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Ich gehe aus der Komfortzone – beruflich

Blogvon Max Schäfer

Im Idealfall bewegen sich Menschen immer in ihrer Komfortzone. Das Optimum ist, wenn das auch auf die Arbeitszeit zutrifft. Aber was ist, wenn der Traumberuf selbst die Personen ständig in unangenehme Situationen führt? Max Schäfer reflektiert über seinen Berufswunsch Journalist.

„Als Journalist kommt man in unbekannte Orte.“ Bild: Max Schäfer
„Als Journalist kommt man in unbekannte Orte.“ Bild: Max Schäfer

Es war Montag, der 29.07.2019. Um kurz vor 10 Uhr saß ich in einer Redaktionskonferenz beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main. Ich stellte mich der Redaktion vor, bei welcher ich in den nächsten fünf Wochen meine ersten Erfahrungen beim Fernsehen machen wollte. Weil ich neu im Sender und im Medium Fernsehen war, wurde ich einem Kollegen zugeteilt, den ich bei seinen Recherchen unterstützen sollte. Wenige Kilometer entfernt stieß zu dieser Zeit ein psychisch kranker Mann eine Frau und ihren achtjährigen Sohn auf das Gleis 7 des Hauptbahnhofs. Ein ICE fuhr ein, die Mutter konnte sich gerade noch auf einen schmalen Bereich zwischen den Gleisen retten. Ihr Sohn wurde vom Zug erfasst. Er war sofort tot. Der Täter versuchte außerdem eine 78-jährige Frau aufs Gleis zu stoßen, aber sie konnte sich wehren und fiel auf den Bahnsteig. Der Täter floh, wurde allerdings noch im Bereich des Bahnhofs gestellt. 

Zu diesem Zeitpunkt saß ich im Großraumbüro der Redaktion und suchte meine Zugangsdaten für den Computer. Dann kam die Chefin vom Dienst, die für die Planung der tagesaktuellen Sendung zuständig ist, in die Redaktion. Mit ihr die Nachricht: Ein Junge und seine Mutter wurden vor einen Zug geschubst. Das war die einzige Information zu diesem Zeitpunkt. Wir fuhren zum Bahnhof und versuchten, weitere Informationen zu bekommen. In diesem Moment stand die Arbeit im Vordergrund. Das änderte sich nicht, bis der Beitrag um kurz nach 18 Uhr in der Sendung lief. Fast alle Kolleg*innen aus der Redaktion schauten die Sendung zusammen an. Die Hektik, die kurz vor der Sendung noch geherrscht hatte, weil noch Beiträge vertont und von der Chefin vom Dienst abgenommen werden mussten, war einem Moment der Ruhe gewichen. Erst in diesem Moment, in dem der Beitrag lief, hatten wir Zeit darüber nachzudenken, was eigentlich passiert war.  

Der Beruf ist im Idealfall Teil der persönlichen Komfortzone. Es macht Spaß, man hat Freude daran und man bewegt sich in Bereichen, in denen man sich gut auskennt und sicher ist. Der Tod des Jungen war definitiv das schlimmste Thema, über das ich in meiner bisherigen journalistischen Laufbahn berichtet habe. In solchen Fällen kann von einer Komfortzone keine Rede mehr sein. Als Journalist*in kann es aber immer passieren, dass über so etwas berichtet werden muss. Ich kann darauf gerne verzichten; und ich war nur Berichterstatter, nicht Beteiligter oder Zeuge. 

Aber auch allgemein führt der Beruf Journalist*innen immer wieder aus der eigenen Komfortzone, wenn sie definiert wird, wie ich es gerade getan habe. Es gibt immer neue Themen, in die es sich einzuarbeiten gilt. Das macht für mich auch die Schönheit des Berufes aus: Ich kann auf diese Weise viele neue Dinge lernen und verschiedene Menschen treffen. Ausnahmen gibt es, wie das Beispiel oben zeigt.  Die Herausforderung liegt dann darin, sich in meistens kurzer Zeit in ein Thema einzuarbeiten und sich ausreichend zu informieren, um dann andere Menschen darüber informieren zu können. Und dabei müssen die Kriterien der Objektivität, Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit und, wenn es gut läuft, auch noch das der Unterhaltung erfüllt werden. In der Theorie klingt das schon schwierig. In Zeiten von alternativen Fakten, Fake News, Lücken- und Lügenpressevorwürfen und Verschwörungstheorien wird das noch schlimmer. 

Zurück also zum Frankfurter Hauptbahnhof im Juli 2019: Freitags, vier Tage nach dem Tod des Jungen, war ich wieder vor Ort an Gleis 7. Ein Kollege und ich sollten mit Menschen sprechen, um die Stimmung am Bahnhof ein paar Tage nach der Tat festzuhalten. Am Gleis hatten Menschen Blumen, Kerzen und Kuscheltiere niedergelegt. An dieser Stelle stand eine Gruppe von Menschen. Auch sie legten Dinge ab und hielten inne. Manche weinten. Aber zwei Personen stachen daraus hervor. Sie redeten auf Menschen ein, und nein, ich rede nicht von meinem Kollegen und mir, die schließlich auch Menschen ansprachen und ihnen Fragen stellten, was auch fragwürdig war, weil kein wirklicher Erkenntnisgewinn daraus entstand. Doch das ist ein anderes Thema. Ich sprach einen der Männer an. Durch das Mikrofon war ich als Journalist – und noch dazu als einer vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk – zu erkennen. Der Mann war sehr unfreundlich und sagte, dass ich nicht mit ihm sprechen wolle, weil ich die Wahrheit zu dem Fall nicht hören wollen würde. Er sprach die Nationalität des Täters an, der aus Eritrea kam. Es habe alles politische Gründe; ohne die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung 2015 wäre das alles nicht passiert. Es handelte sich bei dem Mann um einen rechtspopulistischen Politiker, der den Tod für seine politischen Zwecke missbrauchen wollte. Als ich ihn darauf hinwies, dass der Täter bereits seit 2006 in der Schweiz lebte und dort bis zu einer psychischen Erkrankung als gut integriert galt, bezeichnete er mich als Lügner. Ich beendete daraufhin das Gespräch. 

Auch diese Begegnungen haben mit Komfort absolut nichts zu tun. Zum einen ist es schon unschön, als Lügner dargestellt zu werden, obwohl man nach bestem Wissen und Gewissen seiner Arbeit nachgeht. Aber vor allem war der Umgang mit dem Verhalten dieses rechten Politikers schwer. Meiner Meinung nach ist es absolut ekelhaft, den Tod eines Kindes für rassistische Hetze zu missbrauchen. Und ich wusste nicht, inwieweit ich als Vertreter des Senders hätte widersprechen können, ohne dass auch dieses Widersprechen politisch missbraucht worden wäre. 

Diese Berichterstattung hat mich wohl bisher am stärksten geprägt, weil deutlich wurde, dass ich als Journalist durchaus in Situationen komme, in denen ich mit schlimmen Ereignissen konfrontiert werde. Und es hat gezeigt, wie Ereignisse politisch missbraucht werden. Mir wurde das in dieser Situation bewusster als bei ähnlichen Ereignissen, weil ich in diesem Fall deutlich besser informiert war und auch redaktionsinterne Diskussionen mitbekommen hatte. Abgesehen von diesem einschneidenden Erlebnis im Juli 2019 lief meine journalistische Laufbahn jedoch glücklicherweise unspektakulärer ab. Aber auch der Lokaljournalismus führte mich an ungemütliche Orte. Im November 2019 musste ich über einen Kirchweihumzug in einem kleinen Dorf mit 200 Einwohner*innen berichten: 

Es war kalt und grau und manchmal regnete es. Zehn Minuten bevor der Umzug losgehen sollte, waren noch keine Menschen zu sehen. Erst langsam kamen sie dann aus ihren Häusern und schauten mich an, als ob ich ein Außerirdischer wäre. Auch das ist nicht gerade leicht: Über einen unbekannten Ort, unbekannte Menschen, die einen anderen Dialekt sprechen, den man selbst kaum versteht, berichten. 

Auch die Veröffentlichung der Artikel und Beiträge ist für mich manchmal unangenehm. Klar, ich bin froh, wenn sie fertig geschrieben sind und in den allermeisten Fällen bin ich auch zufrieden damit. Aber das ist eben nur die eigene Meinung. Wirklich wichtig ist aber, wie es bei den Zuschauer*innen/ Leser*innen, ankommt. Sie sollen informiert und unterhalten werden. Und ihrer Beurteilung liefere ich mein „Werk“ und damit auch mich aus. Gleichzeitig bleiben auch sie nicht in ihrer Komfortzone verschont:  Der Beruf gibt es nämlich nicht nur her, dass man sich selbst permanent aus der Komfortzone herausbegibt und Neues entdeckt, auch für die Gesprächspartner*innen und allgemein die Personen, über die geschrieben wird, kann die Berichterstattung unangenehm werden und sie aus ihren Komfortzonen herausreißen. Immerhin werden sie von außen betrachtet und über sie geschrieben. Im besten Fall können sie gut damit umgehen, sich gekonnt inszenieren und die mediale Aufmerksamkeit als Werbung für sich nutzen.  Die wenigsten Personen, die ich bisher treffen durfte, waren aber den Umgang mit Medien gewöhnt. Vielen konnte ich eine gewisse Unsicherheit anmerken. Manche achteten auf jedes Wort, anderen war anzumerken, dass sie sich vorher schon Sätze zurechtgelegt hatten. Beides ist absolut verständlich. Immerhin setzen sie sich dem Blick einer fremden Person aus. Und, Journalist*innen haben Macht: Innerhalb der Grenzen der Wahrheit haben sie die Deutungshoheit. 

Es klingt vielleicht so, als sei mein Traumberuf doch gar nicht so toll und als hätte ich mir vielleicht etwas anderes suchen sollen. Andererseits ist die Fallauswahl für diesen Text nicht gerade ausgewogen. Ich habe mir eindeutig die inhaltlichen Tiefpunkte rausgesucht. Ab und zu sollte das vielleicht jede*r machen, um sich zu erden und seine Wünsche zu hinterfragen. Schließlich ist es auch kein Leben, nur in der Komfortzone zu sitzen. Im Journalismus ist das auch das Schöne: Der Beruf zwingt uns, den Horizont zu erweitern. Der Lohn sind Geschichten, die wir erzählen können.