Black Lives Matter – Demo: Rede von Eda Tekin
Schon sehr früh wollte ich Journalistin werden. Ich wollte über Themen schreiben, die vergessen werden, auf Dinge aufmerksam machen, auf die nicht genug aufmerksam gemacht wird, über Menschenrechte, Kriege, Korruption, Missbrauch. Ich wollte, dass die Menschen eine Zeitung öffnen und nach meinem Artikel suchen, weil sie wissen, dass sie dort die unzensierte Wahrheit über wichtige Themen finden werden. Wäre ich heute bereits Journalistin, würde ich über genau diese Bewegung schreiben. Ich würde über strukturellen Rassismus schreiben. Über Polizeigewalt. Und über Yemen, über Afghanistan, über Syrien, über Kurdistan, über den Kosovo, über Serbien, über Sri Lanka, über Indien, über Thailand, über Japan, über Australien, über Palästina. Über LGBTQ+, über Frauen, über die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, über Obdachlosigkeit, über Gewalt, über Unterdrückung. Darüber, wie scheiße die AfD ist. Ich könnte die Liste noch weiter fortführen, denn LEIDER passieren auf dieser Welt VIELE, viele traurige Dinge. Ich bin auch bloß eine 21-jährige Studentin, die nicht über alles Bescheid weiß. Denn wie soll ich das auch tun? Ich erzähl dann meinen Freunden Dinge über die ich recherchiert habe und höre dann meistens: “Krass, das hab ich einfach noch NIE mitbekommen.” Und nehme ich es ihnen übel? Stehe ich dann da und denke mir: “Man, ist der oder die blöd.” NEIN. Denn – woher sollen sie es wissen? Was wird uns im Geschichtsunterricht beigebracht? Und worüber wird in den Medien berichtet? Ich glaube, den Artikel darüber, dass in Yemen alle 10 Minuten ein Kind stirbt, haben sie nicht überlesen. Nein, sie können ihn gar nicht überlesen haben, weil es diesen Artikel gar nicht gibt! Journalisten hatten in meinen Augen immer dieses großartige Geschenk, denn sie hatten eine Reichweite und sie konnten die Menschen informieren, über genau solche Themen. Aber leider nutzen Journalisten das meistens lieber für Hetze: “Shisha-Morde”, “Die Täter: 15 Ausländer und 3 Deutsche mit Migrationshintergrund.” Was soll das?
Nun aber kurz nochmal zu mir zurück: Ich komme wie gesagt ursprünglich aus der Türkei.
Wenn man an die Türkei denkt, denkt man unter anderem auch an die nicht vorhandene Pressefreiheit. Die Reporter ohne Grenzen führen hier eine jährliche Statistik und aktuell belegt die Türkei Platz 154 von 180. Als ich letztes Jahr im August die Zusage von einer Hochschule bekommen habe und meiner Mama gesagt habe, dass ich vor hätte Journalismus zu studieren, war sie erstmal ein wenig stutzig. Ich glaube für einen kurzen Moment hat sie mich schon in der Gefängniszelle gesehen. Ich schreibe gerne Beiträge zu aktuellen Themen auf sozialen Medien wie Instagram oder Twitter. Und schon häufig haben mir meine Mutter oder andere Familienmitglieder gesagt, ich solle die Beiträge bezüglich der türkischen Politik doch bitte löschen. Nicht, weil sie anderer Meinung sind, im Gegenteil – weil sie derselben Meinung sind wie ich. Und die selbe Meinung wie ich zu haben ist in der Türkei eben gefährlich. Alleine den Genozid an den Armeniern anzuerkennen ist in der Türkei eine Straftat. Nach dem Putschversuch wurden nicht nur Journalisten eingesperrt, auch regierungskritische Organisationen wurden verboten. Und wenn ich dann also regierungskritisch, geschweige denn pro-kurdische Dinge schreibe, könnte das für mich durchaus Probleme schaffen.
Aber: Der Traum, Journalistin zu werden, war für mich kein “ich werde der nächste Deniz Yücel”-Traum, sondern ich wollte Transparenz in die Medien bringen, ich wollte – so klischeehaft es eben auch klingt – etwas verändern. Und da ich eben in Deutschland und nicht in der Türkei studiere, habe ich mich auch immer sehr sicher gefühlt. Klar, werde ich hier als türkische Journalistin später trotzdem immer mal einen Stempel aufgedrückt bekommen. Denn auch ich habe keinen Schutz vor Rassismus. Aber ich dachte: dann erst recht! Ich zeig meinem Lehrer aus der Realschule, das ich nicht nur “für ein Mädchen mit türkischer Herkunft erstaunlich gute Aufsätze schreibe”, sondern, dass ich eine eloquente Frau bin, die gute, wichtige Artikel für eine deutsche Mediengesellschaft schreibt.
Und außerdem: Was in meinem Heimatland passiert, passiert in Deutschland nicht! Hier herrscht Meinungsfreiheit! Pressefreiheit! Ich habe mich unglaublich sicher gefühlt.
Nun, was vor ein paar Tagen mit einer „taz“-Kolumnistin passiert ist, war für mich wie ein Schlag in die Fresse. Man könnte sagen, Seehofer hat mir meinen imaginären, sicheren, deutschen Boden unter den Füßen weggerissen. Denn was Hengameh Yaghoobifarah geschrieben hat, war WICHTIG. ENDLICH wird über Polizeigewalt geschrieben, dachte ich mir. Ich habe Deutschland dafür geliebt, dass sie Journalisten diese Freiheit geben!
Ich erhalte also vor ein paar Tagen eine Push-Benachrichtigung von Twitter. Jan Böhmermann hatte etwas gepostet. Es fing an mit “Recep Tayyip” und ich dachte kurz: Oh, was hat Erdogan wieder gemacht? Aber nein, der Post ging: “Recep Tayyip Seehofer: Polizisten mit Müll verglichen – Seehofer möchte “taz”-Kolumnistin anzeigen!” Bitte?
Die Kolumne sei Schuld an Stuttgart. Wer war dann Schuld an – um nur ein paar Beispiele zu nennen: Halle, dem NSU-Komplex, Hanau? Noch schlimmer waren dann allerdings die Kommentare. Ich zitiere: “Der Artikel war Müll und die Autorin wäre im Iran für ihre Sexualität längst öffentlich hingerichtet worden also heult mal nicht rum” – also, anstatt die menschenrechtswidrige Praktik der öffentlichen Hinrichtung und eine queerfeindliche Politik im Iran zu hinterfragen, wird das als eigenartige Messlatte genutzt. Und das ist leider eine Struktur! So wird auch des Öfteren die Black Lives Matter Bewegung kritisiert, von wegen “Am Ort XY sterben täglich XY viele Menschen, also heult mal nicht rum.” Entschuldigt mal, SO LÄUFT DAS NICHT. Man kann nicht sagen, die Probleme von A sind “schlimmer”, als die Probleme von B, drum sind die Probleme von B gar nicht erst kredibil genug, um sich einzusetzen. JEDER UNSCHULDIG GESTORBENE MENSCH IST EIN UNSCHULDIG GESTORBENER MENSCH ZU VIEL.
Nach allem was die letzten Wochen passiert ist, nachdem die Menschen endlich darüber reden, was die Polizei für ein strukturelles Problem hat, nach all dem denkt Seehofer sich ernsthaft: “Ja wie, Kritik an der Polizei? Warum denn das? Das geht aber jetzt nicht, ne! Und was ich von Rassismus halte – Ja mei, red wa ma wann anders drüber, wa?”. Warum war Seehofer bei den zahlreichen rassistischen Schlagzeilen aus der Vergangenheit nicht so aufgebracht? Weil er sich für uns nicht genug interessiert? Aber die Polizei, das geht dann schon zu weit, oder was? Lad doch mal die BILD ein, Seehofer, wenn du von Volksverhetzung sprichst!
Und so schnell wird aus Black Lives Matter, aus wichtigen Diskussionen über Polizeigewalt, plötzlich “Gewalt gegen Polizei”. Blue Lives Matter? Seehofer eröffnet damit ein skurriles PR-Feuerwerk, um von den wichtigen Themen abzulenken. Sowas nennt man auch Diskursverschiebung. Anscheinend ist Seehofer diese Bewegung unangenehm. Vielleicht weil es ihn selber in das grelle Licht der unangenehmen Wahrheit rücken könnte. Etwa Rassismus in der deutschen Politik? Ne! Wie war das nochmal, mit den “69 afghanischen Schutzsuchenden die an Seehofers 69. Geburtstag abgeschoben” wurden? Witzig, witzig. Deswegen mein letzter Appell an euch, liebe Leute: Lasst das NICHT zu! Hier geht es nicht nur darum, die Pressefreiheit zu bewahren. Bitte bleibt LAUT! Hört nicht auf über Polizeigewalt und systematischen Rassismus zu sprechen! Hört nicht auf zu lernen und lehren, unangenehme Gespräche mit rassistischen Familienmitgliedern zu führen. Hört nicht auf zu lesen, hört nicht auf euch einzusetzen. Wenn ihr weiß seid, stellt euch schützend vor die schwarze Community. Black Lives Matter. Und damit meine ich ALL Black Lives. Vergesst nicht, dass vor allem die Black LGBTQ+ Community euren Support braucht. Wir feiern diesen Monat Pride und das haben wir starken Black-Trans-Frauen zu verdanken.