National Model United Nations – Diplomatenluft schnuppern

Hinter dem Projekt National Model United Nations verbirgt sich die weltweit größte Simulation einer Konferenz der Vereinten Nationen, bei der junge Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um in die Rolle von Diplomatinnen und Diplomaten zu schlüpfen. Jährlich ergreifen dabei über 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, einen der 193 UN-Mitgliedsstaaten in den verschiedenen Komitees zu vertreten und versuchen dabei, die Interessen des jeweiligen Landes bestmöglich zu repräsentieren. Hierbei gilt es, vertraute wie auch fremde Perspektiven einnehmen zu können und in verhandlungssicherem Englisch gemeinsam über globale Probleme und mögliche Lösungen zu debattieren.
Das National Model United Nations, kurz NMUN, wurde 1946 mit der Gründung der Vereinigten Nationen ins Leben gerufen und gilt als Nachfolger eines jährlichen Planspiels des Völkerbundes von 1923. Die Bezeichnung National Model United Nations rührt daher, dass das Projekt zunächst nur auf Ebene der Vereinigten Staaten stattfand, und damit national ausgerichtet war. Heute könnte man allerdings eher von einem ‚International Model United Nations‘ sprechen, denn es zieht junge Menschen aus der ganzen Welt zur jährlichen Konferenz nach New York. Als Vorbereitung für diese Konferenz im Hauptquartier der Vereinigten Nationen, werden häufig andere, kleinere Konferenzen in verschiedenen Ländern besucht. Dabei sollen die so genannten Delegates zunächst die Chance haben zu entdecken, wie Konferenzen bei den Vereinigten Nationen im Allgemeinen ablaufen. Zum einen werden die Rules of Procedure besprochen und verinnerlicht, zum anderen wird über Inhalte diskutiert. Es gilt, sich in angemessener Sprache über komplexe politische Probleme zu informieren und sich anschließend mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern darüber auszutauschen. Durch das Annehmen einer bestimmten Rolle, der eines Vertretenden eines meist fremden Landes, entsteht ein Verständnis für die Probleme und Situationen anderer Völker und Kulturen. Darüber hinaus werden auch Fähigkeiten im Bereich der Rhetorik, Verhandlungstaktik, sowie Grundlagen der Diplomatie entdeckt und geschult. Da einem großen Teil der Mitwirkenden das Englische nicht als Muttersprache gegeben ist, spielt auch das Festigen der englischen Sprache eine entscheidende Rolle. Nicht zuletzt ist es notwendig, eine möglichst vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit den Standpunkten Anderer eingehen zu können. Toleranz und Offenheit sind daher mit zwei der wichtigsten Attribute, um dem Projekt gerecht werden zu können.
Das Projekt fordert von den Teilnehmenden, sich intensiv mit dem zugeteilten Land, sowie gleichermaßen mit dem Wirken der Vereinigten Nationen auseinanderzusetzen. Ein Verständnis der VN-Statuten und das Verfassen von VN-Resolutionen ist Teil des Prozesses. Dafür bereiten sich die Delegationen, die meistens aus zehn bis zwanzig Studierenden bestehen, auf unterschiedliche Art und Weise vor.
Die Delegationen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg nehmen sich dafür in der Regel ein ganzes Semester Zeit. In Würzburg sind die Delegationen von jeher interdisziplinäre Gruppen aus verschiedensten Studiengängen und Fachsemestern. So setzte sich die letzte Delegation beispielsweise neben Studierenden der Politik- und Rechtswissenschaften, auch aus denen anderer Fächer, wie unter anderem der Sinologie, Sprachwissenschaften, Medizin und Lebensmittelchemie, zusammen. Diese Diversität innerhalb der Gruppe bietet eine vielversprechende Grundlage dafür, sich in Toleranz und Offenheit zu schulen. Die Studentinnen und Studenten der Delegation starten jedes Jahr zu Beginn des Wintersemesters mit der Vorbereitung für die anstehenden Konferenzen. Im Rahmen wöchentlicher Treffen sowie einer intensiven Phase in der vorlesungsfreien Zeit recherchieren sie zu ihrem Land und üben sich im Reden schreiben und halten. Von besonderer Bedeutung ist es, dass die Delegates begreifen, wie genau internationale Politik und die Vereinten Nationen im Speziellen funktionieren. Dafür findet im Vorfeld der Konferenz, neben der intensiven Vorbereitung in Würzburg, auch eine einwöchige Study-Week mit Briefings durch hochrangige Politikerinnen und Politiker in Berlin statt. Dag Hammarskjöld, der als dritter Generalsekretär der Vereinten Nationen diente, brachte seine Meinung in Bezug auf die Vereinten Nationen wie folgt zum Ausdruck: “Everything will be all right – you know when? When people, just people, stop thinking of the United Nations as a weird Picasso abstraction and see it as a drawing they made themselves.” Dieses Zitat ist kennzeichnend für die Problematik der Vereinten Nationen. Die Studentinnen und Studenten versuchen einen Blick hinter dieses seltsame Picassogemälde, wie Hammarskjöld es nennt, zu werfen und selbst aktiv zu werden, um nicht nur in Theorie, sondern auch in Praxis Erfahrungen im Hinblick auf die Vereinten Nationen zu sammeln. Aktuell befindet sich die Delegation 2020 der Julius-Maximilians-Universität Würzburg auf der Suche nach neuen Interessierten, die sich im kommenden Wintersemester gemeinsam auf dieses Abenteuer begeben werden.
Anika Scheffler