Was das Internet uns nicht zeigt
Im Jahr 2011 prägt Eli Pariser in seinem Buch „Filter Bubble: Wie wir im Internet entmündigt werden“ (Originaltitel: „The Filter Bubble. What The Internet Is Hiding From You.”) einen Begriff, ohne den man sich das Internet heute nicht mehr vorstellen kann: Filter Bubble. Filterblase. Er beschreibt damit die Auswirkungen eines Algorithmus, der zwei Jahre zuvor, am 4. Dezember 2009, von Google in einem Eintrag auf dem Firmenblog vorgestellt wurde. Ziel war es, die Suchergebnisse genau zugeschnitten auf die Nutzer*innen präsentieren zu können und sie somit präziser zu machen. Alle sollten wie bisher das finden können, was sie suchen, nur mit einer höheren Trefferquote. Kurz gesagt: Google sollte wissen, was wir finden wollen, bevor wir es selbst wissen. Doch woher weiß Google das überhaupt? Durch Informationen, die wir schon beim Besuch der Homepage unweigerlich preisgeben. Die IP-Adresse verrät den Ort, von dem aus wir uns einloggen, der Suchverlauf gibt Aufschluss darüber, welche Themen uns am wahrscheinlichsten interessieren, gespeicherte Daten von anderen Webseiten sagen etwas über unser Nutzungsverhalten aus. Insgesamt 57 dieser Parameter sollten laut Google dazu verwendet werden, unsere Suche zu erleichtern, indem man eine vorsortierte – und somit limitierte – Anzahl von Ergebnissen anbietet.
[Einschub: „Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns.“ (Marshall McLuhan, Medientheoretiker)]
In den 90ern wurde das Internet mit dem Wunsch beworben, den Informationsfluss schneller, offener, demokratischer zu gestalten. Nachrichten in Sekundenschnelle von überall her zu erhalten, ungeachtet der Herkunft, des Bildungsgrades oder von Hierarchien. Das sollte die Zukunft sein. Googles Algorithmus stellte sich dieser Utopie entgegen. Statt unendlicher Fülle von Informationen sollten wir nun nur noch das sehen, was wir ohnehin schon kennen und denken. Dabei basiert eine demokratische Gesellschaft doch eigentlich gerade darauf, auch andere Sichtweisen einnehmen zu können. Mittlerweile ist dieses System auf sozialen Netzwerken und sogar Nachrichtenportalen fester Bestandteil. Das ist grundsätzlich auch nichts Schlechtes. Liest man einen bestimmten Artikel und bekommt einen ähnlichen Artikel vorgeschlagen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man diesen ebenfalls anklickt. Gefährlich wird es, wenn ausschließlich ähnliche Artikel vorgeschlagen werden und so der Eindruck entsteht, dass dort dargestellte Positionen der Mehrheitsmeinung entsprechen. Am wenigsten fällt uns das auf, wenn diese Artikel der eigenen (politischen) Meinung oder den eigenen Interessen entsprechen.
Auch im analogen Leben bewegen wir uns in Filterblasen. Die Personenkreise, in denen wir uns bewegen, die Themen, über die wir sprechen, die Medien, die wir konsumieren. Wir erfahren immer nur einen kleinen Teil von der Welt, in der wir leben. Der Unterschied: Wir suchen uns meistens aus, welcher Teil das ist. Wir entscheiden, ob wir die „Welt“ oder die „taz“ lesen. Aber bei Artikeln, die auf Facebook geteilt werden, ist oft nicht ersichtlich, wessen Sicht gerade dargestellt wird. Auch neigen wir dazu, unser eigenes soziales Umfeld als repräsentatives Abbild der Gesamtbevölkerung zu sehen. Nach dem Brexit-Referendum 2016 und den Präsidentschaftswahlen in den USA im selben Jahr kam sogar die Frage auf, inwiefern Filterblasen Einfluss auf die Wahlergebnisse hatten, denn bis zum Schluss waren die meisten der Überzeugung, dass der Brexit verhindert und Hillary Clinton Präsidentin wird – da es in ihrer Wahrnehmung, auch online, kaum Gegenmeinungen gab.
Nur indem wir uns immer wieder bewusst machen, dass das, was wir gerade sehen, lesen oder hören, nur ein Aspekt von vielen ist, können wir uns aus unserer eigenen Filterblase herausbewegen. Denn dass wir in einer sind, daran können wir nichts ändern. Allzu bequem sollten wir es uns in ihr allerdings nicht machen. So schreibt es auch Eli Pariser: Wenn wir wissen wollen, wie die Welt aussieht, müssen wir zunächst verstehen, wie Filter unsere Sicht darauf verändern.
Anja Bernsdorf