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Ich entscheide, also bin ich

Blog

Foto: Viktoria Horn

Warum sich Entscheidungen immer lohnen und wie man bei schwierigen Entscheidungen die richtige Option für sich findet.

Schokoeis oder doch lieber die neue Eissorte Matcha-Eistee-Geschmack beim Lieblingsitaliener? Auslandssemester im modernen Norwegen oder im warmen Italien? Einzelzimmer und immer freies Bad oder doch WG-Zimmer mit geselligen Kochabenden? Entscheidungen können manchmal unglaublich schwer sein, so schwer, dass wir uns teilweise davor drücken wollen oder an ihnen schier verzweifeln.

Dieser Widerwille Entscheidungen gegenüber hat sogar einen Namen: Decidophobie – die Angst vor Entscheidungen. Es ist die Angst, am Ende einer Entscheidung die falsche Option gewählt zu haben. Dass die neue Eis-Sorte gar nicht schmeckt, dass es uns in Norwegen zu kalt sein wird oder, dass uns die durchgängig dreckige Küche in der WG irgendwann in den Wahnsinn treibt. Der ungewisse Ausgang und die Möglichkeit eine potentiell bessere Option in den Wind zu schlagen sind zwei äußerst unangenehme Eigenschaften einer schwierigen Entscheidung, die uns mitunter lähmen und diese bis auf den letzten Drücker aufschieben lassen. Gerade in der Zeit des Studiums sind wir immer wieder angehalten, große und wichtige Entscheidungen zu treffen, in denen wir teilweise festlegen, wie unser restliches Leben verläuft. Wie treffen wir nun aber in diesen schwierigen Situationen die für uns bestmöglichen Entscheidungen?

In ihrem Ted Talk „How to make hard choices“ führt die Philosophin Ruth Chang eine weitere Eigenschaft schwieriger Entscheidungen an: Alle Auswahlmöglichkeiten einer schwierigen Entscheidung sind gleich gut. Beziehungsweise: Die eine Option hat Vorteile in einem bestimmten Bereich und die andere Option hat Vorteile in einem anderen Bereich. Die Optionen sind „on a par“, wie sie es nennt. Oder auch: gleichgültig. Gleichgültig ist hierbei ein interessantes Wort, wird es doch im deutschen Sprachgebrauch häufig mit dem Wort „egal“ gleichgesetzt. Jedoch bedeutet es in Bezug auf Entscheidungen, dass diese die gleiche Gültigkeit besitzen, sprich: denselben Wert. Die eine Entscheidung verspricht nicht insgesamt mehr positive Effekte als die andere. Chang rät dazu, diese Arten von Entscheidungen als Möglichkeiten zu sehen. Dadurch, dass beide Entscheidungen gleich gut sind, können wir in diesem Moment gar keine falsche Entscheidung treffen. Aber wir bekommen die Möglichkeit, einer bestimmten Option den Vorzug zu geben. Und damit eine bestimmte Richtung einzuschlagen, bzw. einem bestimmten Wert mehr Gewicht bei zu messen und damit die Gleichgültigkeit der Entscheidungsoptionen aufzuheben. Bin ich zum Beispiel eher ein Familien- oder ein Karrieremensch? Heimatverbunden oder Weltenbummler? Festivalgänger oder Schlagerzeltfreund? Stullenliebhaber oder Sushifan? Diese Einstellungen zu bestimmten Themen helfen uns, Entscheidungsoptionen zu gewichten und sich irgendwann selbst zu bedingen, d.h. Entscheidungen selbst zu beeinflussen. Durch die Entscheidung für bestimmte Kleidungsstücke beim Shopping bedingt sich irgendwann die Entscheidung für einen Kleidungsstil, durch die Entscheidung für das wiederholte Treffen mit bestimmten Freunden bedingt sich irgendwann die Entscheidung für einen bestimmten Freundeskreis, usw. Außerdem warnt Chang davor, sich immer für die vermeintlich sicherere Option zu entscheiden. Die, von der wir wissen, dass sie vielleicht eher funktioniert, uns weniger aus unserer Komfortzone herauslockt, aber dafür weniger unseren eigenen Wünschen und Werten entspricht. Letztendlich hält die Philosophin dazu an, aktiv Entscheidungen wahrzunehmen und nicht zu einem, wie sie sie es nennt, „Drifter“ zu werden: Jemand der Entscheidungen von außen für sich treffen lässt, sich aus der Verantwortung zieht und die Wertesysteme anderer nutzt, um zu einer Entscheidung zu kommen. Denn dann führt man schlussendlich nicht sein eigenes Leben, sondern das der anderen.

Auch Dr. Annette Retsch vom Career Centre der Uni Würzburg gibt den Rat, sich zunächst über die eigenen Werte und Ziele klar zu werden und danach die eigenen Entscheidungen auszurichten.
Außerdem könne es sehr hilfreich sein, bereits gemachte Erfahrungen aus ähnlichen Situationen im eigenen Leben oder Erfahrungen von Kommilitonen oder auch Studierender anderer Studiengänge zu nutzen, die bereits in ähnlichen Entscheidungssituationen gesteckt haben. Allgemein gibt Dr. Retsch den wichtigen Hinweis, dass wir bei Entscheidungen keinesfalls auf uns alleine gestellt sein müssen: Neben dem Beratungsangebot des Career Centre, eine Potentialanalyse durchzuführen, hilft außerdem ein Blick von außen aus dem näheren Bekanntenkreis oder der Familie um den eigenen Blickwinkel und die eigenen Vorstellungen mit der Außenwelt abzugleichen. Denn gerade auch durch Gespräche mit Personen, die uns wichtig sind und nahestehen, können wir unsere Wertvorstellungen und Wünsche an unsere Zukunft immer wieder abgleichen und verinnerlichen. Und selbst, wenn wir mit einem Ratschlag zu einer bestimmten Entscheidungssituation nicht einverstanden sind, zeigt uns das nur, was wir nicht wollen und hilft auf diese Weise ebenso weiter.

Schließlich ist es aber wohl das Allerwichtigste überhaupt, eine Entscheidung zu treffen und hinter dieser Entscheidung dann auch zu stehen. Denn nur so wird man frei von Ungewissheit und verschwendet keine unnötige Energie auf das Abwägen und Nachgehen anderer, ebenfalls möglicher Optionen. Denn einerseits wissen wir insgeheim meistens schon, welcher Option wir am ehesten zugeneigt sind, können das Ganze nur manchmal noch nicht in Worte fassen. Andererseits können wir selbst bei einer falschen Entscheidung, so abgedroschen es auch klingen mag, dazu lernen und sind um eine Erfahrung reicher, die uns bei der nächsten, eventuell noch wichtigeren Entscheidung weiterhelfen kann. Schaffen wir es aber nicht, uns zu entscheiden, hängen wir nur in einem lähmenden Zwischenzustand herum, der uns in keiner Richtung weiterbringt und im schlimmsten Fall beide Entscheidungsoptionen verstreichen lässt. Oder wie meine Mutter sagen würde: Wer zwei Hasen hinterherrennt, fängt am Ende gar keinen. Auch Mütter sind nämlich manchmal ganz gute Entscheidungshelfer.

Viktoria Horn

Foto: Viktoria Horn