Protest ist…


Zum Ende des letzten Jahres war sich die deutsche Medienlandschaft einig: 2019 war das Jahr des Protests. Dass das politische Schlagwort „Klimahysterie“ zum Unwort des Jahres gewählt wurde, unterstreicht den beinahe konkurrenzlosen Fokus des öffentlichen Interesses auf die Klimapolitik. So erregte vor allem die angeblich politikverdrossene Jugend mit Fridays for Future globales Aufsehen. Aber auch in anderen Bereichen erstarkte kollektiver Widerstand: Ob deutsche Landwirte im Protest gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung mit tausenden Traktoren die Hauptstadt lahmlegten, unermüdliche Brexit-Gegner ihrem Unmut weiterhin auf der Straße Ausdruck verliehen oder über eine Million Menschen in Hongkong gegen die Einflussnahme der chinesischen Regierung demonstrierte – Proteste waren im letzten Jahr allgegenwärtig. Da sich diese Entwicklung 2020 fortzusetzen scheint, lohnt sich die Frage nach der Definition des Protests. Denn hinter dieser scheinbar simplen Worthülse steckt mehr als bloßer Widerstand…
Protest bedeutet zunächst Ausdruck zahlreicher, verschiedener Emotionen. Fühlen sich Menschen ungerecht behandelt, unterdrückt, missverstanden oder gar nicht erst erhört, reagieren sie in unterschiedlicher Weise: Manche akzeptieren diesen unbefriedigenden Zustand und resignieren innerlich, andere haben das Bedürfnis zu handeln und sich Gehör zu verschaffen. Ein großer Teil der Landwirte etwa fühlt sich von der deutschen Gesellschaft im Kontext der Klimadebatte zu Unrecht in die Rolle des Buhmanns gedrängt. Sie erhielten heutzutage trotz ihrer zentralen Funktion als Erzeuger von Nahrungsmitteln zu wenig politisches Gehör und Anerkennung. Die Landwirte rufen also zum Protest auf, um der Gesellschaft und den Politikern zu zeigen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Offensichtlich spielt bei den meisten Protesten Angst eine zentrale Rolle. Es ist die Angst vor der Bedrohung des eigenen Stands, der eigenen Rechte, letztlich der eigenen Existenz, die in die Enge Getriebene zum Handeln zwingt.
Protest ist dank Versammlungs- und Meinungsfreiheit außerdem menschliches Grundrecht. Wir alle sollten ungehindert die Möglichkeit haben, öffentlich zu protestieren. Leider liegt die Betonung hierbei auf „sollten“, denn noch heute werden Menschenrechte von zahlreichen Regierungen missachtet. Laut Amnesty International waren 2019 die Rechte auf Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit unter anderem im Irak und Iran, in China und Indien massiv eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund ist unser Recht auf friedlichen Protest als Privileg anzusehen – angesichts der demokratiegefährdenden Tendenzen der letzten Jahre (ob von links oder rechts) gar als Pflicht eines jeden mündigen Bürgers. Möglicherweise machen wir es uns zu einfach, wenn wir die politische Teilhabe auf den Gang ins Wahllokal beschränken. Das sieht man etwa daran, dass in den vergangenen Jahren trotz warnender wissenschaftlicher Erkenntnisse längst überfällige Maßnahmen im Rahmen der Klimapolitik versäumt wurden. Erst seit der Formation des Widerstands um Greta und dem anschließenden medialen Echo werden Anpassungsversuche deutlich. Protest ist nicht nur als Auslöser politischen und gesellschaftlichen Umdenkens, sondern auch als Mittel der Meinungsäußerung in einer gesunden Demokratie unverzichtbar.
Letztlich ist Protest stets ein Akt des Mutes. Denn wer seine Kritik durch Protest öffentlich zum Ausdruck bringt, wird mit Gegenwind rechnen müssen. Wer nicht nur Protest, sondern gar Veränderung anstrebt, wird Andersdenkende konfrontieren, fremde Perspektiven zulassen und Kompromisse eingehen müssen. Natürlich ist es für den Einzelnen bequemer, sich unbekümmert auf „die da oben“ zu verlassen, als sich aktiv mit immer neuen politischen Fragen und Entwicklungen auseinanderzusetzen. Dennoch ist es unsere Pflicht, Bedrohungen gegenüber sensibel zu bleiben, anstatt aufzugeben, wegzusehen, oder mit beinahe blindem Vertrauen Besserung zu erwarten. Dies belegt etwa das erneute Aufflammen des Antisemitismus in Europa. Als Angehöriger der Generationen Y und Z verfällt man leicht dem Glauben, unsere westliche Gesellschaft sei mittlerweile so aufgeklärt und weltoffen, dass Rassismus oder Antisemitismus gar nicht stattfinde. Dennoch geben 52% aller deutschen Juden an, in den letzten fünf Jahren antisemitische Erfahrungen gemacht zu haben. Selbst 75 Jahre nach dem Holocaust müssen wir uns also gegenseitig daran erinnern, unsere Stimme zu erheben. Schriftsteller Elie Wiesel, der als Holocaust-Überlebender für seinen Protest gegen Gewalt und Rassismus den Friedensnobelpreis erhalten hat, stellte fest: „There may be times when we are powerless to prevent injustice, but there must never be a time when we fail to protest.“
Protest ist also Widerstand, Gefühlsausdruck, Meinungsäußerung, Einflussnahme und manchmal sogar unsere Pflicht.