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Tunnelblick

Blog

Ein Handy klingelt und durchbricht die beinahe andächtige Geräuschkulisse aus piependen Automaten und blecherner Stimmen, die Gewinne versprechen oder viel Glück wünschen. Der Mann in der hinteren Ecke, beinahe vollständig mit einem ausladenden Sessel vor dem Spielautomaten verschmolzen, geht fast wie in Trance an sein Handy, während er gebannt die sich immer neu sortierenden Bildchen auf dem Bildschirm verfolgt. „Ja? Nein, alles tot hier!“, die Stimme des Mannes ist gereizt, er spricht lauter als er müsste und weiß das. Alle sollen seinen Unmut hören. Einer der anderen Spieler sieht hinüber. Er weiß, wie es in dem Mann aussieht, kennt das Gefühl. Er widmet sich wieder seinem eigenen Bildschirm, auf dem sich goldene Bildchen leicht bekleideter Pin-up-Girls wieder und wieder zu memorieartigen Reihenfolgen zusammensetzen. Der Mann am Handy legt auf. Frustriert schlägt er mit der flachen Hand auf den Startknopf. Erneut reihen sich die Bildchen aneinander. Nichts. Eine unecht wirkende Frauenstimme teilt ihm mit, dass er nur sein Guthaben auffüllen müsste, um sein Glück zu finden. „Das ist doch nicht wahr!“, ereifert er sich und gestikuliert Richtung Bildschirm, während er seinen Blick durch die Reihe an Spielern im Raum wandern lässt. „Einer fehlt, da, der da, dann wär’s n Vollbild.“ Wissend klopft der Mann neben ihm gegen den Bildschirm. „Alles Verbrecher, nichts gönnen die einem.“ Ein zustimmendes Raunen geht durch den Raum, dann ist Ruhe. Alle starren wieder gebannt auf ihren Bildschirm und die Automaten spielen ihre Symphonie. Die Aufregung ist wieder vergessen. Verloren starrt der Mann auf seinen regungslosen Bildschirm. Dreihundert Euro hatte er schon verspielt, gewonnen hatte er fast nichts. Erbarmungslos hatte der Automat sich in zehn bis zwanzig Cent Schritten durch seine Rücklagen gefressen. Wissend und bereitwillig hatte der Angestellte der Spielothek ihm einen fünfzig Euroschein um den anderen gewechselt. Glück, das hatte er ihm nicht gewünscht, er wusste es besser, denn Glück fand man hier nicht. Er wollte nur zurück an sein Handy oder in Ruhe ein Buch weiterlesen. In einem Anflug von durch Selbsthass getriebenem Selbstmitleid kneift sich der Mann in sein Bein. Links, Richtung Wand, die Hand verschämt von dem massigen Sessel verdeckt. Er spürt es kaum, aber es blutet ein wenig. Ein letztes Mal durchwühlt er seine Taschen auf der Suche nach vergessenen Münzen, kleinen Schätzen, die ihm die Gedanken rauben würden. Für eine kurze Zeit. Stück um Stück. Minuten falscher Hoffnung. Ein letzter Blick, er erhebt sich, langsam. Ziellos blickt er umher und schaut sich auf dem Boden um, dann verlässt er die Spielothek. Die Türe lässt er offen, soll der Wicht, der hier arbeitet, sie doch schließen. Schlurfend schleicht er sich langsam durch die Gasse. Ohne Ziel im Sinn, aber seine Beine tragen ihn. Ein innerer Automatismus treibt ihn durch die Straßen. 

Es ist ein warmer Tag, die Sonne scheint ungehindert vom wolkenfreien Himmel herab und verleiht dem Geschehen in den Straßen der Stadt einen märchenhaften Schimmer. Touristen schlendern durch Gassen oder strömen durch die Einkaufsstraßen, die Kamera stets im Anschlag. Dazwischen ein paar zielstrebige Anwohner, die sich geschickt durch die Masse bewegen und ihrem alltäglichen Trott nachgehen. Er bleibt stehen, wie aus einer Trance erwacht schaut er sich um. Unter dem struppigen Bart verzieht sich sein Mund zu einem bitteren Lächeln. Überall hin, nur hier nicht, aber er weiß, hier wäre er ohnehin gelandet. Wie von Fäden gezogen geht er zum nächsten Automaten. Verhängnisvoll leuchtet ihm sein Kontostand schwarz in strahlendes Weiß gebettet entgegen. 18,37 Euro und erst in zwei Wochen wird ihm wieder Geld vom Staat überwiesen. Er hebt 15 Euro ab, zum Einkaufen, verspricht er sich. Draußen auf der Straße schlägt er den Weg zum nächsten Discounter ein. Um sich abzulenken, überlegt er, was er kaufen würde. Reis würde ihn schon durch die Wochen bringen und vielleicht, wenn er mit dem Fünfer etwas Glück hätte… Gequält zwingt er sich dazu, den Gedanken zu verdrängen. Stattdessen versucht er sich auf die Menschen um ihn herum zu konzentrieren. Fragt sich, was sie wohl für Probleme haben. Eine Gruppe junger Frauen in einheitlichen T- Shirts und knappen Röcken tummelt sich johlend vor einer Dönerbude. Eine trägt einen Brautschleier und wirkt schon recht betrunken. Ausgelassen sonnt sie sich in der Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen. Einige Meter entfernt entrüsten sich zwei ältere Damen über die alkoholisierte Ausschweifung und eine Gruppe Türsteher zollt den knappen Röcken einige unmissverständliche Blicke und Pfiffe. Ein wenig weiter die Straße herunter leuchtet das Reklameschild des Discounters zwischen Friseursalon und Nagelstudio wie ein errettender Wegweiser hervor. Den Blick auf das Ziel gerichtet, marschiert er voran, unglücklich kreisen seine Gedanken um die bevorstehenden Tage der Entbehrung. Trockener Reis und Leitungswasser für zwei Wochen, er würde Pfandflaschen sammeln gehen, um sich wenigstens ab und an den Luxus von etwas Abwechslung leisten zu können. Derart in Gedanken versunken dringt ein leises Klingeln und eine heroische Melodie an sein Ohr, er kennt diese Fanfaren nur zu gut, die Herolde seines Verderbens. Fahrig sucht er die Quelle, aus dem Augenwinkel sieht er in einem Innenhof den Ursprung der Verheißung. Ein Nagelstudio weniger, eine Spielothek mehr. Der Mann weiß, dass hier etwas Neues hinkommen sollte. Dort, wo noch vor wenigen Wochen ein Nagelstudio gewesen war, prangte nun das Logo einer Spielothek. Einladend weist das strahlende Logo den Weg hinein in das Dämmerlicht. Vergessen ist der Reis, vergessen die düsteren Gedanken an das Morgen – neue Halle, neues Glück. Hier kann er nicht verlieren, er muss einfach gewinnen, dann würde er seinen Kühlschrank erst einmal vom Feinsten bestücken, nicht die billigen Discountermarken, sondern die guten würde er kaufen. Im Inneren riecht es ungewohnt, ein leichter Hauch von Chemikalien scheint dem Ort immer noch anzuhaften. Doch den eigentlichen Unterschied bemerkt der Mann erst, als ein Raucher schwungvoll den Raum betritt und ein Zug nikotingeschwängerter Luft in das dämmrige Innenleben der Spielothek dringt. Alle anderen Spielotheken hier waren so lange ansässig, dass ihre Teppiche noch von jahrzehntelangem Rauchertum durchtränkt waren, die Neue würde diesen Geruch wohl nie annehmen. Versunken über den markanten Geruch grübelnd lässt sich der alte Spieler in einen der Knautschsessel vor einem Automaten fallen. Wenigstens die Sessel stimmten, denkt er sich und schiebt dem Automaten seinen frischen Zehn-Euroschein in den Rachen. Das digitale Uhrwerk beginnt sich zu drehen. Nichts, wieder nichts. Da, endlich, Vier in einer Reihe. Ein erleichtertes Seufzen entweicht dem Spieler, während ihm sechzig Euro gutgeschrieben werden. Seine Gier ist gepackt. Er will mehr und erhöht den Einsatz. Draußen wird es dunkel, doch hier, in der Geborgenheit der Automaten, vergeht keine Zeit, hier ist das Licht immer gleich. Fortuna scheint dem Mann hier gewogen, aus seinen zehn Euro sind mittlerweile etwas über dreihundert geworden. Er stellt den Einsatz auf das Maximum. „Heute wird’s klappen.“, denkt er sich „Nur ein Vollbild, nur einmal“, beinahe flehentlich startet er andächtig das Spiel. Nichts, die Bilder stoppen, er ist wieder bei sechzig Euro. Einem inneren Drang folgend, steht er auf und geht vor die Türe, draußen ist es schon Nacht, alkoholisiertes Treiben bildet eine vertraute Geräuschkulisse aus Gelächter, klirrenden Gläsern und testosterongeladenen tiefen Stimmen, die quer über die Straße zu kommunizieren suchen. Ein anderer Spieler gibt ihm eine Kippe und ereifert sich über seine Pechsträhne. Der Mann nickt nur, hört ihm aber nicht zu. Gierig saugt er den Rauch ein. Den Luxus von Zigaretten leistet er sich immer nur am Anfang eines Monats. Der Rauch kratz im Hals, er sollte nicht rauchen, morgen hätte er wieder Halsweh. Ein ekelhafter Geschmack füllt seinen Mund. Kein Rauch, er ist beim Filter angekommen. Angewidert schnippt er die Kippe weg, nickt seinem Wohltäter dankend zu und geht zurück zu seinem Automaten. Kurzes Zögern, doch dann drückt er doch wieder den Startknopf. Die Bildchen fliehen und kommen wieder. Dann explodiert der Bildschirm in blinkender Ekstase, eine heroische Melodie tönt durch die Halle. Alle drehen sich gebannt um, Vollbild. Der alte Spieler ist überwältigt, ein Hochgefühl durchströmt ihn, ein heißes Kribbeln breitet sich in ihm aus und er hat das Gefühl, alles drehe sich ein wenig. Ihm wird auf die Schulter geklopft, so zeigt man es den Automaten. „Guter Mann!“, sagt jemand. „Ein goldenes Händchen muss er haben“, es überwältigt ihn. Er lässt sich seinen Gewinn auszahlen, kann es kaum fassen, er hält eintausendfünfhundert Euro in den Händen. Schnell drückt er dem netten Zigarettenspender zwanzig in die Hand. Dann flieht er aus der Halle, bloß weg. Noch hat er das Hochgefühl im Bauch. Schnell zum Imbiss und heim bevor er es noch verspielt. Von dem Treiben draußen bekommt er fast nichts mit, erst als ihn ein Besoffener in der Imbissbude anrempelt, findet er zurück in seine Umgebung. Das übliche Feiervolk beginnt sich, mit Döner und anderem Fast Food bewaffnet, dem Alkohol entgegenzustellen. Es ist mittlerweile zwei Uhr früh, die Hartgesottenen gehen nach dem Nachtmahl weiter feiern, der Rest taumelt Heim oder schläft auf Tische gelehnt seinen Rausch aus. Mit einer Tüte, aus der bereits ein herrlich verlockender Essensgeruch strömt, sucht er sich ein freies Taxi. Sonst läuft er immer die Stunde heim, aber heute leistet er sich das Taxi. Das warme Mahl wird ihm guttun. Er fühlt sich wie ein neuer Mensch. Mit dem Geld könnte er für eine Weile auskommen und vielleicht den Automaten entsagen. Die Bequemlichkeit seines Sofas lässt ihn in einen Schlaf voll großer Träume fallen. 

Wie erstarrt blickt der Alte auf den Bildschirm vor ihm. Seine Augen, schon leicht wässrig von stundenlangem Starren auf die hellen Bildschirme, sind geweitet. Er presst sich seine Hände gegen den Kopf, eine Hand rechts und eine links, direkt oberhalb der Ohren und drückt, immer fester und fester. Schmerzen tut es nicht, aber es lenkt ihn ab. Er schließt die Augen. Rot leuchtend und gnadenlos bildet sich die Zahl vor seinem inneren Auge, drei rote Nullen. Er ist vollständig pleite, dabei hatte er doch gestern gewonnen. Seine Gedanken rasen, verspotten ihn, nutzloser Hohlkopf, ein verdammter Idiot ist er. Er hätte sich endlich eine Brille leisten können, oder ein Fahrrad, irgendetwas Nützliches eben. Gekauft hatte er sich allerdings nur einen Tag in der Spielhalle. Einen Tag ohne verzweifeltes Hin und Her, ohne ständige verzweifelte Blicke auf das Bankkonto. Doch jetzt ist alles weg, sein Gewinn, seine Selbstachtung der letzten Nacht, seine Würde. Langsam erhebt er sich, dann verlässt er die Halle. 

Er dreht sich nicht um, jetzt weiß er wohin. Mit festem Schritt geht er zur Zugbrücke.

Marian Wetterau