Zum Inhalt springen

30 Jahre Klacker-Klacker

Blog

Der Gameboy, der Dinosaurier unter den Spielekonsolen, feiert in diesem Jahr seinen 30-jährigen Geburtstag. Das Gerät ist zwar hoffnungslos veraltet, für viele Kinder der Neunziger aber eine Zeitreise zurück in ihre Jugend.

Als der US-Armee-Arzt Stephan Scoggins 1991 seinen Gameboy Classic mit zum Kriegseinsatz in den Irak nahm, ahnte er nicht, dass sein Spielgerät Jahrzehnte später einmal verkohlt und mit geschmolzenem Gehäuse als Ausstellungsstück in einer Vitrine im New Yorker Nintendo-Store liegen würde. Er ahnte auch nicht, dass seine Baracke eines Tages von feindlichen Truppen beschossen und niederbrennen würde. In den Flammen: sein Gameboy. 

„Glücklicherweise waren dieser Gameboy und einige Spiele die einzigen Opfer des Angriffs“, fügte er eine Notiz zur der Reparatur-Sendung hinzu, die er den Technikern von Nintendo nach seiner Rückkehr schickte. Diese staunten nicht schlecht und versuchten das Gerät anzuschalten. Zu ihrer großen Überraschung funktionierte er noch. Scoggins erhielt ein neues Exemplar, sein kriegsgeschundenes Gerät behielt Nintendo als spektakuläres Ausstellungsstück. Als Zeichen der Unkaputtbarkeit liegt es seitdem für Fans und Verehrer bei Nintendo im Rockefeller Centre aus.

Die robuste Hülle des Gameboys war aber keineswegs der einzige Grund für seinen weltweiten Erfolg. Die einfache Steuerung, die handliche Größe zum Mitnehmen, die lange Batterielaufzeit, die einzigartigen Spielfiguren wie Zelda, Super Mario oder Donkey Kong sowie die einfache Grafik waren der Grund, warum Millionen Jugendliche und junge Erwachsenen wie Stephan Scoggins Anfang der Neunziger ihre Finger nicht von dem Gameboy lassen konnten.

Rund 150 Mark kostete der Gameboy Classic, der erste seiner Art, als er 1990 auf den Markt kam. Damals mit im Verkaufspaket: das Jahrhundertspiel Tetris. Bis heute hat sich das Produkt des japanischen Spieleherstellers Nintendo weltweit mehr als 120 Millionen Mal verkauft. Nur Sonys PlayStation 2 und der hauseigene Nintendo DS gingen häufiger über den Ladentisch.

Der Gameboy war nie ein Spielzeug für Einzelgänger. Im Gegenteil, das Zocken war ein Erlebnis, das Beziehungen förderte. Gemeinsam saß man Nachmittage hinweg nach der Schule auf dem Zimmer eines Kumpels, guckte auf seine Gameboys und tauschte sich aus, bis man sich mit vereinter Kraft durch ein Level gespielt hatte. Eltern verzweifelten bei diesem Anblick, wussten aber nicht um den Wert dieser gemeinsamen Erfahrung. Zusammen knobelte, scheiterte und kämpfte man, bis der vermeintlich übermächtige Gegner besiegt war.

Um die Fantasie der Spieler zu befeuern, so heißt die Legende, verzichtete der japanische Gameboy-Erfinder Gumpei Yokoi ursprünglich auf ein farbiges Display. Stattdessen ließ er den 8-bit-Prozessor des Geräts auf nur vier Graustufen programmieren. „Die Technik für Farbe war damals vorhanden“, soll er einmal gesagt haben. „Aber die Spielewelt erscheint viel mächtiger, wenn der Spieler sie mit der eigenen Phantasie ergänzen muss.“

Nach dem ersten Erfolgsmodell kam 1998 der Gameboy Color auf den Markt. Bis zu 32.000 Farben hatte er zu bieten. Spiele des Vorgänger-Modells ließen sich noch immer auf dem Gameboy Color spielen. Neu war eine Infrarotschnittstelle, mit der man einige Spiele ohne Linkkabel gegeneinander spielen konnte. 

Mit dem Gameboy Color erblickten auch die Pokémon das Licht der Welt. „Fang sie dir alle!“, war der Slogan der Spielereihe, in der man als Ash Ketchum aus Alabastia die bunten Monster fing, sie trainierte und sich mit anderen Trainern duellierte. Zuerst erschienen die Spiele-Editionen Blau, Rot und Grün, später kamen weitere dazu. 

Die Reihe sollte in den Folgejahren eine der wichtigsten Spielemarken für Nintendo werden. Ab dem neuen Jahrtausend versuchte der japanische Hersteller nämlich zunehmend, die hochmoderne Technik der Nintendo-Konsolen auf die Gehäusegröße eines Gameboys zu komprimieren. Als erstes Produkt dieser neuen Marschroute kam 2001 der Gameboy Advance heraus. Mit dem 32-bit-Prozessor war die Handheld-Konsole deutlich leistungsstärker und ermöglichte ganz neue grafische Möglichkeiten jenseits der anfänglichen vier Grautöne. 

Mancher mag sich noch an die erfolglosen Anschluss-Modelle erinnern: Der Gameboy Advance SP im Laptop-Format oder den Gameboy Micro mit integriertem MP3-Player. Im Rückblick sind sie aber nur Tropfen auf dem heißen Stein der Gaming-Geschichte. Beide konnten nicht an vorige Erfolge anknüpfen, sodass 2006 der damalige Nintendo-Präsident das Ende der Gameboy-Reihe verkündete. Die Zukunft hieß Nintendo DS und bestach durch zwei Touchscreens, ein Mikrofon und einen W-LAN-Adapter. 

Der Gameboy wird seitdem zwar nicht mehr produziert, seine Legende lebt aber unter den Kindern der Neunziger weiter. Im Internet wird sein Erbe von Zockerinnen und Zockern anhand von Gameboy-Foren erhalten. Sie geben Spiele-Tipps oder Anleitungen dafür, wie man das Handheld selbst umbauen oder upgraden kann. 

Heutzutage lagern weltweit noch viele Gameboys in staubigen Kellerregalen. Mancherorts entdeckt man auch noch Exemplare in den Schaufenstern von Gaming-Shops, für einen Kaufpreis von rund 50 Euro inklusive einiger Spiele. Dort steht es dann, das vergötterte Kult-Objekt, sein Heiligenschein leuchtet matt, bis man bemerkt, dass er im Vergleich zu den hauchdünnen und superleichten Smartphones von heute doch wie ein Klotz aus der Steinzeit wirkt. 

Cian Hartung