Neue Hoffnungen für ein neues Jahrzehnt

Silvester 2019 habe ich mit meiner Familie in Verona gefeiert. Wir waren spontan von einem auf den anderen Tag losgefahren. Raus aus dem tristen Dezember zuhause. Hauptsache weg von hier. Die schiere Flucht vor dem Alltag. Kurz vor Mitternacht fanden wir uns dann auf der Piazza Brà wieder und es war nicht ganz so romantisch, wie wir uns das vorgestellt hatten. Besser gesagt war es das reinste Chaos, regelrecht beängstigend. Überall Polizei, fast alle Seitengassen abgesperrt. Eine Menschenmasse, die diese instabile Heiterkeit ausstrahlt, die jederzeit in eine Massenpanik umschlagen könnte und andauernd das laute Knallen von Silvesterböllern. Wir waren offiziell fasziniert, fühlten uns aber insgeheim ausgesprochen unwohl, bis: Mitternacht, Feuerwerk und für einen Moment kamen mir die grölenden, betrunkenen Menschen vor mir, die mich jedes Mal stolpern ließen, wenn sie sich bewegten, regelrecht sympathisch vor. Es war ein Gefühl von Gemeinschaft, von gemeinsamem Feiern. Es war aufregend.
Ich muss wohl nicht näher darauf eingehen, dass es eine gewisse Ironie hat, Silvester 2019 auf diesem überlaufenden öffentlichen Platz in Norditalien gefeiert zu haben. Sechs Monate später wohne ich auf unbestimmte Zeit wieder bei meinen Eltern und überlege, ob es wohl sicher genug ist, mal wieder ins Kino zu gehen.
Aber wieso ist es eigentlich so eine große Sache, dass ausgerechnet die zwanziger Jahre so einen ernüchternden Auftakt haben? Warum waren meine Erwartungen eigentlich so hoch?
Ein Stück weit ist es wohl das Gefühl von Neuanfang. Endlich haben wir wieder ein frisches, unbeflecktes Jahrzehnt vor uns. Eines, von dem wir das Gefühl haben, dass wir es gestalten können. Wir sind jetzt schon gespannt, was wir als Großeltern 2080 unseren Enkeln von „den Zwanzigern“ erzählen werden. Für welche Mode werden die Zwanziger stehen? Welches Lebensgefühl? Was wird alles politisch passieren? Aber es ist nicht nur das.
Zunächst einmal ist da die Bezeichnung. Ist es nicht so, dass einem das ein kleines bisschen gefällt, dass man das jetzt wieder sagen kann: die zwanziger Jahre. Die zehner Jahre, das hat hin und wieder mal jemand versucht, es klang aber einfach nicht so gut. Von „den Nullern“ ganz zu schweigen.
Und ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber als mir aufgegangen ist, dass bald die zwanziger Jahre beginnen, war meine erste Reaktion Aufregung, freudige Erwartung. Jemand sagt „die Zwanziger“, und man sieht vor sich Frauen mit goldenen Haarreifen und Charleston-Kleidern, und man sieht Leonardo Di Caprio, wie er uns vom DVD Cover des „Great Gatsby“ aus gönnerhaft mit seinem Cocktailglas zuprostet.
Die Erwartungen sind hoch, weil die letzten Zwanziger etwas beinahe Legendäres hatten. Die goldenen Zwanziger, „The Roaring Twenties“. Wie sehr wir uns im Moment ein ähnlich goldenes Zeitalter zurückwünschen!
Umso größer die Ernüchterung. Wer kennt sie nicht, die „Expectation vs. Reality“-Memes auf Twitter und Co., mit denen Menschen in aller Welt bereits ihrer Enttäuschung über das neue Jahr Luft machen.
Und trotzdem: es sind immerhin erst sechs Monate vergangen. Im Grunde ist das noch gar nicht so viel Zeit. Sicher, der Anfang der Zweitausendzwanziger war katastrophal. So viele Todesopfer, die Aussichten der Wirtschaft sind schlecht und es ist auch noch längst nicht sicher, dass die Zeit nach Corona tatsächlich ein solch positiver Neuanfang werden wird, wie es manche Optimisten gerade gerne glauben. Aber mal ehrlich: Was bleibt uns außer Optimismus denn noch groß anderes übrig?
Unsere Gestaltungsfreiheit in Bezug auf das Erbe der neuen Zwanziger ist noch lange nicht ins Wasser gefallen. Eigentlich hat sie sich sogar vergrößert.
Das zeigt auch der Fall von George Floyd in den USA und die weltweit wütende Reaktion darauf. Fälle wie dieser passieren in den USA häufig, und es ist auch nicht der erste solcher Fälle, der per Video festgehalten wurde. Trotzdem scheint irgendetwas anders zu sein an diesem Fall. Die Proteste sind wütender, die internationale Aufmerksamkeit größer. Der Tod von George Floyd scheint der sprichwörtliche Tropfen gewesen zu sein, der das Fass nun zum Überlaufen bringt. Vielleicht sogar die Initialzündung für eine echte Veränderung hin zum Guten.
So wie die Corona-Krise auch eine Initialzündung sein könnte: Für ein Voranbringen der Digitalisierung, insbesondere in der Bildung. Und vielleicht auch endlich für einen etwas nachhaltigeren Lebensstil im Allgemeinen.
Der Himmel über dem Haus meiner Eltern blieb in den vergangenen Monaten nahezu unberührt von Kondensstreifen und die Vögel fliegen über ihrem Garten tiefer als je zuvor. Wenn ich das sehe, verschafft es mir instinktiv ein Gefühl von unheimlicher Erleichterung. Es ist befreiend, die Natur wieder aufleben zu sehen, selbst an solch kleinen Beispielen.
Und eine gewisse Erleichterung höre ich sogar in den Stimmen derjenigen, die in der vergangenen Zeit große Reisen absagen mussten: „Dann bleiben wir dieses Jahr eben zuhause“, erzählte eine Kollegin meiner Mutter regelrecht fröhlich am Telefon. Sie hatte eine Reise nach Südamerika stornieren müssen.
Ich meine damit nicht, dass unsere Umwelt direkt davon profitieren soll, dass die unmittelbare Belastung kurzfristig abgeschwächt ist. Die Luftbelastungswerte mögen für den Moment gesunken sein, aber sie werden auch schnell wieder nach oben schnellen, wenn wir nach der Krise einfach wieder so weitermachen wie zuvor. Was der Umwelt aber guttun könnte, ist dieses Gefühl von Erleichterung, das sicherlich nicht nur ich hin und wieder verspüre – wenn wir uns nach der Krise denn noch daran erinnern.
Meine Erwartungen an die Zwanzigerjahre, die ich noch an meinem schicksalhaften Silvesterabend in Verona hegte, wurden früh enttäuscht und ich weiß nicht, ob wir sie retten können. Mittlerweile habe ich aber andere Hoffnungen für dieses junge Jahrzehnt.
Dass etwas Gutes aus all dem Leid entsteht. Dass wir die Ereignisse als den Tropfen sehen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein Tropfen, der nicht nur zu gut gemeinten Moralpredigten, reaktionären Forderungen und halbherzigen Versuchen führt, wie es sie in den 2010er Jahren so viel gab, sondern zu einer echten Bewegung nach vorne. Zu proaktivem Handeln. Vielleicht ist dieses Jahr eine Chance, in den kommenden Zwanzigerjahren eine tolerantere, modernere und nachhaltigere Welt auf den Weg zu bringen.
Und ist wenigstens diese Vorstellung nicht auch ein bisschen aufregend?
Annabell Diehm