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Parasite, Gesellschaftssatire und Filmgeschichte bei der 92. Oscarverleihung

Blogvon Olivia Rongisch

Bild: Mohamed Hassan auf Pixabay

Am 9. Februar 2020 hat vor allem ein ganz bestimmter Film bei den Oscars für Überraschung, Freude und Diskussion gesorgt. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die jedes Jahr den Oscar vergibt, zeichnete „Parasite“ als besten Film des Jahres aus. Seit 1929 ist es das erste Mal in der Geschichte der Oscarverleihungen, dass ein nicht englischsprachiger Film in dieser Kategorie gewann. Gerade dieses Jahr wurden die Oscars wieder für ihre fehlende Diversität und die vielen nicht gewürdigten weiblichen Regisseurinnen kritisiert. Da war der umjubelte Gewinn von Parasite ein wohl nötiges Zeichen der Academy für die verdiente Beachtung internationaler Filmkunst. 

Auch in den Kategorien beste Regie, bestes Originaldrehbuch und bester fremdsprachiger Film bekam das südkoreanische Meisterwerk jeweils einen Oscar verliehen. Somit hat Parasite in drei der fünf wichtigsten Kategorien („The Big Five“) gewonnen. Vorher hat er schon bei etlichen kleineren und größeren Filmfestspielen zahlreiche Preise abgeräumt, unter anderem die Goldene Palme in Cannes und den Golden Globe Award als bester fremdsprachiger Film. Doch nicht nur die Oscars von Parasite sorgten für so manche Freudentränen in den Augen des Publikums, auch anderes, wie der Überraschungsauftritt des Abends von Eminem oder die Dankesrede von Joaquin Phoenix (bester Hauptdarsteller).

Doch was genau behandelt eigentlich der offensichtlich viel gefeierte Film? Thriller, Komödie, Gesellschaftssatire, wie auch immer man ihn einordnen will – nachdem man ihn zum ersten Mal gesehen hat, wird man ihn nicht so schnell vergessen. Dass die Veröffentlichung von Parasite genau auf das 100-jährige Jubiläum des koreanischen Kinos 2019 fällt, ist laut Aussage des Regisseurs aber nur ein sehr passender Zufall.

Die Geschichte handelt von zwei, auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen vierköpfigen Familien: den ärmeren Kims und den reichen Parks. Der Protagonist (Ki-woo), der jüngste Sohn der Familie Kim, wird von einem ehemaligen Schulfreund (Min) gebeten, seine Stelle als Englischnachhilfelehrer zu übernehmen, da er studiumsbedingt für ein Jahr ins Ausland muss. Das Problem: Ki-woo studiert nicht wie sein Freund an einer renommierten Universität, sondern er und seine Familie leben vom Zusammenfalten von Pizzakartons. Die beiden einigen sich schnell darauf, dass ein Zeugnis leicht gefälscht ist. Es geht ja nur um den Englischunterricht und den kann Ki-woo genauso, wenn nicht sogar besser als die reichen Studienfreunde von Min geben. Bald darauf ist Ki-woo fest angestellter Englischlehrer für die älteste Tochter der wohlhabenden Parks. Doch das ist nur der Anfang. Nachdem die Parks vergeblich lange nach einer passenden Kunstlehrerin für das angebliche Talent ihres Sohnes gesucht haben, ist Ki-woo schnell zur Stelle, seine eigene Schwester als angebliche Kunsttherapie-Studentin einzuschleusen. So ersetzt die komplette Familie Kim in einem ausgeklügelten, fast spielerischen Plan nach und nach alle Angestellten im Hause der Parks. Somit ist der Parasit geboren. Ob er der einzige im Film bleiben wird, sei vorerst dahingestellt.

Nach dieser kurzen Einführung entsteht eine ganz bestimmte Vorstellung oder Erwartung, wie die Geschichte verlaufen wird. Vor allem wenn man Parasite zum ersten Mal sieht, wird man feststellen, dass sich der Film ab einem gewissen Punkt zu etwas komplett anderem entwickelt, als man sich hätte vorstellen können. Man kann nur noch überrascht und kopfschüttelnd dasitzen, sich wundernd, was noch passieren wird. Es ist, als beinhalte der Film eigentlich zwei Geschichten in einer. Die erste vorhersehbarere, dennoch interessant anzusehende Hälfte der Story erstreckt sich exakt bis zum zeitlichen Mittelpunkt des zwei Stunden und zwölf Minuten langen Films. Die Wendung, die der Film nach dem Läuten an der Tür nimmt, ist so unerwartet wie brutal zugleich.

Bild: Mohamed Hassan auf Pixabay

Die Symbolik in Parasite ist unaufdringlich und gleichzeitig doch so gewaltig. Bong Joon Ho ist im asiatischen Raum als einer der Top-Regisseure schon lange bekannt und allein drei der 20 erfolgreichsten südkoreanischen Filme stammen von ihm. Parasite beschäftigt sich mit der Schere zwischen Arm und Reich und den immer mehr beachteten Missständen in unserer heutigen Gesellschaft. Zum einen die Kellerwohnung der Kims ohne Privatsphäre vor nächtlichen Betrunkenen, die sich gerne an ihrem Fenster erleichtern, ohne zu registrieren, dass dort jemand wohnt. Und zum anderen die private und geschützte Villa der Parks, die auf einem Hügel liegt mit großem Garten und riesigen Fenstern, aus denen der Himmel zum Greifen nah erscheint. 

Doch so oberflächlich bleibt der Film bei Weitem nicht, denn die brutalsten und traurigsten Szenen aus dem Film zeigen nicht den Kampf zwischen Arm und Reich, sondern wie sich die Arbeiterklasse um die Reste der Reichen prügelt. Die Wohlhabenden hingegen nutzen andere aus, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Diese fehlende Solidarität in der ärmeren Gesellschaftsschicht ist oft ein entscheidender Faktor, den man nicht ignorieren sollte. Passend dazu ein Gesprächsausschnitt zwischen den Kims, wie sie sich über die Mutter der Parks unterhalten:

Ki-taek (Vater): „She’s rich, but still nice.“

Chung-sook (Mutter): „Not ,rich but still nice’. She’s nice because she’s rich. Hell, if I had all this money, I’d be nice, too!“

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv in Bongs Filmen ist der Klimawandel und wer am meisten darunter zu leiden hat. Der Moment in Parasite, durch den letztlich alle Fassaden einstürzen und an dem auch die Ausmaße des Klimawandels gut erkennbar sind, ist der plötzliche und äußerst heftige Sturzregen. Beide Familien bekommen ihn – jedoch auf völlig unterschiedliche Weise – zu spüren. Die Parks müssen lediglich den Campingtrip für den Geburtstag ihres Sohnes abbrechen und können dann gemütlich – bei dem von der Haushälterin schon zubereitetem Essen – den Regen vom Sofa aus betrachten. Im Gegensatz dazu verlieren die Kims in dieser Nacht fast all ihre Habseligkeiten. Durch den Regen wird ihre Wohnung komplett überschwemmt und unbewohnbar. Genau wie das Wasser nach unten strömt, geht auch der Weg der Kims nur noch bergab. So leiden die, die es sich am wenigsten leisten können, am meisten unter dem extremen Wetterereignis.

Ein Symbol der Hoffnung auf ein besseres Leben ist der Stein, der der Familie Kim zu Beginn des Filmes von Ki-woos Schulfreund geschenkt wird. Aber diese Hoffnung löst sich spätestens dann auf, wenn der Stein zu einem Werkzeug der Gewalt wird. Auch das Lied „Soju“, welches im Abspann des Filmes gespielt wird, handelt davon, wie viel man für den Reichtum der Familie Park arbeiten müsste. Der Originaltitel des Liedes war ursprünglich „565 Jahre“, so lange müsste zum Beispiel jemand aus der Familie Kim arbeiten, um sich das Haus der Familie Park leisten zu können. Der Regisseur wollte hiermit noch einmal die Aussichtslosigkeit verdeutlichen. 

Bongs Meinung nach wird sich, solange er und sein Sohn leben, die gesellschaftliche Lage, die er in Parasite darstellt, nicht ändern. Teilst Du seine Ansicht?