Single also willig
„Und ich höre mich morgen sagen: Ja, Ich bin Single. Und nein danke, ich will nicht.“

Ich bin Single, also will ich.
Es war ein kalter Abend im Dezember, als wir uns kennenlernten. Es war so unspektakulär und im Kern doch skandalös. Es war so, wie es immer ist und es ist immer belastend. Es war ein kalter Abend im Dezember und es war dein Geburtstag.
Ich war neu in der Stadt und gerade erst eingezogen. Meine Mitbewohner kannte ich flüchtig. Wir wohnten zu dritt im zweiten Stock des alten Hauses. Dein Zimmer lag direkt über meinem, in der WG im dritten Stock. Eine schmale Holztreppe führte hoch zu euch und darüber hinaus, bis zum Eingang des Dachbodens. Vor unserer Wohnungstür stapelten sich leere Kartons, alte Marmeladengläser und jede Menge abgetragene Schuhe, die sich in den letzten Jahren angesammelt hatten. Ich hörte dich über die Schuhe, die niemandem mehr gehörten, stolpern. Hörte wie du ansetzen wolltest dich zu beklagen und dann doch innehieltst. Wie du sie mit einem leichten Tritt zur Seite schobst und die Treppe hinaufstiegst. Ich kannte auch dich flüchtig aus dem Treppenhaus und auch wenn ich erst wenige Wochen eingezogen war, so waren schon einige Einladungen in die obere WG gefolgt. Ich hatte sie dankend abgelehnt.
Selbst meine Mitbewohner drängten darauf, sie zu eurem Spieleabend zu begleiten, doch ich lehnte auch hier weiterhin ab. Dass ich Gesellschaftsspiele wenig amüsant fand, verstanden sie sofort. Dass ich zu krank sei, um andere Menschen zu treffen, verstanden sie nicht. Das verstandst auch du nicht und gabst mir das Gefühl, die Krankheit als Ausrede zu benutzen.
Irgendwann kam er dann, der kalte Abend im Dezember. Durch Zufall trafen wir uns erneut im Treppenaufgang und begannen ein Gespräch. Aus Smalltalk wurden Buchempfehlungen und damit war das Fieber, dass mich an diesem Abend früh ins Bett treiben wollte, schnell vergessen. Du ludst mich ein nur kurz mit hoch zu kommen. Ich stimmte zu. Dein Zimmer war warm und wenig einladend. Bloß ein Bett, ein Regal und die Heizung, neben die ich mich setzte. Ich trug meine Winterjacke und ließ sie geschlossen. Alles, was ich wollte, war das Buch und eine nette Nachbarin sein. Alles, was mein Körper wollte, war Ruhe und Schlaf. Das gab ich ihm nicht, und trank stattdessen Chai mit dir. Ich öffnete die Jacke keinen Spalt, denn ich wollte nicht lange bleiben und mein Körper brauchte die Wärme. Du wundertest dich, also erklärte ich es dir erneut. Ich sei krank, sagte ich. Ich sei nicht unsozial oder ängstlich, ich sei bloß nie vorbeigekommen, weil ich seit Wochen krank sei. Deine Augen verengten sich, du mustertest mich und kamst zu dem Entschluss, dass ich gar nicht krank aussah. Du schobst deinen Stuhl etwas näher an mich heran, sodass die Stuhlbeine bereits die Bettkante berührten und fingst an zu schmunzeln. Du sagtest, ich sei aber sicherlich nicht mehr sehr krank, denn ich hätte schon seit längerem nicht mehr gehustet.
Ich erklärte dir, dass ich keinen Husten hätte. Dass ich seit Wochen alle möglichen Leiden durchlebte, bloß Husten zählte nicht dazu. Du bliebst stumm und wechseltest das Thema, denn es gab vieles zu besprechen, dass dich weitaus mehr interessierte als mein Befinden. Und so kam es, wie es immer kommt: Ein Mann fragt, wer sie ist, damit er ihr erklären kann, wer er ist. Nachdem du wusstest, wieso ich hergezogen war, hörte ich mir über Stunden an, wer du bist, wer du warst, wer du sein willst, wer du nicht sein willst und, wer sie waren. All die Frauen, die dein Herz gebrochen haben. Und, wie sie sein soll, die Art Frau, die dich in Zukunft glücklich machen soll. Du sprachst und ich lauschte. Dass ich dabei Fieber und Schmerzen unterdrückte, merktest du nicht. Wolltest du nicht merken. Stattdessen erklärtest du mir insgesamt noch dreimal schmunzelnd, dass ich wieder gesund sei, durch den Chai und dich, denn ich hätte schon lange nicht mehr gehustet. Als du fast alles erzählt hattest, was du wolltest, dass ich über dich weiß, schobst du deinen Stuhl noch näher heran. Ganz nebenbei legtest du deine Füße auf meine Füße und erklärtest mir, dass die meisten im Haus eine Beziehung führten. Nur du nicht. Ich schob meinen Körper noch näher an den Heizkörper und hatte das Gefühl in meiner Jacke zu verbrennen, doch ich wollte sie keinen Zentimeter öffnen, denn alles, was ich wollte, war eine gute Nachbarin sein. Und eine gute Nachbarin kann schlecht gehen, wenn sie der einzige Gast der Geburtstagsparty ist.
Irgendwie hattest du es geschafft deine Beine zwischen meine Beine zu schieben, während du immer noch auf deinem Stuhl saßt und mich mustertest. Es stellte sich heraus, dass wir vor einiger Zeit auf der gleichen Veranstaltung gewesen waren und ganz beiläufig fragtest du mich, ob mein Freund mich dorthin begleitet hätte. Ich erklärte dir, dass ich mit einer Freundin dort gewesen war, doch das befriedigte dich nicht und so bohrtest du weiter. Ob mein Freund denn generell Interesse an Theater habe, wolltest du wissen. Ich atmete tief und griff nach dem Chai. Und dann stelltest du sie, die Frage, die dir die ganze Zeit auf der Seele brannte. Ja, sagte ich, ich bin Single und ich sah dir die Freude an. Ich klammerte mich an der Tasse fest und musterte dein Zimmer erneut. Bloß das Bett, auf dem ich saß. Ein klappriges Regal, ein großer Heizkörper, der mir ein wenig Halt bot. Eine leere WG, dein Geburtstag. Du, auf dem Stuhl viel zu nah an mir dran und ich, die dich bloß als Nachbarn kennenlernen wollte. Die plötzlich nicht mehr wusste, was das jetzt für das weitere Wohnen in diesem Haus zu bedeuten hatte. Ich, die ich mich mal wieder bloß auf mein Geschlecht und mein Äußeres reduziert wiederfand. Ich, über die du nichts wusstest, außer, dass ich verfügbar schien. Dass ich die Art Frau sein könnte, die dich glücklich machen soll. Für diese Nacht? Für die Zukunft?
Dann setzten die Kopfschmerzen ein. Es war Punkt 12. Ich gratulierte dir und verschwand. Deine Worte hallten im Treppenhaus nach. Irgendwas mit Husten, irgendwas mit Buch. Ich schlug mit der rechten Faust in mein Kissen und ärgerte mich. Auch über mich selbst.
Und wie man sieht, ist eigentlich nichts passiert. Es war so unspektakulär, wie es immer ist und doch ist der Kern skandalös. Denn es war so, wie es immer ist und es ist immer belastend.
Anonym