Ein Leben im Umbruch


Der Unialltag: Ich stehe an der Bushaltestelle, es ist Freitagmorgen so gegen 8 Uhr. Die Anzeigetafel für die Linie 10 blinkt seit einer Ewigkeit. Vom Bus, der um die Ecke biegt, fehlt jedoch jede Spur. Müde starre ich auf die Straße, auf ihren grauen Asphalt. Der Winter macht sich bemerkbar, denn es ist kalt und feucht, obwohl es ein sonniger Tag werden soll. Der Nebel hängt über dem Boden und auch in meinem Kopf. Vier Stunden Schlaf waren es letzte Nacht und ich bereue es, so lange feiern gewesen zu sein. Unbeschwert und frei, als gäbe es kein Morgen. Jung sein, Student sein. Es ist ein Leben zwischen ewigem Nichtstun, dem Gefühl zu nichts bereit und an nichts gebunden zu sein, kräftezehrenden Stressperioden und dem belastenden Gefühl im Leben umher geschubst zu werden. Die Welt scheint immer schneller und unverbindlicher zu werden, nichts ist garantiert, nicht, ob das Seminar bestanden ist, ob und mit wem man sich abends spontan auf ein Bier trifft oder wie der nächste Morgen aussieht. Man fühlt sich zu mancher Zeit verloren und überfordert.
Weil das Leben als Student im ständigen Umbruch ist.
Man bereut um vier Uhr in der Früh betrunken ins Bett gefallen zu sein, wenn man weiß, dass um acht eine Statistikvorlesung ist. Man fragt sich dann, ob man für einen so geregelten Alltag überhaupt geschaffen ist. Ob man überhaupt fähig ist, sich eine so strukturierte Routine zu schaffen. Zweifel, die irgendwie nie richtig weggehen. Geregelt ist es nämlich nicht, einen ganzen Tag verkatert im Bett zu liegen. In einem Zimmer, in dem der Wäschekorb überquillt, morgen ein Protokoll abgegeben werden muss und noch nichts auf dem Papier steht und man sich mit Käsepizza vom Lieferdienst vollstopft, für die man eigentlich kein Budget hat. Angst, die wie Säure im Magen aufschäumt, wenn Klausuren vor der Tür stehen, wechseln sich mit dem berauschenden Gefühl von Glückseligkeit ab, unter Freunden, denkwürdigen Abenden und langen Gesprächen. Eine Achterbahn, mit sich fast schon rhythmisch wiederholenden Höhen und Tiefen. Gefühlschaos. Eigentlich kann es doch wunderschön sein, frei wie ein Vogel durch die Sanderstraße zu hüpfen und immer und überall spontan sein zu können. Alles kann nichts muss. Aber es gibt so viel zu entscheiden und alles hat Folgen für die Zukunft. Das übt schon Druck aus. Die Wahl eines geeigneten Studiengangs oder der Seminare zum Beispiel. Die schwierige Suche nach einer WG oder Wohnung, die richtigen Mitbewohner finden. Der Umgang mit komplizierten zwischenmenschlichen Situationen. Der Umgang mit komplizierten Situationen, die im eigenen Kopf stattfinden. Manchmal habe ich dann das Gefühl ich verliere mich selbst ein bisschen, ich bin nichtmehr die „Alte“ und das macht mir Angst. Es gibt Kompromisse, die man eingehen muss. Prinzipien, die man setzen muss. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten das Leben zu gestalten, doch es ist gleichzeitig verpflichtend. Abgabefristen und Klausurtermine stehen langen Nächten in einem Club, einer Bar oder spontanen Wochenendtrips gegenüber. Aber so ist das mit dem Erwachsenwerden. Und dann die Frage ‚wer bin ich und wer will ich sein?‘ und die Suche nach Erfüllung. Nach etwas, das spürbar fehlt, aber nicht genau klar ist was. Bestätigung, das Gefühl zu bekommen alles im Griff zu haben oder geliebt zu sein. Sich wichtig zu fühlen. Der Wunsch nach Anerkennung, mit sich selbst im Reinen zu sein oder frei von Stress. Manchmal überkommt mich die Einsamkeit in einer Gruppe von Menschen. Das Gefühl, völlig allein dazustehen. Wer versteht mich?
Und wenn ich nach der Uni in der Mensa sitze oder gegen späten Nachmittag bei Anbrechen der Dämmerung durch die Stadt laufe und die ganzen jungen Menschen sehe, wird mir klar: Ihr alle versteht mich. Weil wir letztendlich als große Traube von Studenten in unserer Würzburg-Blase sitzen und mit dem Erwachsenwerden kämpfen. Im Grunde hat fast jeder die gleichen oder ähnlichen Probleme, mit denen man irgendwie zurechtkommen muss. Wichtig ist nur: Niemand ist allein in einer Masse von Gleichgesinnten. Niemand braucht sich in seinem Chaos als überfordert fühlen, oder einsam, oder hilflos, oder kraftlos.
Es ist okay, keinen perfekt durchgeplanten, routinierten Alltag zu haben.
Es ist okay, heute nicht ins Fitnessstudio zu gehen.
Es ist okay sich nachts um drei einen Döner zu holen, um die zehn Bier auszugleichen.
Es ist okay, eine Seminararbeit mit nur halbgutem Gefühl abzugeben.
Es ist okay, den Plastikmüll zwei Tage länger in der Küche stehen zu lassen.
Es ist okay, nach einer langen Nacht im Club Erinnerungslücken zu haben.
Weil diese Zeit, so verwirrend und stressig sie sein kann, nicht mehr wiederkommt, wenn das Studium abgeschlossen ist. Weil das Jungsein nicht ewig anhält. Weil man in einem Stadium ist, in dem man rausfinden muss, wer man ist und nur Verantwortung für sich selbst hat. Und manchmal ist es wichtig, die Ängste auszuschalten und es einfach zu genießen.
Charlotte Jost
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