Mein bester Feind: Mein Handy

Bing! sprachrohr_uniwue hat zum ersten Mal seit langem ein neues Bild gepostet. – 16:42
Bing! „Hey! Kannst du mir vielleicht noch deine Mitschrift von der letzten Vorlesung schicken?“ – 16:43
So prasseln tausend von Aufgaben und Verpflichtungen jeden Tag in Form von WhatsApp-Nachrichten oder Instagram-Notifications auf uns ein. Ständig werden wir dazu aufgerufen, mal schnell dies zu tun oder kurz das anzuschauen.
Durch schrille Bing!-Töne vermitteln sie uns, dass was auch immer gerade auf unseren Telefonen passiert von größter Dringlichkeit ist und es jetzt sofort unsere Aufmerksamkeit erfordert. Denn es ist unmöglich, eine weitere Sekunde ohne das neue Sprachrohr-Foto auf Instagram zu überleben.
Ohne dass wir es bemerken, lassen wir uns überfluten von einer Welle an Mitteilungen auf unserem besten Freund, die uns still und heimlich abhängig von ihm machen. Und wir mögen das auch noch. Sinnlos scrollen wir durch Instagram und TikTok, liken Essen und komische Tänze. Spielen Spiele und machen Selfies.
Wenn wir das Handy dann doch einmal verlegen, schicken wir direkt einen ganzen Suchtrupp los. Wir haben es ja liebgewonnen. Wie einen Freund.
Denn so hat es doch angefangen: Als Freund und Helfer. Als kleines, aber feines Gerät, das unser Leben um einiges erleichtert. Die Vorspultaste in einer Gesellschaft in der immer alles nach dem Motto „schöner, schneller und besser“ funktioniert.
Das menschliche Hirn ist nämlich keine Eismaschine, die gleichzeitig die Masse gefriert und rührt. Viel mehr funktioniert es wie ein neumodischer Wäschetrockner. Zuerst wird die Information „Waschen“ weitergeleitet und dann die Information „Trocknen“. Es dauert eben ein bisschen länger bis man saubere und getrocknete Wäsche bekommt.
So gesehen kommt das Handy dabei auf dem Papier gut weg: Es leistet ja auch ganz schön faszinierende Arbeit.
Immerhin hat das Handy mit Kurznachrichten über WhatsApp und den sozialen Medien eine komplett neue Art der Kommunikation geschaffen, die zeitweise sogar ein mündliches Gespräch nachahmt, indem Smileys die Mimik und Gestik ersetzen sollen. Man kann immer und überall seine Freunde erreichen. Wenn man sich verspätet, schreibt man dem anderen kurz. Und gerade in der Zeit einer weltweiten Pandemie, in der wir viele Menschen nicht regelmäßig sehen konnten, sollten wir darüber ganz glücklich sein. Wie viel anstrengender wäre zum Beispiel Studieren komplett ohne die soziale Komponente gewesen. Durch Zoom-Calls konnte man diese wenigstens noch imitieren.
Mit der neuen Art von Kommunikation wurde aber auch eine alte abgelöst. Überleg mal: Wann hast du das letzte Mal jemanden nach dem Weg gefragt? Oder im Bus jemanden angesprochen? Lieber schnell den Zielort auf GoogleMaps eingegeben. Ganz romantisch 10 Minuten auf Tinder geswipet. Das Handy hat uns schlicht und einfach alle zu kleinen Alltagssoziophoben gemacht. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, muss jeder selbst für sich entscheiden.
Aber nicht nur Kommunikation hat das Handy revolutioniert. Auch der Zugang zu Wissen ist durch Handys mit einem überall erreichbaren Internet so viel praktischer für uns geworden. Spulen wir mal fünfzig Jahre zurück:
In einer Zeit, in der niemand ein Handy mit Internetzugang hatte, kam in einem Freundeskreis die Frage auf: Wann wurde Italien gegründet?
Sofern man nicht gerade das passende Lexikon zur Geschichte Italiens zuhause hatte, musste also einer sich die Mühe machen und in die Bibliothek gehen, um die Antwort zu finden – oder man wusste es eben nicht.
Heute funktioniert das Ganze ein wenig anders:
Durch Google wird uns das heute mit einer funktionierenden Internetverbindung binnen von Sekunden vor die Nase gesetzt: 1861. Und die Glaubwürdigkeit dieser Antwort, besonders wenn sie von Wikipedia kommt, zu hinterfragen, lernen wir inzwischen sogar in der Schule.
Genauso schnell wie die Antwort auf jede erdenkliche Frage verbreiten sich im Internet Nachrichten über Instagram, Twitter und Co. wie ein Tsunami. Dabei müssen wir natürlich immer alles wissen, was an uns heranspült: Wie sollten wir auch ohne die Information überleben, dass Keeping Up With The Kardashians nach viel zu kurzen 18 Staffeln die Fliege macht?
Natürlich prasseln diese Nachrichten immer in den passendsten Momenten auf uns ein. Immerhin müssen wir zwischen dem Gebimmel ganz normal unserem Leben nachgehen. Mitten im Satz BING! es ab und zu einmal, wir lassen BING! ablenken und deshalb ist der Satz grammatikalisch inkorrekt. Kaum fünf Minuten gelernt, bimmelt das Handy und nachdem man der Mama brav geantwortet hat, scrollt man nur noch mal ganz kurz durch Instagram. Eine Stunde später schaut man sich dann das zwanzigste, lustige Video an, hat die plastikfreien Putztabs bestellt und aus Versehen das Lernen vergessen. Und am Ende des Tages wundern wir uns dann, wo denn überhaupt der Tag hin ist.
Ganz bewusst wird uns inzwischen von einigen Handymarken vor Augen geführt, wie viel Zeit wir vor dem Bildschirm verbringen – ob sinnvoll oder sinnlos genutzte Zeit, lassen wir dabei mal dahingestellt. Aber was dagegen tun, wenn wir einmal bemerken, dass wir doch mehr Zeit, als uns recht ist, aus dem Fenster werfen? Wie können wir die Gesellschaft denn am besten entschleunigen und einfach mal den Pause-Knopf drücken? Die effektivste Antwort ist vermutlich: Ausschalten. Gleichzeitig ist das allerdings auch die Antwort, die den allermeisten am schwersten fällt. Denn zu sehr haben wir schon eine Zuneigung für nervige Klingeltöne, dumme Fragen und zeitfressende Spiele entwickelt.
Also erst mal kleiner gedacht. Aus den Augen aus dem Sinn: Das Handy einfach mal in einen anderen Raum legen, wenn man gerade am Lernen ist. Oder auch das Ausstellen von Benachrichtigungstönen kann den Fokus auf eine Sache fördern. Es wird einen schon nicht umbringen, die neusten Katzenbilder erst nach der nächsten Seite Seminararbeit zu liken.
Effektiv helfen auch Regeln im Freundeskreis: Nicht das Handy checken, während man beisammen ist. Oder es gar nicht mitnehmen, sofern man es nicht unbedingt braucht, damit wir dann nicht das Bild vom schönen Sonnenuntergang posten, mit der Unterschrift „Was man alles sieht, wenn man nicht aufs Handy schaut!“ auf Instagram. Denn Handys und Social Media haben wir so in unseren Alltag integriert, dass es uns manchmal überhaupt nicht auffällt, welch eine Ironie wir ausdrücken.
Aber so einfach sich das jetzt auch anhört, ist es dann doch nicht. Viel zu schnell passiert es, dass man eine Woche Social Media-Detox macht und am nächsten Morgen erwischt man sich doch dabei, wie man zehn Minuten auf Instagram war, weil man es schlicht und einfach vergessen hat.
Denn es bleibt nun mal mein bester Feind.
Dir und 58 anderen gefällt das Foto von @sprachrohr_uniwue – 16:44
„Na klar, mir fehlen aber die letzten drei Folien, war da ein bisschen abgelenkt :D“ – 16:44