy geklaut werden könnte.

Nicht zuletzt sind die Finnen etwas verrückt. Wer sonst würde in einem Land leben, in dem man im Winter quasi in völliger Dunkelheit lebt und ein halbes Jahr lang über gefrorene Straßen laufen muss? Sie haben ganz eigene Sportarten entwickelt, die weltweit einmalig sind. Das fängt schon bei Kindern an. Besonders bei Mädchen und Frauen zwischen 10 und 18 Jahren ist „Hobby Horsing“ enorm beliebt. Bei dieser Sportart werden wie beim Springreiten Parcours aufgebaut, aber es gibt keine Pferde. Stattdessen springen Kinder mit eigens gebauten Steckenpferden selbst über Hindernisse. Diese Sportart ist so beliebt, dass es sogar regionale Wettkämpfe und eine jährliche nationale Meisterschaft gibt.

Für Erwachsene gibt es zum Beispiel die Sportart „Frauentragen“, bei der wird die Frau von ihrem Mann getragen und sie müssen zusammen einen Parcours absolvieren, der oftmals durch viel Wasser und Schlamm führt. Zusatzpunkte gibt es für besondere Verkleidungen. Außerdem gibt es Gummistiefelweitwurf und Handyweitwurf. Dafür müssen nicht nur Nokia-Handys verwendet werden und der Rekord liegt bei einem Deutschen, der 136 Meter erreichte. Eine jährliche Luftgitarrenmeisterschaft erfreut sich in Finnland auch starker Beliebtheit, dafür werden sogar von den finnischen Luftgitarrenchampions persönlich Workshops angeboten.

Das finnische Studentenleben ist sehr viel übersichtlicher und persönlicher. Die Veranstaltungen finden in einem kleinen Rahmen statt und die Professoren werden geduzt. Jeder finnische Studierende bekommt außerdem monatlich 500€ vom Staat und es gibt viele Berufstätige, die nebenbei noch ein Studium aufnehmen.

In vielerlei Hinsicht ist Finnland ein besonderes Land, aber das Atemberaubendste ist die wunderschöne Natur. Es wird auch das „Land der tausend Seen“ genannt und den Sommer verbringen die meisten Finnen fernab der Zivilisation, in ihrem kleinen Häuschen mit Sauna direkt am See. Es gibt wunderschöne Sandstrände im Westen Finnlands und 65% des restlichen Landes bestehen aus Wald. Sobald man in den Norden reist, ist man von Rentieren umgeben. Im Herbst leuchten die Wälder Finnlands in tausend bunten Farben. Im Winter ist das finnische Lappland von einer dicken Schneedecke bedeckt. Es besteht die Möglichkeit Nordlichter zu sehen und allein deshalb war ich sehr zufrieden, mein Auslandssemester in Finnland verbracht zu haben.

Sarah Urbanksi