Black Lives Matter – Demo: Rede von Laura Issing
Ich gehe davon aus, dass ihr alle die Rede von Martin Luther King kennt. Zumindest den berühmtesten Teil davon, in dem er immer wieder beginnt mit: „I have a dream“.
Diesen Teil brauche ich auch nicht zitieren, er klingt hoffentlich spätestens jetzt wieder in all euren Köpfen.
Aber ich möchte trotzdem einige andere seiner Aussagen zitieren. (Keine Sorge, ihr müsst sie nicht alle verstehen, sinngemäß, teilweise wörtlich, ist alles übersetzt.)
„Nineteen sixty-three is not an end, but a beginning. (…) The whirlwinds of revolt will continue to shake the foundations of our nation until the bright day of justice emerges.“
Nein, 1963 war kein Ende, sondern ein Anfang. Die Wirbelstürme der Revolution werden weiterhin das Fundament aller Nationen erschüttern, bis der helle Tag der Gerechtigkeit erscheint.
1963. Fast 60 Jahre später und wir sind quasi wieder exakt an derselben Stelle. Und ja, ich weiß die Geschichte des Rassismus geht noch viel weiter zurück, aber als ich beschlossen habe hier heute zu sprechen, war mir sofort klar, dass ich Martin Luther King zitieren möchte. Aber mir war nicht klar, wie schwer das sein würde.
Nicht, weil seine Rede schwer verständlich ist, weil sie auf Englisch ist oder ich nicht die passenden Zitate aus seinen Jahrzehnte alten Worten finden konnte, sondern weil ich keine unpassenden Zitate gefunden habe. Ich hätte mich hier hinstellen können und seine Rede 1:1 vorlesen können.
Das einzige, was ich hätte tun müssen, wäre 1963 durch 2020 zu ersetzen. Vielmehr muss man nicht tun, um eine aktuelle Rede zum Thema Rassismus zu haben. Und das, Freunde, darf nicht sein!
Ich denke ich spreche für alle hier, wenn ich sage: Rassismus ist wie ein schlecht gelöschtes Lagerfeuer.
Oberflächlich wurde es vor vielen, vielen Jahren notdürftig „gelöscht“, doch jeder kleine Funke reicht, um es wieder zu entfachen.
Und versteht mich nicht falsch, George Floyd war nicht dieser kleine Funke.
Der Mord an George Floyd ist der Spiritus, der in das längst wieder lodernde Feuer gegeben wurde.
Die Flammen sind über Jahre immer weiter gewachsen und mittlerweile wieder an einer Größe angelangt, in der wir es mit einem Waldbrand zu tun haben.
Einem Waldbrand, größer als der, Anfang des Jahres, in Australien. Einem Waldbrand, der, wenn wir nicht jetzt handeln und ihn aktiv, gemeinsam löschen, die ganze Welt zerstören kann und wird. Ein Waldbrand, der nicht nur unsere dunkelhäutigen Mitbürger betrifft, sondern uns alle.
Ein Waldbrand, den wir alle nicht mehr ignorieren dürfen!
„We can never be satisfied as long as the black person is the victim of the unspeakable horrors of police brutality.”
1963.
Nein, wir können nicht zufrieden sein, solange schwarze Personen Opfer unbeschreiblich grauenhafter Polizeigewalt sind. 2020 und nichts hat sich an dieser Aussage geändert.
„Now is the time to make real the promises of democracy. Now is the time to rise from the dark and desolate valley of segregation to the sunlit path of racial justice. Now is the time to lift our nation from the quicksand’s of racial injustice to the solid rock of brotherhood.“
1963.
2020 und nichts hat sich an dieser Aussage geändert, außer, dass nicht nur
Amerika aus dem Treibsand rassistischer Ungerechtigkeit auf den Felsen der
Bruderschaft gehoben werden muss, sondern dass jede Nation mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Gerechtigkeit für alle Menschen stehen muss.
Und ja, „All Lives Matter“, aber um das zu erreichen, müssen wir uns auf „Black Lives Matter“ fokussieren, denn solange das ein Statement ist, dass zur Debatte zu stehen scheint, brauchen wir nicht über „All Lives Matter“ diskutieren. Niemand fordert „Black Lives Matter more“, eigentlich fordern wir doch nur „Black Lives Matter, too“ und dass das noch keine Selbstverständlichkeit ist, ist der Grund warum wir hier alle stehen. Und ja, ich kann die Wut verstehen, die in den Menschen brennt, die dafür gerade Amerika zum Brennen bringen. Trotzdem bin ich stolz, dass wir hier und heute friedlich die Fackeln gegen Rassismus heben. Denn auch 1963 war es genau das, was Martin Luther King im Kampf gegen den Rassismus von den Menschen gefordert hat:
„In the process of gaining our rightful place we must not be guilty of wrongful deeds. Let us not seek to satisfy our thirst for freedom by drinking from the cup of bitterness and hatred. We must forever conduct our struggle on the high plane of dignity and discipline. We must not allow our creative protest to degenerate into physical violence. Again and again we must rise to the majestic heights of meeting physical force with soul force.”
Versuchen wir also nicht den Durst nach Freiheit zu stillen, indem wir aus dem Becher der Bitterkeit und des Hasses trinken. Wir müssen immer wieder physische Gewalt mit der Macht der Seele konfrontieren.
Denn Feuer kann nicht mit Feuer bekämpft werden. Gewalt erzeugt Gegengewalt, keine Lösung. Wir brauchen Wasser, und zwar viel davon. Wir brauchen einen riesigen Strom an Wasser, einen riesigen Strom an Menschen. Nur wenn wir alle zusammen gegen jeden Brandherd des Rassismus vorgehen, können wir das Feuer löschen. Und für diesen Strom an Menschen müssen wir ausnahmslos ALLE für die Bewegung Black Lives Matter und gegen Rassismus stehen. Ob schwarz, ob weiß oder alle Hautfarben, die es auf diesem Planeten gibt. Denn schon 1963 sagte Martin Luther King:
„Recent events must not lead to a distrust of all white people, for many of our white brothers, as evidenced by their presence here today, have come to realize that their destiny is tied up with our destiny. And they have come to realize that their freedom is inextricably bound to our freedom. We cannot walk alone.”
1963. They cannot walk alone.
2020. They cannot walk alone. And they don’t have to.
Wir alle, die heute hier sind, haben ein gutes und wichtiges Zeichen gegen
Rassismus gesetzt, aber wir dürfen jetzt nicht aufhören.
Oder glaubt ihr ein bisschen posten hier und ein, zwei Demonstrationen da verändern innerhalb von zwei Wochen die Welt?
Nein! Wir müssen dranbleiben, wir müssen weitermachen. Wir müssen dieses tödliche, rassistische Virus mit derselben Ernsthaftigkeit angehen, wie das andere tödliche Virus, mit dem wir aktuell auf der ganzen Welt zu kämpfen haben.
Wir fordern nicht nur Gerechtigkeit für George Floyd.
Wir fordern nicht nur ein Ende der Polizeigewalt gegen Schwarze in Amerika.
Wir fordern nicht nur eine Gleichberechtigung der Afroamerikaner. Wir fordern Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für ALLE unsere dunkelhäutigen Mitmenschen in Amerika, in Deutschland, auf der gesamten Welt.
Denn auch Harper Lee sagte noch vor Martin Luther King in „To Kill a Mockingbird“:
„I think there is just one kind of folks. Folks.“
Und das muss das Ziel dieser Bewegung sein. Das muss unser aller Ziel sein.
Denn wir alle sollten denken und dafür sorgen, dass es nur eine Art von Menschen gibt: Menschen.
Laura Issing