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Von Bamberg nach New York – ein NMUN-Erfahrungsbericht

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Foto: Philip Lehmann

Friedi war im März eine Zeit lang in den USA. Warum? Weil sie bei National Model United Nations (kurz: NMUN) teilgenommen hat! Die NMUN sind ein globales, jährlich stattfindendes Event, an dem rund 5.000 Studierende aus etwa 140 Nationen der fünf Kontinente zusammenkommen, um eine große Konferenz der Vereinten Nationen (engl. United Nations, UN) in New York City zu simulieren. Durch die Teilnahme diverser Universitäten weltweit entsteht eine einzigartige interkulturelle Atmosphäre. Klingt interessant, oder nicht? Ich will euch mitteilen, was genau da überhaupt passiert und welche Erfahrungen sie so gesammelt hat – vielleicht ist’s ja für das ein oder andere ‚zukünftige Ich‘ auch was.

Sprachrohr: Wie bist du dazu gekommen, bei NMUN mitzumachen und wie genau gestaltet sich das „Projekt“? 

Friedi: „Ich habe über eine Freundin von NMUN erfahren und eine Chance gesehen, die ich auf jeden Fall nutzen wollte. An jeder Uni ist der Ablauf anders. Bei uns wird das Ganze von Studenten für Studenten organisiert. Letztes Jahr waren es etwa 70 Bewerber in der ersten Runde, von denen 34 zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurden. An dieser Stelle setzt die Teambuildingphase ein. Die Tutoren haben die Aufgabe, am Ende 16 Bewerber als neue „Delegierte“ auszuwählen. Im Fokus steht dabei der Aspekt: Was für ein Typ bist du in einer Gruppe? Als dann die Benachrichtigung per E-Mail a la „Du bist in der Band“ in meinem Postfach war, habe ich mich sehr gefreut und war auch ein wenig stolz. Neben mir waren unter anderem noch Bachelor- und Masterstudierende aus der Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie, Kommunikationswissenschaften und BWL dabei – ein wilder Mix!

NMUN ist ein selbst- und/oder durch Sponsoren finanziertes Projekt und wird mit dem Ziel durchgeführt, durch eine intensive Vorbereitung ein tiefgreifendes Verständnis von Diplomatie und internationalen Problemstellungen sowie politischen Vorgehensweisen und Prozessen zu vermitteln. Die ehemaligen Delegierten geben uns dabei entscheidendes Wissen und Kernfähigkeiten weiter. 

Im Rahmen eines Seminars werden Historie sowie aktuelle Entwicklungen, Situationen und Vorgehensweisen vermittelt. Es ging viel um die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Vereinten Nationen. Da diese häufig in der Kritik stehen, war es von großer Bedeutung, anhand der Informationen über multilaterale Kooperationen von Organisationen und Funktionen in Diskussionen und Gruppenarbeiten ein tiefgreifendes Verständnis zu erlangen und daraus eine eigene Meinung zu entwickeln. Zusätzlich gibt es ein Tutorium mit ehrenamtlich arbeitenden Tutoren, bei dem die Entwicklung des Teams im Fokus steht und es um den praxisorientierten Teil des Projektes, also die Vorbereitung auf die große Simulation in New York, geht.

Während der gesamten Zeit gab es Probekonferenzen, um uns den Ablauf bewusst zu machen und uns somit auf die große Konferenz in New York vorzubereiten. Zuerst gab es eine kleine interne Probekonferenz, die etwa vier bis fünf Stunden gedauert hat. Dann waren wir in Erfurt, wo insgesamt etwa 500 andere Delegierte aus ganz Deutschland anwesend waren. Und so hat sich das dann letztendlich bis zur offiziellen Endkonferenz fortgesetzt. Das Prozedere einer jeden Konferenz gestaltet sich bei NMUN so, dass jede/r oder jedes Team ein Land zugeteilt bekommt, das aus Dreien, die von den Vorgängern nominiert werden, zugelost wird. Im Anschluss wird gewählt, in welchem Komitee man einen Sitz einnimmt. Das können die Generalversammlungen (insgesamt 6), der Sicherheitsrat oder beispielsweise das Fullsize-Comitee sein. Wir haben für New York die Dominikanische Republik zugelost bekommen, was aus dem Grund cool und spannend war, weil diese seit 2019 vorübergehend im Sicherheitsrat ist.“ 

Sprachrohr: Und was sind die Anforderungen und Vorgehensweisen, wenn es darangeht, ein Land „zu vertreten“?

Friedi: „Die Kernaufgabe ist die selbständige Vorbereitung und Recherche der Nationen. Man beschäftigt sich intensiv mit dem Land und versucht, jegliche historische Ereignisse, Entscheidungen und Zusammenhänge zu verstehen. Welche Position vertritt mein Land bei gewissen Themen? Welche Verträge hat mein Land unterzeichnet? Wer sind meine Verbündeten, strategischen Partner oder Unterstützer? An dieser Stelle war es die Herausforderung, objektiv zu bleiben, da man teilweise Meinungen vertreten sollte, die man selbst so nicht unterschreiben würde. Als Beispiel kann ich hier die (Ent-)Haltung Ungarns zum Migration Pact nennen. Man muss sich gänzlich auf ein Land einlassen, damit man es möglichst wahrheitsgetreu und realitätsnah überzeugend vertreten kann. Das Vertreten an sich bedeutet, zu bestimmten Themen sog. Positionspapiere zu verfassen. In diesen werden die eigene Meinung der Nation sowie gewünschte zukünftige Entwicklungen und Lösungsvorschläge formuliert und im Anschluss eine Woche vor der Konferenz an alle Teilnehmenden ausgesandt. Der Ablauf der Konferenz war eine Mischung aus formellen und informellen Sitzungen. Der formelle Anteil beinhaltet Reden, der informelle Anteil anschließende Besprechungen und Diskussionen, in denen Ideen für Resolutionspapiere festgehalten werden. Am Ende in New York zu sein, das war schon echt überwältigend.“

Sprachrohr: Und welche Bedeutung hat NMUN im Nachhinein für dich erhalten? Würdest du dich wieder so entscheiden wie vor gut einem Jahr?

Friedi: „NMUN war für mich ein sehr interessantes Erlebnis. Die größte Überwindung war für mich definitiv das Redenhalten, weil am Ende etwa 300 Leute vor mir saßen, die mir zugehört haben. Das hat mich aber jetzt viel sicherer und vor allem souveräner werden lassen. Mit meinem Komitee-Partner haben wir in New York sogar eine Auszeichnung für unser eingereichtes Positionspapier erhalten. Das war ziemlich cool. Außerdem lernt man echt viele neue Leute aus der ganzen Welt kennen und tauscht sich über vielfältige Interessen aus. Auch für den Lebenslauf macht sich das natürlich nicht gerade schlecht, aber das stand für uns nicht so im Vordergrund. Zusätzlich zu den Konferenzen gab es übrigens eine weitere Exkursion nach Berlin, die uns u. a. ins Innenministerium und Bundesministerium für internationale Zusammenarbeit geführt hat. In den USA hatten wir in Washington u. a. einen Termin bei der Weltbank – auch sehr spannend! Wir haben, denke ich, alle durch die neuen Eindrücke, die intensive Zusammenarbeit und gemeinsamen Herausforderungen nachhaltige Erfahrungen und Freundschaften fürs Leben gesammelt. Meiner Meinung nach ist NMUN ein echt wertvolles und spannendes interdisziplinäres Projekt, das ich jedem ans Herz legen kann, der sich, wenn auch nur ansatzweise, für Politik interessiert oder mal was Neues ausprobieren möchte.“ 

Friedi studiert in Bamberg Sozial- und Bevölkerungsgeographie im Master und hat über die Otto-Friedrich-Universität die Chance genutzt, aber auch die JMU Würzburg sendet seit vielen Jahren studentische Delegierte nach New York. Wer sich jetzt denkt, „Cool, da will ich mitmachen“: Die Bewerbungen für das Wintersemester 2019/2020 in Würzburg sind leider schon vorbei, aber vielleicht wird’s ja nächstes Jahr was! Weitere Informationen findet ihr auf den jeweiligen Webseiten und auf Facebook. Wir drücken auf jeden Fall die Daumen. Danke fürs Gespräch.

Lisa Kühnemann