Mietpreise an deutschen Hochschulstandorten steigen weiter rasant an


Mit dem Abi in der Tasche, einen Sommer der grenzenlosen Freiheit hinter sich und frischer Energie beginnt für viele im Oktober ein neuer Lebensabschnitt – das Studium. Studieren bedeutet für die meisten sich endlich mit Themen zu befassen, die sie interessieren, auch mal eine Vorlesung zu verschlafen ohne einen Vermerk zu bekommen und – natürlich besonders wichtig – die erste eigene Wohnung! Es könnte so schön sein, wäre da nicht ein Problem: Der Mietwahnsinn an deutschen Universitätsstandorten. Der kürzlich veröffentliche Studentenwohnreport 2019 des Finanzdienstleisters MLP in Kooperation mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt deutlich auf wie dramatisch die derzeitige Lage ist.
Die prekäre Wohnmarktsituation in deutschen Großstädten ist gängiges Thema in den Medien. Gründe sind unter anderem das, der Nachfrage nicht ausreichende Angebot, was aus einem Bevölkerungszuwachs und einer geringen Bautätigkeit resultiert. Laut dem MLP stünden Studierende im Wettbewerb besonders schlecht da. Das läge daran, dass sie oftmals nicht über ein festes Einkommen verfügen würden und für Vermieter keine langfristige Perspektive bieten. Somit hätten sie als Interessenten für kleine Wohnungen in Uninähe im Vergleich zu finanziell gefestigteren Bewerbern geringere Chancen.
Der Report, welcher sich aus Mietmarktanalysen des IW und Beratungsexpertise des MLP zusammensetzt, beschäftigte sich mit der Wohnlage für Studierende an 30 deutschen Hochschulstandorten. Zum anschaulichen Vergleich ging man von einer 1995 errichteten 30 qm großen Musterwohnung aus, welche in einer Entfernung von 1,5 km zur jeweiligen Hochschule liegt und über eine Einbauküche verfügt. In München (717 €), Stuttgart (542€) und Frankfurt am Main (505€) war die monatliche Warmmiete besonders hoch. Am günstigsten kamen Studierende in Bochum (287€), Leipzig (278€) und Magdeburg (251€) weg.
Ein besonderes Augenmerk warf der Bericht auf die Preisentwicklung der letzten Jahre. Für die Berechnung bediente man sich einem besonderen System, um weitere Faktoren für die Entwicklung außen vor zu lassen. Laut diesem stiegen die Mieten in Berlin und München mit jährlich über 6 % am stärksten. Das sei für die Großstädte jedoch nichts Neues. Anders stand es dafür in Darmstadt, Frankfurt und Konstanz. Der durchschnittliche Mietpreisanstieg in diesen Regionen lag für den Zeitraum 2010 bis 2019 nicht über 4%. Der Zuwachs von 2018 auf 2019 war jedoch mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Spitzenreiter ist Darmstadt, wo der Neunjahresvergleich bei einer Steigerung von 3,4% lag, das letzte Jahr jedoch einen Anstieg von 8,3% verzeichnete. Ursachen waren unter anderem die große Zahl von Einfamilienhaushalte (über 50%) und die dortige Unwirksamkeitserklärung der Mietpreisbremse.
Laut dem Bericht studieren heutzutage 84.000 Menschen mehr, als noch im Semester 2008/09. Einen besonders großen Zuwachs an Studierenden verzeichneten Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Stuttgart und Köln. Im Gegensatz dazu ging die Anzahl in ostdeutschen Standorten jedoch teilweise sogar zurück. Eine größere Zahl von Studierenden bedeutet mehr Bedarf an günstigem Wohnraum. Da dieser jedoch nur langsam hinterherkommt, sind derartig große Mietpreisanstiege gängige Folge.
Für den Großteil der Studierenden ist ihr jährliches Nettoeinkommen entweder gleichgeblieben oder sogar stagniert. Aus diesem Grund war eine Kompensation mit der Preisentwicklung am Wohnungsmarkt nicht mehr möglich. Die Politik hat hierauf mit einer Erhöhung der Bafög Beträge ab dem kommenden Wintersemester reagiert. So erhöht sich der monatliche Subventionsbetrag für Studierende, die nicht bei den Eltern leben, im Falle eines Höchstzuschlages von 250 € auf 325 €. Geht man von der vorgestellten Musterwohnung aus, so können diese Zahlungen jedoch noch nicht einmal den ganzen Mietpreis decken. Folge dieser Zustände sei, dass die Anzahl der Studierenden mit eigener, privater Wohnung seit 2003 um 8,9 % auf 26,9% zurück gegangen ist. Mit rund einem Drittel der Studierenden war ein Anstieg bei den Wohngemeinschaften zu verzeichnen. Im Vergleich zu 2003 leben 2,8% mehr Studierende (insgesamt 25,2%) noch bei den Eltern, müssten daher auch eine wohnortnahe Uni aufsuchen und seien somit in ihrer Hochschulauswahl eingeschränkt.
Als Lösungsvorschläge verlangt man zum einen den Bau neuer Wohnungen, um das Angebot zu erhöhen und dadurch die Nachfrage besser stillen zu können. Der Report fordert Bauvorschriften für den Bau von Studentenwohnungen zu lockern, da diese überwiegend nur über die Vorlesungszeit genutzt werden würden, dementsprechend beispielsweise die energetischen Anforderungen nicht dem eines Einfamilienhauses gleichkommen müssten. In Anbetracht niedrigerer Wohnpreise in strukturschwächeren Regionen solle man die dort ansässigen Universitäten stärken, um durch Anreize mehr Studierende für sich zu gewinnen. Das diene zusätzlich auch dem wirtschaftlichen Motor der Regionen, da Hochschulen durch neue Innovationen die Entwicklung ankurbeln würden.
Diese Ansätze bringen den jetzigen Wohnungssuchenden allerdings nichts. Da hilft es nur Ruhe zu bewahren und sich in Geduld zu üben.
Nabila Rehbein