Die Bucket List


„Jeden Tag einen Schnaps“, steht auf dem ersten Zettel, den ich aus dem Briefkasten fische.
Es war knapp viertel nach 12, auf der Geburtstagsfeier zu meinem 24. In meinem WG-Zimmer befand sich ein Großteil meiner liebsten Menschen. Auf dem Briefkasten prangte ein von mir beschriebener Zettel auf dem stand: „Things to do until I turn 25“. Der dazu passende Auftrag an meine Gäste lautete, mir über den Abend bis Mitternacht verteilt, kleine Zettel mit Dingen zu beschriften, die ich bis zu meinem 25. Geburtstag erledigt haben sollte. Der Abend war heiter und schön, für ein oder zwei Zettel waren wohl auch ein oder zwei Bier verantwortlich. Wie für den, den ich gerade in den Händen halte. Ich muss trotzdem schmunzeln, vielleicht kann man das ganze ja auf eine Woche runterreduzieren, meine Leber wird sich bedanken. Am meisten freue ich mich über die Zettel, die wirklich eine Challenge darstellen und die gleichzeitig tolle Erfahrungen versprechen, wie zum Beispiel: „Durchquere ein Land und als einziges Fortbewegungsmittel ist Trampen erlaubt“ oder „Schreibe jeden Tag einen positiven Gedanken auf“ oder „Fange ein Gespräch mit einem Fremden an (ein langes)“. Ein paar Dinge schreibe ich mir noch selbst auf und packe sie in den Briefkasten, ein paar Dinge, die ich mir selbst schon länger vorgenommen habe bzw. tun wollte. Beispielsweise an einem Poetry Slam teilnehmen, mir ein Ehrenamt suchen oder meine Steuererklärung abzugeben. Verlustvortrag ich komme.
Vorschläge und Anregungen zu Bucket Lists gibt es viele, nicht nur meine interaktiv angelegte: „Things to do before you turn 30“, „Dinge, die man als Würzburger getan haben sollte“, „Dinge, die ein Student getan haben sollte“ und noch viele mehr. Das Internet und insbesondere Online-Magazine für Millenials sind voll davon. Aber lohnt es sich eine Bucket List für das Studium anzulegen und wenn ja, was sollte draufstehen? Oder sollte das Studium lieber eine Wundertüte mit ungewissen Inhalt bleiben? Erst einmal: Das bleibt es sowieso! Versprochen! Bucket List hin oder her. Dann sollte die Bucket List nicht zu einer weiteren Burn-Out-verursachenden To-Do-Liste werden, die das schrecklichste Oxymoron des 21. Jahrhunderts Realität werden lässt: Den Freizeitstress. Was könnte denn nun auf solch eine Bucket List? Ein paar unverbindliche Vorschläge meinerseits sind: Das Erlernen einer neuen Sprache, das Besuchen von Kursen, die nicht zum eigenen Fach gehören und Creditpoints bringen, nachts schwimmen im Main (aber Achtung, im Main schwimmen beißende Fische), mit so vielen fremden, aber interessant erscheinenden Menschen wie möglich sprechen, einen Witz richtig gut erzählen können und ein Abendessen für 5 Personen in Restaurant-Qualität kochen können. Es lohnt sich definitiv Freunde bei der Liste mitwirken zu lassen. Weil diese einen aus der eigenen Wunsch-Komfortzone herauslocken können und uns zum Beispiel rückwärts laufend einkaufen gehen lassen würden. Alles in allem kann eine solche Bucket List helfen, sich Ziele und Wünsche außerhalb der Studieninhalte zu setzen und herauszufinden, was man neben Creditpoints und einem Uniabschluss noch aus dem Studium mitnehmen möchte.
Mittlerweile sind zehn Monate vergangen: Die Steuererklärung wurde abgegeben, Österreich und Norditalien trampend durchquert und die Liste mit positiven Sätzen bereits nach zwei Tagen aufgegeben. Meine Bucket List hängt an der Wand über meinem Sofa, die erlebten „Challenges“ sind mit einem Beweisfoto überklebt.
An dieser Stelle noch eine kleine Anmerkung zur Bucket List: Es gibt auch Punkte, die am Ende des Tages zwar eine Erfahrung sind, aber vielleicht eher eine Erfahrung, die man in die Schublade „Lesson Learned“ anstatt „Unbedingt wiederholen“ stecken würde. So durfte ich feststellen, dass eine Woche frutarische Ernährung – eine Ernährungsform, die ein noch reduzierteres Lebensmittelspektrum als Veganismus erlaubt – nicht nur super zeitaufwendig und anstrengend ist, sondern mich auch für fast eine Woche mit einer darauffolgenden Erkältung ans Bett fesselte. Heute gehe ich einen Baum pflanzen. Und ja, der Zettel mit der „Aufgabe“ kam von einem Freund/ einer Freundin in meinen Briefkasten. Stand aber auch vorher bereits auf meiner ganz persönlichen Bucket List!
Viktoria Horn