Wenn die Regierung das Internet ausschaltet

Drei Monate ohne Internet im anglophonen Teil Kameruns
Einfach mal das Handy in der Tasche lassen, wenn man sich mit Freunden trifft, es bewusst beiseitelegen, um ein Buch zu lesen. Digital Detox ist in. Was aber, wenn er nicht aus Eigeninitiative entsteht, sondern erzwungen von der Regierung ist? Was für viele von uns wahrscheinlich kaum vorstellbar ist, war in Kamerun Anfang 2017 für drei Monate Realität – zumindest im anglophonen Teil.
„Erst habe ich nicht daran geglaubt, dass das Internet weg sein kann“, erinnert sich Damaris Breithaupt. Die damals Zwanzigjährige lebte von 2016 bis 2017 für einen entwicklungspolitischen Freiwilligensdienst in Bamenda, der Hauptstadt der Region Nordwest, einer der zwei anglophonen Regionen Kameruns.
Das westafrikanische Land ist in zwei Teile geteilt: Den flächen- und bevölkerungsmäßig größten Anteil hat der frankophone Teil. Mit rund fünf Millionen Englisch Sprechenden erstreckt sich der anglophone Teil über die beiden Regionen „Nordwest“ und „Südwest“ im Norden des Landes, an der Grenze zu Nigeria. Bis 1919 war Kamerun deutsche Kolonie, nach dem ersten Weltkrieg gingen die Gebiete an England und Frankreich über – womit der Grundstein für die heutigen Konflikte gelegt wurde. Denn: Der heute frankophone Teil wurde regiert nach französischem Vorbild, im anglophonen setzten die Engländer ihre Ideen um, nachdem sich die dort lebende Bevölkerung nach einem Referendum dafür entschied, zu Kamerun und nicht zu Nigeria zugehörig zu sein. Unabhängigkeit war keine Option, obwohl es das war, was sich viele aus der anglophonen Region gewünscht hatten. Auf internationaler Ebene hatte man Angst vor einem Zerfall in viele Kleinststaaten und verzichtete deswegen auf diese Lösung. Somit besteht Kamerun heute immer noch aus zwei Landesteilen, von denen sich die englischsprachigen Regionen von der französischen Regierung marginalisiert und diskriminiert fühlen.
Damaris war gerade mit Freunden in Bamenda unterwegs. „Plötzlich meinte jemand: Das Internet geht nicht mehr. Zunächst dachte ich, gut, dann warten wir halt mal drei Stunden und dann kommt es schon wieder“, erinnert sie sich. Doch es kommt nicht nach drei Stunden wieder, nicht nach einem Tag, auch nicht nach einer Woche. Erst nach drei Monaten der Internetblockade ist der Internetzugang wieder vorhanden. Eine offizielle Erklärung der Regierung gibt es keine, weder als das Internet abgeschaltet wird, noch, als es wieder da ist.
Ein Bewusstsein über eine mögliche Blockierung durch die Regierung besteht in der Bevölkerung schon, bevor sie den Internetanbietern tatsächlich anordnet, es abzuschalten. Nur war es bis dahin nicht geschehen. Im Dezember 2016 verschärfen sich dann die Proteste in den anglophonen Regionen, das Lehrpersonal streikt, genauso wie die Juristen. Sie fühlen sich unter anderem unverstanden von der frankophonen Regierung, benachteiligt durch die Sprache und dem Französisch orientierten Rechtssystem. Von anglophonen Gruppen werden deswegen ab Januar sogenannte „Ghost Towns“ organisiert. Ghost Town, das bedeutet eine ganze Stadt im Streik. Die Bevölkerung wird angehalten zuhause zu bleiben, keine Schule, kein Verkauf auf dem Markt, nur leere Straßen – wie in einer Geisterstadt. Als Reaktion darauf schaltet die Regierung am 17. Januar 2017 das Internet ab. Doch auch ohne Internet gelingt es weiterhin, Ghost Towns auszurufen. Sie sind meistens montags, von morgens bis abends sieben Uhr, erinnert sich Damaris. „Über Buschfunk,“ wie sie es nennt, „wurde viel geredet“. So erfährt sie auch ohne WhatsApp, wann Ghost Town ist, an welchen Tagen sie zur Arbeit gehen muss und an welchen Tagen zuhause bleiben. Trotzdem konnte man „nie so wirklich wissen, was vor sich geht“, berichtet sie. „Ich fand es schon ziemlich belastend, so wenig mitzubekommen von der ganzen Welt, die Gewissheit zu haben, dass, wenn etwas passieren würde, erst spät davon zu erfahren.“
Von ihrem kamerunischen Umfeld registriert Damaris eine „ziemliche Akzeptanz“ für die Geschehnisse. „Sie waren gewohnt, dass von oben weg über sie entschieden wurde. Das war dann halt so.“ Zu dieser Haltung steuert auch die Tatsache bei, dass in Kamerun dem Internet im Allgemeinen eine nicht ganz so herausragende Bedeutung zukommt, wie beispielsweise in Deutschland, vergleicht Damaris. Es werden „generell mehr SMS geschrieben, einige kaufen sich auch nur für ein oder zwei Tage die Woche Internet, und viele arbeiten zum Beispiel auf dem Markt oder anderswo, wo kein Internetzugang nötig ist“ und dementsprechend die Kappung des Internetzugangs weniger schmerzhaft.
Dafür verantwortlich, dass auch sie recht schnell in ein Leben ohne Internet reingewachsen ist, macht Damaris vor allem den Rückhalt aus Ihrem Umfeld. „Dadurch habe ich mich eigentlich die ganze Zeit sicher gefühlt.“
„Es war auch ganz schön, am Abend im Bett nicht am Handy zu sein.“, erzählt sie. Wie sich ihr Alltag sonst noch verändert hat, ohne Internet? „Ich habe viel geschlafen“, resümiert sie und lacht. „Wir haben uns untereinander mehr unterhalten. Man nimmt dann kurz das Handy in die Hand, um auf die Uhr zuschauen oder eine SMS zu schreiben. Und dann legt man es wieder weg. Man ist mehr im hier und jetzt und nicht anderswo im Kopf.“
Trotzdem: Der Kontakt – insbesondere nach Deutschland – ist erschwert. Mitfreiwillige von Damaris ziehen in Erwägung, in den frankophonen Teil umzuziehen. Und ein Jahr später, als Damaris eigentlich schon wieder im internetverbundenen Deutschland lebt, ihr kamerunischer Freund aber im erneut internetblockierten Kamerun, spürt Sie die Beschränkung wieder. Aber: „Zum Glück waren die Internetblockaden letztes Jahr nie so lang und nie hundertprozentig weg.“
Ihr Fazit nach drei Monaten ohne Internet: „Es geht halt auch ohne“, aber „mit Internet ist es schon schön.“
Alicia Wittschen