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Ein Nebeneinander von traditionellen und progressiven Kulturphänomenen

Blogvon Max Schäfer

„Im Moka Efti“ © X Filme Creative Pool GmbH / ARD Degeto Film GmbH / Sky Deutschland / WDR / Beta Film GmbH
„Im Moka Efti“ © X Filme Creative Pool GmbH / ARD Degeto Film GmbH / Sky Deutschland / WDR / Beta Film GmbH

Die „goldenen Zwanziger“ und ihre Kultur sind heute noch bekannt. Dabei gab es jedoch große Unterschiede. Wir haben mit Prof. Dr. Peter Hoeres vom Lehrstuhl für Neueste Geschichte gesprochen. In seinem Buch „Die Kultur von Weimar – Durchbruch der Moderne“ hat er die Kultur der Zwanziger Jahre untersucht.

Sprachrohr: Was genau sind die goldenen Zwanziger?

Prof. Dr. Peter Hoeres: Zunächst muss man sagen, dass der Begriff missverständlich ist. Er meint nicht die gesamten Zwanziger Jahre, sondern nur ein Jahrfünft. Und zwar die fünf Jahre zwischen 1924 und 1929. Dort gab es eine relative Ruhe. Davor waren die Zeiten der Revolutionswirren, Aufstandsversuche von links und rechts, Attentate, der Ruhrbesetzung und vor allem der Hyperinflation. 1924 beginnt eine Phase der relativen Stabilisierung, die 1929 mit der Weltwirtschaftskrise endet.

Sprachrohr: Wie kam es zu dem Begriff der Goldenen Zwanziger?

Der Begriff selbst ist erst in der Rückschau nach dem zweiten Weltkrieg geprägt worden. Man kann dabei nicht genau auf einen Autor verweisen. Manche sprechen auch von „Weimar Culture“ oder von den „Roaring Twenties“. Das ist vielleicht durch die Serie „Babylon Berlin“ bekannt.

Sprachrohr: Haben Sie den Eindruck, dass die Zeit zu positiv dargestellt wird?

Hoeres: Wenn wir von der Serie „Babylon Berlin“ ausgehen, sieht man eine ganz starke Konzentration auf eine Rand- und Subkultur. Es konzentriert sich alles auf Berlin. Dort liegt der Fokus auf der Unterwelt und Partyszene, die auch stark heutigen Vorstellungen nachempfunden wird. Dieser Eindruck verzerrt das Bild. Es gab aber schon einen „Drain“ nach Berlin. Viele Künstler, Schriftsteller usw. zog es dorthin. Es war die kulturelle Hauptstadt, wo unglaublich viel los war. Aber Berlin ist nicht mit Deutschland gleichzusetzen. Hier in Würzburg sah es anders aus. Genau wie auf dem Land, wo die meisten Deutschen wohnten.

Sprachrohr: Gab es auf dem Land trotzdem einen Aufschwung?

Hoeres: Wirtschaftlich ging es auf dem Land sowieso vergleichsweise gut. Bayern beispielsweise war noch sehr bäuerlich und sehr katholisch geprägt. Das kann man nicht mit den Metropolen vergleichen, die als Sündenbabel galten. Zum Beispiel war der spätere Papst Pius XII. als Nuntius in München und Berlin schockiert von dem, was wir heute als „Weimar Culture“ vergöttern.

Sprachrohr: Wo Sie die Freizügigkeit ansprechen: Wie kam es zu dieser neuen Offenheit? War das der Kontrast zum Krieg?

Hoeres: Im ersten Weltkrieg muss man sich die Gesellschaft als eine hungernde Gesellschaft vorstellen. Dazu kam die Spanische Grippe. Viele Vergnügungen waren zu der Zeit nicht möglich. Viele Entwicklungen, die wir dann beobachten, haben schon um 1900 begonnen. Angefangen beim Kino, aber auch bei verschiedenen Entwicklungen der Avantgarde, des Expressionismus usw. In den zwanziger Jahren kam das Radio dazu. Es kam der „Amerikanismus“, wie man es damals bezeichnete. Also Charleston, Jazz und amerikanische Produkte. Es veränderte sich natürlich einiges. Die Frauen waren im ersten Weltkrieg stärker auf sich allein gestellt und waren dann durch den Typus der Angestellten in der Arbeitswelt präsenter. Das machte sich auch in den Städten stark bemerkbar. Es gab ein neues Selbstbewusstsein und auch eine gewisse Lockerung. Die Zensur gab es nicht mehr. Es wurden sehr provokante Theaterstücke aufgeführt, die auch Sexualität thematisierten. Es gab Varietés, die Tillergirls usw. Es gab die Werbung, Plakatkunst. Es war ein Nebeneinander von traditionellen kulturellen Phänomenen mit der Avantgarde mit progressiven Elementen. Und je nachdem, wo man war, hat das eine oder das andere dominiert.

Sprachrohr: Also hat sich die Spaltung zwischen Land und Stadt in der Kultur gezeigt?

Hoeres: Genau, zum Beispiel denken wir bei Architektur immer ans Bauhaus. Es wurde stark beachtet und auch angefeindet, aber niemand hat auf dem Land wie das Bauhaus gebaut. Dort gab es den Heimatstil, der auch gepflegt wurde. Was in Weimar oder in Dessau war, spielte keine Rolle. Es ist ein Nebeneinander von traditionellen und modernen Phänomenen.

Sprachrohr: Sie haben es vorhin schon angesprochen, dass es kulturelle und mediale Tendenzen wie das Kino schon vorher gab. Welchen Einfluss hatte denn die demokratische Republik auf die Kultur?

Hoeres: Grundsätzlich waren die Standesschranken, also der Adel, als Rechtsinstitution abgeschafft. Es galt die Gleichheit der Bürger. Es hängt aber letztlich auch wieder am Geld. Tendenziell konnte jeder in die Oper und ins Theater gehen, nur hängt das auch vom Interesse und vom Geld ab. Ich glaube, das Kino hatte eine egalisierende Funktion, weil in günstigen Kinos auch ähnliche Filme gezeigt wurden.  Zum Beispiel die Arbeiter haben sich mehrheitlich nicht für Arbeiterfilme interessiert, sondern für Historienfilme oder Western. Die haben bevorzugt dasselbe gesehen wie andere Milieus auch. Das haben die Führer der Arbeiterbewegung nicht gerne gesehen. Aber diese sozialkritischen Filme, die heute noch hoch im Kurs sind, „Kuhle Wampe“ usw., waren mehr etwas für Intellektuelle. In der Masse ging der Trend zu leichterer Unterhaltung und zur Begeisterung für Sport.

Sprachrohr: Welche Rolle spielte das Radio? Gab es dadurch eine politisierende Wirkung, dass Nachrichten einer bereiteren Masse zugänglich waren?

Hoeres: Also das Radio war Bildungsradio. Wie früher das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Also sehr wortlastig, sehr viele Vorträge, sehr viel Offiziöses. Auch anspruchsvolle Hörspiele wurden gehört. Es wurde als Einschaltmedium genutzt. Das ist anders als heute. Es war, auch durch seine öffentlich-rechtliche Verfasstheit, sehr stark als Bildungsradio konzipiert und eher politikfern. Schon staatlich und bildungsorientiert und dadurch nicht apolitisch, aber nicht dem Zugriff von Parteien ausgesetzt.

Sprachrohr: Die Parteien haben dann über ihre eigenen Zeitungen die Öffentlichkeit gesucht.

Hoeres: Es gab in Deutschland die Milieupresse. Jedes Milieu hat seine Zeitung gelesen. In Berlin gab es die großen Konzerne: Scherl, Mosse und Ullstein. Es gab die bebilderte Presse; die Illustrierte. Das war der Renner. Es gab die Generalanzeiger-Presse; auch hier in Würzburg. Das war eine eher unpolitische Form. Aber auch in Würzburg gab es das katholische „Volksblatt“, das sozialdemokratische Blatt „Volksfreund“ und ein eher deutschnationalorientiertes. Das zeigt, wie man es in der Forschung nennt, die Versäulung der Gesellschaft. Diese einzelnen Säulen lebten nebeneinander, manchmal stießen sie auch aufeinander. Also die Arbeiterschaft, das katholische und protestantische Bürgertum.

Sprachrohr: Hat sich das Deutsche Reich oder die Weimarer Republik der Welt durch die Kultur geöffnet?

Hoeres: Ja, obwohl die deutsche Kultur im Kaiserreich auch nicht abgeschottet war. Das sehen Sie etwa am Impressionismus. Es gab viel Austausch. In der Wissenschaft war Deutschland bis zum ersten Weltkrieg international führend. Nobelpreise gingen in hoher Zahl nach Deutschland. Heinrich Mann hat sehr stark auf die französische Literatur reagiert. Thomas Mann erst kritisch, dann positiver. Man kann sagen, dass dieser Trend zum europäischen und der Austausch mit den USA und auch Russland verstärkt wurde. Er begann aber nicht neu. Natürlich auch bedingt durch amerikanische Filme und Musik. Und auch den Starkult gab es schon. Es gibt auch parallele Entwicklungen, zum Beispiel das Beobachten der Großstadt in der Literatur; John Dos Passos in den USA über New York und Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“. Das sind ähnliche Phänomene, die in der Welt gleichzeitig auftraten. Wie gesagt: Eine Beschleunigung der Internationalität.

Sprachrohr: Und wie wurde diese Tendenz zur Internationalität von der Bevölkerung oder der Politik aufgenommen?

Hoeres: Das ist unterschiedlich. Der Amerikanismus wurde oft kritisch betrachtet, vor allem von Konservativen. Von den Linken wurde der Kapitalismus in den USA natürlich auch kritisch gesehen. Das wurde schon sehr diskutiert. Weimar war eine sehr diskussionsfreudige Gesellschaft. Es gab eine scharfe Lagerbildung, aber auch Gespräche untereinander. Man sieht viele Intellektuelle, die miteinander im Austausch standen, was man heute vielleicht nicht mehr so denken würde. Es war schon eine sehr debatten- und diskussionsfreudige Gesellschaft.

Sprachrohr: Meistens denkt man eher an die gewalttätigen Auseinandersetzungen.  Wie war denn die politische Kultur der Weimarer Republik?

Hoeres: Es war sehr polarisiert. Schon von den Entstehungsbedingungen: die Revolution, die mit Gewalt und Gegengewalt einherging. Es gab Putschversuche, politische Attentate. Aber in den sogenannten goldenen Zwanzigern hat sich das etwas beruhigt. Übrigens ist der Staat durchaus gegen Extreme vorgegangen. Das wird heute oft ein bisschen falsch gesehen. Die NSDAP wurde zeitweilig verboten, auch Untergliederungen, die SA. Es wurde also nicht alles geduldet. In der Phase, in der es sich stabilisiert hat, gab es durchaus einen Diskurs. Ein Beispiel möchte ich nennen. Ernst Jünger hat zum Beispiel Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ sehr positiv aufgenommen. Heute werden beide, Ernst Jünger und Erich Maria Remarque, als Antipoden verstanden. Das stimmt aber in beide Richtungen nicht. Die haben sich sehr geschätzt. Wir müssen schauen, ob wir das heutzutage nicht zu sehr in Schubladen einordnen. Es war durchaus eine sehr interessante Debatte.

Sprachrohr: Blicken wir beim Betrachten der Zwanziger zu sehr auf die folgende Diktatur der Nazis?

Hoeres: Genau, die Forschung schreibt heute sehr dagegen an, dass man Weimar nicht mehr unbedingt vom Ende betrachtet. Es gab viele zukunftsweisende Tendenzen. Die Verfassung war besser, als man es gemeinhin annimmt. Man sieht es von der Katastrophe her. Das wird der Offenheit, die es in den Zwanzigern gab, nicht ganz gerecht. Es sind eher politische Unglücksfälle; das Scheitern der letzten großen Koalition und die Weltwirtschaftskrise. Aber in diesen goldenen Zwanzigern gab es auch politisch viele Entwicklungen, die auf eine Stabilisierung hindeuteten. Die Ära Stresemann war eine Politik der Verständigung, die auch voran kam bei dem, was eigentlich alle Deutschen wollten, nämlich einer Revision des Versailler Vertrags. Und zugleich hat man sich an die Franzosen angenähert, was bei den Ausgangsvoraussetzungen sehr schwierig war.

Sprachrohr: Waren die Menschen damals also demokratischer, als sie eingeschätzt werden? Inwieweit waren die Menschen Demokraten?

Hoeres: Es gab schon eine hohe Beteiligung bei den politischen Prozessen. Und die Vielfalt der Parteien, die wir heute kritisieren, ist auch ein Ausdruck von Pluralität und Beteiligung. Es gab viele Demonstrationen. Viele Verbände. Auch Verfassungstage, die groß gefeiert wurden. Die Gesellschaft war politisch mobilisiert und nahm teil. Ich würde also nicht sagen, dass es eine Gesellschaft ohne Demokraten war. In Krisensituationen war der Wunsch nach einem Ersatzkaiser, der Orientierung gibt, schon weit verbreitet. Und an den Rändern gab es Kräfte wie die KPD und die NSDAP, die das grundsätzlich überwinden wollten. Aber bis 1928 waren das nur Minderheiten.

Sprachrohr: Inwieweit kann man die damaligen Zwanziger Jahre mit der heutigen Zeit vergleichen? Aktuell gibt es auch eine internationale Pandemie, die zu einer Wirtschaftskrise führt. 

Hoeres: In Weimar gab es die ungünstige Konstellation, dass so viele Krisen auf ein neueingeführtes politisches System gestoßen sind. Wir haben ein über 70 Jahre erprobtes System, das insofern auch krisenresistenter ist und auch mit Wirtschaftskrisen grundsätzlich besser umgehen kann. Das Vertrauen in die grundsätzlichen Problemlösungskompetenzen des Staates und der Politik ist doch relativ hoch. Und die Mechanismen sind sehr stabil. Ich glaube, die Unterschiede überwiegen doch stark.

Sprachrohr: Professor Peter Hoeres, vielen Dank für das Gespräch!

Portrait von Prof. Dr. Peter Hoeres Quelle: https://www.politycki-partner.de/projekt/zeitung-fuer-deutschland/
Portrait von Prof. Dr. Peter Hoeres Quelle: https://www.politycki-partner.de/projekt/zeitung-fuer-deutschland/