Was stellen Smartphones eigentlich mit unserer Psyche an?
Ich glaube, die meisten Studierenden haben sich schon mal überlegt, ob sie süchtig nach ihrem Handy sind. Ich benutze mein Handy als Wecker, zum Musik oder Podcasts hören auf dem Weg zur Uni, um mich während der Vorlesungen weniger zu langweilen, nach der Uni, um mit Freunden zu telefonieren, zur Koordination des gemeinsamen Einkaufs für die WG, um den Weg zu finden, wenn ich neue Bekannte besuche und so weiter… Daher stellt sich die Frage: Ist das normal, sollte ich mir Gedanken machen, weil ich ohne mein Handy ziemlich aufgeschmissen wäre, sollte ich mich vielleicht sogar um meine psychische Gesundheit sorgen?
Mittlerweile nutzen in der Gruppe der 14- bis 49-jährigen 19 von 20 Personen ein Smartphone (1). Es wird als selbstverständlich angesehen, nicht nur ein Handy, sondern ein Smartphone zu besitzen. Leider ist es auf der anderen Seite nicht selbstverständlich, damit auch einen konstruktiven Umgang zu lernen. Unter dem Schlagwort „Medienkompetenz“ wird grundlegend davon ausgegangen, dass Jugendliche einen problemlosen Umgang mit ihren Smartphones automatisch erlernen. Ich für meinen Teil habe in der Schule viele Vorträge darüber gehört, wie man mit Alkohol umgeht, wie mit Drogen, wie man richtig verhütet und über den Umgang mit nationalsozialistischem Gedankengut. Keinen Vortrag gab es darüber, wie ich mein Handy benutzen sollte. Ist es also gar nicht gefährlich, sein Handy zu benutzen oder einfach nicht gefährlich genug, um dafür Vorträge zu organisieren?
Ich habe für diejenigen, die sich jetzt schon Gedanken machen, einige gute Nachrichten. Es gibt Studien, die keinen Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Depression oder Angststörungen zeigen konnten (2). Diese Zusammenhänge wurden sowohl für Jugendliche als auch für junge und ältere Erwachsene erforscht und deren Nicht-Existenz mehrfach untermauert. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass Zeit, die wir auf Social-Media-Plattformen (in dieser Studie nur Facebook) verbringen, Depressionen nicht vorhersagte (3). Das lässt uns vermutlich alle aufatmen. Da Facebook von vielen ähnlich verwendet wird wie Instagram, WhatsApp und Co, ist eine vorsichtige Generalisierung möglich. Außerdem konnte ein positiver Zusammenhang zwischen der Intensität der Facebook-Nutzung und der Lebenszufriedenheit sowie zu ehrenamtlichem Engagement und politischer Partizipation gezeigt werden (4).
Es muss trotz dessen Vorsicht gewahrt werden. Auch wenn Internetnutzung allgemein nicht mit psychopathologischen Problemen, d. h. krankhaft verändertem Erleben und Verhalten, verbunden zu sein scheint, zeigen Studien zur Smartphonenutzung ein anderes Bild. Diese scheint durchaus mit Depressionen, Angststörungen und schlechterer Schlafqualität assoziiert zu sein (5, 6). Man geht davon aus, eine ausgedehnte Nutzung habe einen Einfluss auf Depressionen und Angststörungen und diese wiederum beeinflussen Schlafprobleme. Außerdem scheint es eine Verbindung zwischen problematischer Smartphonenutzung und Stress zu geben. Dabei wurde „problematische Smartphonenutzung“ mithilfe eines Fragebogens, welcher auf einer 5-Punkte-Skala Items, wie z. B. “I use my smartphone to escape or relieve a negative mood,” “I have made unsuccessful attempts to control my smartphone use” und “I have spent increasing amounts of time on my smartphone” abfragt, bewertet. Der aufsummierte Wert der Antworten wurde ab 36 als problematisch eingestuft. Andere Studien konnten auch einen Zusammenhang problematischer Smartphonenutzung zum Selbstwert feststellen (7). Zunehmende Internetnutzung zeigte außerdem eine Abnahme der Kommunikation mit Familienmitgliedern und eine Zunahme der Einsamkeit (8). Es konnte weiterhin gezeigt werden, dass Personen, welche dazu neigen, eine Internetabhängigkeit zu entwickeln, auch mit höherer Wahrscheinlichkeit Depressionen haben (9). Dafür wurden Versuchspersonen gefragt, für wie abhängig sie sich selbst hielten. Zusätzlich füllten sie einen Depressionsfragebogen aus. Menschen, die Symptome der Internetabhängigkeit berichteten, wiesen ebenfalls mehr Depressionssymptome auf. Außerdem zeigten Männer eher die Tendenz zur Internetabhängigkeit als Frauen, genauso wie jüngere Menschen eher dazu neigten als ältere. Bedeutet das jetzt, dass junge Männer, die sich für abhängig vom Internet halten, automatisch früher oder später unter Depressionen leiden werden? Genau das heißt es nicht. Es scheint einen Zusammenhang zwischen diesen Variablen zu geben. Das kann aber ebenfalls bedeuten, dass Menschen, die eher zu Depressionen neigen, auch eher dazu neigen, Probleme mit Internetabhängigkeit zu zeigen. Eine mögliche Erklärung wäre, dass Depressive als Vermeidungsstrategie im Umgang mit schwierigen Situationen dazu neigen, ihr Handy zu verwenden, um Stress abzubauen. Das mag einmalig nicht problematisch erschienen, wenn Menschen jedoch regelmäßig in schwierige Situationen geraten und ihr Handy als Copingstrategie verwenden, kann dies zu einer Abhängigkeit führen. Genauso ist ein bidirektionaler Zusammenhang möglich: Psychopathologische Probleme fördern problematische Internetnutzung und problematische Internetnutzung fördert zeitgleich psychopathologische Probleme.
Auch wenn nicht sicher bestimmt werden kann, wie dieser Zusammenhang entsteht, ist es doch interessant zu betrachten, wie viele Menschen tatsächlich als smartphonesüchtig deklariert werden. Auch wenn überwiegend nationale Studien zur Erforschung dieser Fragestellung durchgeführt wurden, geht man in Industriegesellschaften weltweit von Raten zwischen 3.5% und 9.6% der Bevölkerung, die tatsächlich vom Internet abhängig sind, aus (10). Das Bundesministerium für Gesundheit (11) konnte in Deutschland 2011 etwas geringere Zahlen nachweisen. So zeigen in der Gesamtbevölkerung etwa 1.5% (Frauen 1.3%, Männer 1.7%), was in Deutschland circa 1.2 Millionen Menschen entspricht, eine Internetabhängigkeit. Wenn man nur die 14 bis 24-jährigen betrachtet, verdoppeln sich die Werte auf 3.8% (Frauen 4.5%, Männer 3.0%). Werden dann nur 14 bis 16-jährige befragt, zeigen sich Raten von 6.3% (8.6% bei Mädchen, 4.1% bei Jungen). Die auffälligen Frauen nutzen überwiegend soziale Netzwerke, auffällige Männer nutzen soziale Netzwerke und Onlinespiele. Mittlerweile ist in dieser Debatte nicht nur die Frage nach der Internet-, sondern auch nach der Smartphoneabhängigkeit in den Fokus gerückt. Nur wenige Studien wurden zu diesem Thema veröffentlicht. Als möglicher Auslöser sollte beachtet werden, dass wir selten von einer Smartphoneabhängigkeit im Allgemeinen sprechen können und eher von einer Abhängigkeit von bestimmten Apps wie beispielsweise WhatsApp oder Facebook sprechen sollten. Trotz dessen hat eine Schweizer Studie eine Ausprägung der Smartphoneabhängigkeit von 16.9% innerhalb einer Stichprobe, welche ausschließlich aus Schülern bestand, gefunden (12). Abgeleitet von vorher genannten Studien legt die Vermutung geringerer Zahlen in der Allgemeinbevölkerung nahe, da auch bei der Internetabhängigkeit jüngere Personen eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Symptome aufwiesen.
Wenn du dich jetzt also fragst, ob du selbst abhängig bist, solltest du überlegen, ob du einige der Symptome, die im Folgenden dargestellt werden, bei dir wiedererkennst (13, 14). Dazu gehören Salienz, was im aktuellen Beispiel durch die Priorität der Handynutzung als wichtigste Aktivität dargestellt wird. Das Handy wird also wichtiger als Zeit mit Freunden zu verbringen oder Hobbies nachzugehen. Nachfolgend ist die Stimmungsmodifikation anzubringen, welche sich durch eine subjektiv verbesserte Stimmung als Folge der Nutzung zeigt. Die Smartphonenutzung als Strategie für den Umgang mit Schwierigkeiten gehört auch in diese Kategorie (beispielsweise problematischen Situationen entgehen, indem du auf eine Nachricht antwortest). Toleranz ist das nächste Kriterium, welches sich durch eine zunehmende notwendige „Nutzungsdosis“ um denselben Effekt, z. B. zur Stimmungsregulierung zu erreichen, zeigt. Dies endet letztlich in einer längeren Nutzungsdauer bei Abhängigen. Solltest du nach deiner Einschätzung dieses Kriterium erfüllen, kannst du deine Handynutzungszeit entweder durch eine interne Funktion des Smartphones (z. B. bei iPhones) einsehen oder eine zusätzliche App dafür herunterzuladen (z. B. QualityTime), um dein subjektives Gefühl zu prüfen. Ein weiteres Kriterium für Suchtabhängigkeit sind die Zunahme vorhandener und Entstehung neuer Konflikte. Diese können mit anderen Personen oder Aktivitäten wie z. B. Hobbies, aber auch innerhalb des Individuums entstehen. Intrapersonelle Konflikte können sich beispielsweise dadurch ausdrücken, dass Menschen denken, zu viel Zeit am Handy zu verbringen und sich darüber ärgern. Außerdem sind Rückfälle ein Anzeichen von Sucht. Auch wenn das Handynutzungsverhalten einige Zeit unter Kontrolle scheint, wird es vermutlich nach dieser Phase wieder zu einer extremen Nutzung kommen. Wenn deine eigene Smartphone-Nutzung diesen Kriterien entspricht, solltest du diese überdenken, auch wenn einzelne Symptome nicht direkt problematisches Verhalten zeigen, ist eine Kombination dieser unter Umständen schädlich für dich, dein soziales Umfeld und deine weitere Entwicklung. Was du probieren kannst, um herauszufinden, ob du problematisches Verhalten im Umgang mit deinem Handy zeigst, ist dein Handy einfach mal zu Hause zu lassen, wenn du eine Unternehmung mit jemandem geplant hast. Schau dir an, wie sich das letztendlich auf dich auswirkt: Bist du gestresst, weil du nicht nachschauen kannst, ob der Bus Verspätung hat, obwohl es sich einfach nur um ein paar Minuten handelt, die du problemlos abwarten könntest oder suchst du dauernd in deiner Tasche nach deinem Handy, um es zu benutzen? Dann solltest du daraus möglicherweise Konsequenzen ziehen, denn diese Art von Verhalten kann Einfluss auf deine Psyche nehmen.
Zusätzlich noch eine Idee zum bewussten Umgang mit deinem Smartphone: Mach mit deinen Freunden aus, dass ihr handyfreie Abende verbringt und der erste, der sein Handy trotzdem in die Hand nimmt, darf eine Runde an alle spendieren.
Auch wenn Internet- und Handynutzung Zusammenhänge mit Depressionen, Angststörungen, Einsamkeit, geringerer Anzahl sozialer Kontakte und schlechterer Schlafqualität zeigen, heißt das nicht, dass die beste Lösung der völlige Verzicht darauf ist. Stattdessen ist es wichtig sich bewusst zu machen, wofür das Handy tatsächlich eine Bereicherung darstellt und wann man es lieber mal zur Seite legen und sein Offline-Leben genießt sollte.
Florentine Klepel
1) Smartphone-Nutzung in Deutschland bis 2018. (n.d.). Zugriff über https://de.statista.com/statistik/daten/studie/198959/umfrage/anzahl-der-smartphonenutzer-in-deutschland-seit-2010/
2) Ohannessian, C. M. (2009). Media Use and Adolescent Psychological Adjustment: An Examination of Gender Differences. Journal of Child and Family Studies, 18(5), 582-593. doi:10.1007/s10826-009-9261-2
3) Jelenchick, L. A., Eickhoff, J. C., & Moreno, M. A. (2013). “Facebook Depression?” Social Networking Site Use and Depression in Older Adolescents. Journal of Adolescent Health, 52(1), 128-130. doi:10.1016/j.jadohealth.2012.05.008
4) Valenzuela, S., Park, N., & Kee, K. F. (2009). Is There Social Capital in a Social Network Site?: Facebook Use and College Students Life Satisfaction, Trust, and Participation. Journal of Computer-Mediated Communication, 14(4), 875-901. doi:10.1111/j.1083-6101.2009.01474.x
5) Richardson, M., Hussain, Z., & Griffiths, M. D. (2018). Problematic smartphone use, nature connectedness, and anxiety. Journal of Behavioral Addictions, 7(1), 109-116. doi:10.1556/2006.7.2018.10
6) Demirci, K., Akgönül, M., & Akpinar, A. (2015). Relationship of smartphone use severity with sleep quality, depression, and anxiety in university students. Journal of Behavioral Addictions, 4(2), 85-92. doi:10.1556/2006.4.2015.010
7) Elhai, J. D., Dvorak, R. D., Levine, J. C., & Hall, B. J. (2017). Problematic smartphone use: A conceptual overview and systematic review of relations with anxiety and depression psychopathology. Journal of Affective Disorders, 207, 251-259. doi:10.1016/j.jad.2016.08.030
8) Kraut, R., Patterson, M., Lundmark, V., Kiesler, S., Mukophadhyay, T., & Scherlis, W. (1998). Internet paradox: A social technology that reduces social involvement and psychological well-being? American Psychologist, 53(9), 1017-1031. doi:10.1037//0003-066x.53.9.1017).
9) Morrison, C. M., & Gore, H. (2010). The Relationship between Excessive Internet Use and Depression: A Questionnaire-Based Study of 1,319 Young People and Adults. Psychopathology,43(2), 121-126. doi:10.1159/000277001
10) Sussman, S., Lisha, N., & Griffiths, M. (2010). Prevalence of the Addictions: A Problem of the Majority or the Minority? Evaluation & the Health Professions, 34(1), 3-56. doi:10.1177/0163278710380124
11) Prävalenz der Internetabhängigkeit, 2011, Zugriff über https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Drogen_und_Sucht/Berichte/Kurzbericht/Kurzbericht_Praevalenz_der_Internetabhaengigkeit__PINTA_.pdf
12) Haug, S., Castro, R. P., Kwon, M., Filler, A., Kowatsch, T., & Schaub, M. P. (2015). Smartphone use and smartphone addiction among young people in Switzerland. Journal of Behavioral Addictions,4(4), 299-307. doi:10.1556/2006.4.2015.037
13) Kuss, D. J., Shorter, G. W., van Rooij, A. J., Griffiths, M. D., & Schoenmakers, T. (2013). Assessing Internet addiction using the parsimonious Internet addiction components model. A preliminary study. International Journal of Mental Health and Addiction, 11(5), online first.
14) Smartphone Addiction, Revisited. (n.d.). Retrieved from https://www.psychologytoday.com/us/blog/in-excess/201903/smartphone-addiction-revisited