Von italienischen Stereotypen und polnischen Tänzen in fränkischen Klassenzimmern

Bei dem Projekt „Europa macht Schule“ bringen ausländische Studierende Schüler*innen ihr Herkunftsland näher
Dass ein Schultag aus Tanzen und Kochen besteht, kommt eher selten vor. Für die sechste Klasse der Mittelschule in Burgbernheim, einem kleinen Ort rund 60 Kilometer südöstlich von Würzburg, war der 27. März ein solcher Tag. Gemeinsam mit Michał Szymański aus Polen, der an der Universität Würzburg Germanistik als Fremdsprachenphilologie studiert, übten die fünfzehn Schüler*innen den traditionellen polnischen Tanz Krakowiak ein und bereiteten Krokiety zu, eine polnische Spezialität: mit Pilz und Sauerkraut gefüllte Kroketten.
Möglich gemacht hat diesen Tag „Europa macht Schule“. Dieses Projekt macht es sich seit 2006 zur Aufgabe, ausländische europäische Studierende in deutsche Klassenzimmer zu bringen. Die Projekte folgen dabei dem Schuljahreszyklus. Im Herbst können sich interessierte Studierende und Klassen anmelden, anschließend werden dann passende Paare vom Team von „Europa macht Schule“ vor Ort zusammengefügt. Der Dezember dient zum ersten Kennenlernen von Gaststudierenden und Lehrkräften, die anschließend gemeinsam entscheiden, wie und wann das Projekt in der Klasse durchgeführt wird. Dies geschieht im Regelfall im Frühjahr. Im Mai folgt dann noch eine Abschlussveranstaltung, bei der die Klassen ihre Projekte gegenseitig präsentieren.
„Europa macht Schule“ ist also eine Win-win-Situation für beide Seiten: die Studierenden bringen den Schüler*innen ihr Heimatland näher und trainieren, in Deutsch oder Englisch vor einer Klasse zu sprechen. Gerade für zukünftige Lehrer*innen kann das ein guter erster Test sein, ob sie diesen Beruf tatsächlich ergreifen wollen. Und die Schüler*innen? Die lernen ein europäisches Land kennen, über das sie oft noch gar nichts wissen – oder werden mit ganz neuen Informationen über ein Land konfrontiert, das sie eigentlich gut zu kennen glauben.
Das war der Fall bei einem weiteren Projekt, das Silvia Panini, italienische Erasmus-Studentin an der Uni Würzburg, mit der Klasse 7c des Würzburger Friedrich-Koenig-Gymnasiums durchgeführt hat. Silvia, die eigentlich Politikwissenschaft studiert, nahm die Schüler*innen auf eine Reise anderer Art nach Italien mit. Sie sprach mit ihnen über die wechselseitigen Stereotype, die es in Italien zwischen dem Norden und dem Süden des Landes gibt. Ist etwa der Süden wirklich von mafiösen Strukturen geprägt, während im Norden alle Städte modern sind? Die Schüler*innen bekamen außerdem die Aufgabe, dies mit der Situation in Deutschland zu vergleichen. Anschließend wurde gemeinsam überlegt, wie viel von diesen Klischees denn stimmt. Schnell kam heraus: wenig bis nichts. Auch auf Sizilien gibt es Schnee und umgekehrt in Ligurien viele sonnige Strände. Auf diese Weise machten sich die Schüler*innen bewusst, dass sich ein zweiter Blick lohnt, um vermeintlich gefestigte Meinungen zu hinterfragen und so Vorurteile abzubauen.
Schüler*innen für die Vielfalt Europas zu sensibilisieren ist genau das Ziel von „Europa macht Schule“. Aus einer Studierendeninitiative heraus entstanden, gibt es heute in mehr als dreißig deutschen Städten Standortteams. Koordiniert wird das Ganze vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Für seine Tätigkeit wurde das Projekt schon vielfach ausgezeichnet, mittlerweile steht „Europa macht Schule“ unter der Schirmherrschaft des deutschen Bundespräsidenten. Ein Standortteam gibt es auch in Würzburg. Die meisten der Standortmitglieder haben selbst schon ein Jahr im europäischen Ausland im Rahmen ihres Studiums verbracht. „Ich wollte gerne etwas von der europäischen Vielfalt, die ich während meines Auslandsaufenthalts durch den Austausch mit anderen Erasmus-Studierenden erlebt habe, mit nach Würzburg transportieren und dafür bietet ‚Europa macht Schule‘ eine ideale Möglichkeit“, erklärt Sarah. Die Sonderpädagogikstudentin hat ein Austauschjahr im polnischen Danzig verbracht und dabei ihre Begeisterung für Europa noch intensiviert.
Diese Begeisterung für Europa teilt Sarah mit Michał und Silvia. Alle drei sind sich einig, dass es wichtig ist, Schüler*innen deutlich zu machen, dass ein geeintes Europa eine großartige Errungenschaft ist, die gerade junge Europäer*innen bewahren müssen. Eine Besonderheit des eigenen Landes einer Schulklasse aus einem anderen Land vorzustellen, kann dazu ebenso beitragen, wie die eigene Stimme bei der Europawahl zu nutzen.
Dass Projekte wie „Europa macht Schule“ einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den europäischen Zusammenhalt zu fördern und unter Jugendlichen ein europäisches Bewusstsein zu wecken, finden auch die beteiligten Lehrkräfte. Bei der Abschlussveranstaltung in der Klara-Oppenheimer-Schule, die seit vielen Jahren mit verschiedenen Klassen an „Europa macht Schule“ beteiligt ist, wies der Schulleiter der Würzburger Berufsschule darauf hin, dass bisher jedes Projekt im Rahmen von „Europa macht Schule“ neue Facetten Europas vorgestellt hat und die Schüler*innen immer wieder aufs Neue für Europa begeistert. Das zeigte auch die Vorstellung der Projekte bei der Abschlussveranstaltung: Die Schüler*innen aus Burgbernheim führten selbst den eingeübten Krakowiak auf und die Klasse des Friedrich-König-Gymnasiums präsentierte ein Video zu den Stereotypen aus und über Italien.
Wer selbst Lust bekommen hat, bei „Europa macht Schule“ mitzumachen: für das Projektjahr 2019/20 sucht das Team von „Europa macht Schule“ am Standort Würzburg wieder Interessierte: Ob als Helfer*in am Standortteam, als Lehrkraft, die mit ihrer Klasse am Projekt teilnimmt oder als Gaststudierende*r, der*die ein Projekt durchführen möchte: Mitmachen ist gerne gesehen. Deutschkenntnisse sind für die Gaststudierenden zwar erwünscht, aber kein Muss, und inzwischen gibt es auch einige Plätze für nicht-europäische Gaststudierende. Einfach unter https://www.europamachtschule.de/mitmachen/ informieren und sich registrieren!
Elias Oppenrieder
