Die Schattenseiten des Wohlstands
Wenn frische Brötchen in der Tonne landen und was wir dagegen tun können
Es ist längst kein Geheimnis mehr: in Deutschland landen zu viele Lebensmittel im Müll, die keinesfalls ungenießbar sind. Schnell passiert dies im eigenen Haushalt, weil man sich beim Wocheneinkauf mal wieder überschätzt hat und letztendlich ein Teil des Gekauften doch nur im Kühlschrank vegetiert, bis er schließlich entsorgt wird – oder aber auch in Supermärkten, wo geschmacklich einwandfreies Obst und Gemüse gelegentlich schon in der Tonne landet, nur weil es vielleicht eine Druckstelle hat, also der „Norm“ nicht entspricht. Ist es dann verwerflich, dass manche Menschen diese Produkte gezielt aus dem Müll retten?
Das sogenannte „Containern“ wird nicht etwa nur von Menschen betrieben, die am Rande des Existenzminimums leben, sondern auch von jenen, die sich bewusst dafür entschieden haben, der erschreckenden Lebensmittelverschwendung nicht länger tatenlos zuzusehen. Ohne Konsequenzen läuft die Rettung allerdings nicht immer ab, denn auch im Jahr 2019 blieb die Mitnahme von Essensresten illegal. Die Argumente gegen eine Legalisierung des Containerns stammen hauptsächlich aus den Kreisen der CDU/CSU: Die Nahrungsmittelbeschaffung aus dem Abfallcontainer sei unwürdig und in hygienischer Hinsicht problematisch. Wie hierzulande die Rechtslage des Containerns in Zukunft aussehen wird, bleibt also spannend. Ein Paradebeispiel für die Resistenz von Befürworter*innen sind zwei Studentinnen aus dem bayrischen Olching. Nachdem sie mehrere genießbare Lebensmittel aus einem Supermarkt-Container gerettet hatten, wurden sie wegen Diebstahls verurteilt. Doch ans Aufgeben dachten die beiden noch lange nicht. Die zwei Frauen hatten im November 2019 angekündigt, eine Verfassungsbeschwerde einzulegen. Es ging ihnen dabei mehr um die Moral als um eine mildere Strafe. Für die Studentinnen ist das Wegwerfen von Nahrungsmitteln eine enorme Ressourcenverschwendung und deshalb in keinster Weise tragbar. Um mehr Bewusstsein für die Thematik zu schaffen, haben sie einen Blog gestartet, auf welchem sie unter anderem über aktuelle Entwicklungen in ihrem Fall aufklären. Wer die beiden unterstützen will, hat zudem die Möglichkeit ihre Petition zu unterschreiben. Diese hat das Ziel, Supermärkte in Deutschland dazu zu verpflichten, überschüssige Lebensmittel an verschiedene Einrichtungen zu spenden und zu verteilen.
Die Waren, die nach Ladenschluss im Müll landen, sind nämlich in den meisten Fällen einwandfrei und oft noch in der Originalverpackung. Es handelt sich um aufwendig hergestellte Produkte, die überwiegend einen langen Transportweg hinter sich haben. Nachhaltigkeit sieht anders aus. Laut Berechnungen der Universität Stuttgart sind es dreizehn Millionen Tonnen einwandfreie Lebensmittel, die jährlich weggeworfen werden. Dreizehn Millionen Tonnen zu viel. Und doch stoßen Befürworter nach wie vor auf vehementen Widerstand: Gegner des Containerns stufen das Retten von Nahrungsmitteln als Hausfriedensbruch und Diebstahl ein. Wer nach Alternativen sucht, gegen die Lebensmittelverschwendung vorzugehen, könnte mit der App „Too Good To Go“ fündig werden. Seit einigen Jahren beteiligen sich auch deutsche Restaurants, Hotels, Supermärkte und Bäckereien an der Foodsharing-App. Das Mitmachen ist ganz leicht: Nach der Registrierung werden dem Nutzer teilnehmende Geschäfte in der Nähe angezeigt und welche Lebensmittel dort zu bekommen sind. Die Unternehmen vergeben Boxen, die jeden Tag unterschiedliche Gerichte enthalten. Sobald sich der Nutzer entschieden hat, bei welchem Spot er seine Überraschungsbox kaufen möchte, erhält er Informationen, bis wann er diese abholen kann. Man rettet also Lebensmittel, die sonst entsorgt werden müssten und schont nebenbei auch noch den Geldbeutel. Auch in Würzburg gibt es mittlerweile Unternehmen, die sich an „Too Good to go“ beteiligen: die Filialen von Marktcafé Brandstetter, Nordsee, beide Real-Supermärkte, das Novotel Würzburg, und Dean & David in der Maulhardgasse. In letzterem kann man beispielsweise für nur 4,50 Euro eine Auswahl an leckeren Sandwiches, Wraps, Salaten oder Kuchen ergattern.
Natürlich sollte Containern nicht zur Normalität werden. Doch bei der jetzigen Situation sollten sich die Legalisierungsgegner in der Politik in keiner Weise wundern. Solange es in Deutschland kein gesetzliches Wegwerfverbot für Supermärkte gibt, wird auch das Containern nicht aufhören. Wer keine langfristig nachhaltigeren Alternativen bietet, darf nicht erwarten, dass andere unbeteiligt zusehen und nicht selbst die Zügel in die Hand nehmen. Koste es, was es wolle.
Karina Thieme und Jakob Nützel