The Story of Robert Volant – Albumrezension

Anfang des Jahres erschien mit The Story of Robert Volant das erste Album des Musikers marc moraire. Nicht nur das Albumdesign ist ein wahrer Eyecatcher, auch der strukturelle Aufbau des Albums sticht einem direkt ins Auge: Fünf Akte, zehn Szenen. Ein musikalisches Drama in englischer Sprache. Mit Ben Westerath (Studiobühne) und Kim Helbing (Band: Macondo) hat er sich zwei weitere Künstler*innen an seine Seite geholt, die die Seelenreise des fliegenden Roberts durch ihre Stimmen untermalen. In einem Interview sprach der ehemalige Student mit uns über die Intention des Albums.
Online erfährt man nicht viel über den Künstler marc moraire, der mit dem Albumrelease zu Beginn des Jahres auch seine Künstlerseite aufgebaut hat. „I make music to get rid of what the big wide world puts into my head. I let myself be influenced by everything that surrounds me. I would like to create music for art films and actively participate in such projects. I am always looking for interested parties, so if you can imagine to work with me, feel free to contact me!”, verrät er in der Selbstbeschreibung seines Facebook-Profiles. Er wolle durch seine Musik das loswerden, was die Welt ihm in den Kopf setzt. Er mache psychedelische Musik mit Einflüssen aus der gesamten Musikgeschichte. Im persönlichen Gespräch mit dem Künstler wird klar, dass dies keine Floskel ist, denn marc moraire hat bis zum Masterabschluss erfolgreich Musikwissenschaften in Würzburg studiert. Das gesammelte Wissen, sowie die Bandbreite historischer und internationaler Instrumente spiegeln sich im Album deutlich wieder und verschmelzen zu einer äußerst gelungenen Komposition. Er sagt: „Ich wollte unbedingt bis zum Ende meines Bachelors ein Album gemacht haben, jetzt hat es ein wenig länger gedauert. Ich habe mich sehr gefreut, als ich die CD endlich in der Hand hatte. Und ich bin sehr, sehr zufrieden.“
The Story of Robert Volant ist ein musikalisches Drama in englischer Sprache, im Sinne des aristotelischen Dramas konzipiert. Die klassischen fünf Akte untergliedern sich in zehn Szenen. Ein Akt besteht aus zwei Szenen, einer gesprochenen und einer musikalischen. Im Wechsel erzählt der Protagonist Robert Volant was er erlebt, darauf folgt der musikalische Teil, indem der Chor ins Gespräch mit eintritt. Ben Westerath liest Robert Volant, Kim Helbing singt den Chor bzw. die Stimmen. Die fünf Akte bilden zusammen den klassischen dramaturgischen Dreiecksaufbau: Beginnend mit der Exposition, in der die Figuren Robert Volant und die Stimmen vorgestellt werden und in die Situation eingeführt wird, steigert sich die Handlung in Akt II, erreicht ihren Höhepunkt in Akt III und fällt dann wieder ab, bis sich in Akt V die Katastrophe ereignet. Die Geschichte beginnt damit, dass der Protagonist sich in der Natur wiederfindet. Er beschreibt, was er wahrnimmt, wie der Schatten eines Baumes seine Augen kitzelt und er aus einem vermeintlichen Tagtraum erwacht, als er Stimmen hört. Mit einem Gong kündigen sich diese Stimmen an, ganz vorsichtig steigern sich die Klänge, werden elektronischer, dynamischer und bleiben dennoch zurückhaltend. Robert Volant spricht die Stimmen direkt an, fragt, was sie von ihm wollen, und fleht sie an, sich ihm zu offenbaren. Sie gehorchen seinem Ruf und erklingen in Akt II Szene II weiterhin sanft, aber mit klarer Botschaft: „We are the past passing through, and most of all, we are you“. Die Musik leitet charmant zum Höhepunkt der Handlung über. Neben den Stimmen des Chores vernimmt Robert Volant auf einmal auch Stimmen Verstorbener, antiker Geister. Die Geisterwelt berührt ihn und teilt ihm mit: „We did not die for this“. Und er steht vor dem Grab, das wir uns selbst schaufeln, spürt die Zerstörung der Natur und den Verrat an den Vorfahren. „When the wick is burnt down, there is no garden of eden. Only desert“, spricht er und wendet sich im nächsten Schritt wohl an alle Zuhörer*innen oder sich selbst, wenn er sagt: „Choose life. Are you brave enough?“ Ruhige Gitarrenklänge beruhigen die Stimmung zunächst. Kurze Pausen entstehen und werden durch die kraftvolle Stimme Kim Helbings durchbrochen: „What are you hiding? Why are you pretending? What will you stand for?”, fragen die Stimmen. Experimentelle Perkussion und rhythmische Gitarrenklänge vermischen sich mit hohen, freien Tönen der Sängerin. Mit ruhiger Stimme steht Robert Volant danach am Fluss, erblickt in der Wasseroberfläche das Spiegelbild einer Person, die er kaum kennt. Im Angesicht der verschwommenen, starren Maske eröffnen die Augen ein Fenster zur Seele und er taucht ein. Die Stimmen wollen Besitz von ihm ergreifen, sagen, nun sei die Zeit für ihn gekommen, um zu sterben und zu transzendieren. Ob Robert Volant am Ende dieser Geschichte jedoch wirklich stirbt und es zur Katastrophe kommt, bleibt der Interpretation der Zuhörer*innen überlassen. Geschickt eröffnet marc moraire hier abschließend eine Paradoxie, bevor der Chor ein letztes Mal erklingt und den Protagonisten mit in die Ewigkeit nimmt. Sanfte Klänge, verschiedenste Schlaginstrumente und ein zartes Rauschen zum Schluss begleiten und vollenden die Seelenreise.

Musikalisch wird einiges geboten, der Künstler verriet, dass viele der eingesetzten Instrumente der historischen Instrumentensammlung des Instituts für Musikforschung entstammen. Von Klangschalen, Schamanentrommel, einem alten Klavier bis hin zu verschiedensten Schlaginstrumenten des afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Kontinents, findet sich alles wieder. Alles ist selbst aufgenommen und von WillWasser Riddims abgemischt. Die Inspiration für ein so zusammenhängendes, in sich stimmiges Album gaben musikalisch vor allem Pink Floyd und The Doors, literarisch einige französische Symbolisten wie Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud. Auch im Zuge seiner Bachelorarbeit setzte er sich intensiv mit dem Song The End von The Doors auseinander. Die Einflüsse spiegeln sich in der symbolischen und metaphorischen Sprache wieder. Zwischen den Motiven der Erkenntnis, des Eskapismus, des Sinneswandels und der Seelenreise bot sich die Frage an, wie ähnlich sich Robert Volant und marc moraire sind. marc moraire: „(lacht) Ich glaube ziemlich gleich. Ich glaube, da steckt schon viel drin.“
Es ist eine sehr gehobene Sprache, die hier gewählt wurde, und im Sinne des Early Modern English an das Elisabethanische Zeitalter und Shakespeare erinnert. Unterstützung hatte er hierbei von Michael Labate. Gute Englischkenntnisse sind auf jeden Fall erforderlich. Anglophile kommen auf ihren Genuss, für alle anderen wäre es empfehlenswert, den Text zur Hand zu nehmen.
Fazit: Dieses Album ist sowohl akustisch, als auch literarisch ein wahrhaftiger Genuss und somit nicht nur etwas für Musikliebhaber*innen. Einziges Manko bleibt das fehlende Booklet. Doch der Künstler verrät, dass er diese auf Nachfrage auch gerne persönlich versendet. Man erreicht ihn über Facebook oder Instagram (@marc.moraire). Das Album findet man auf Spotify, Amazon MP3 und YouTube Music. Außerdem als CD im H20 Records (Karmelitenstraße 28).
Das Studium der Musikwissenschaften in Würzburg empfiehlt marc moraire: „Es ist immer noch sehr konservativ, aber auch wenn man sich für Popmusik interessiert, gibt es ein paar Dozierende und Wege, seine Interessen mit einzubringen. Ich habe dort sehr gerne studiert.“