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Verzettelt euch!

Blog

Quelle: Pixabay auf https://pixabay.com/de/illustrations/muster-textur-hintergrund-farbe-3183218/

Der Bologna-Prozess hat ein verschultes Universitätssystem hinterlassen, indem Studierende sich panisch von Modul zu Modul hangeln. Seminare werden ertragen, Klausurenphasen überlebt und Hausarbeiten geschrieben, während die Regelstudienzeit wie ein Damoklesschwert drohend über einem schwebt. In Deutschland werden kontinuierlich immer höhere Bildungsabschlüsse angestrebt und die Universitäten platzen aus allen Nähten. Während der Anteil der Absolventinnen und Absolventen mit Abitur im Jahr 2006 noch bei 34 Prozent lag, so ist er innerhalb von zehn Jahren auf 43 Prozent angestiegen. Diese Massenausbildungen an deutschen Universitäten führen dazu, dass sich immer mehr Studierende einem enormen Konkurrenzdruck ausgeliefert fühlen. Um sich von ihren Mitkommilitonen abgrenzen zu können und die eigenen Berufsperspektiven zu verbessern, stürzen sich viele in den rettenden Tunnelblick. Lebenslaufstationen werden abgearbeitet wie eine To-Do-Liste: Gute Noten, Sprachkenntnisse, Auslandserfahrung, Praktika, außeruniversitäres Engagement. Herzblut spielt zunächst keine Rolle. Informationen stumpf auswendig zu lernen und fremden Erwartungen zu entsprechen hingegen, scheinen eine aussichtsreiche Strategie darzustellen. 

Was unser Bildungssystem zurück lässt, sind oftmals traumatisierte, lebensunfähige Universitätsabsolventen, geprägt von elitären Idealen und Ellbogenmentalität. Studierende sollen möglichst effizient und angepasst funktionieren, ihr Berufsziel klar vor Augen haben und nach Möglichkeit trotzdem noch den sozialen Erwartungen entsprechen. Sie sollen nebenbei Freunde treffen, Sport treiben und die ‚Zeit ihres Lebens‘ genießen, bis eben das richtige Arbeitsleben beginnt. Die Realität deutscher Studierender sieht allerdings oft anders aus. Studien zu folge, denkt fast jeder zweite Studierende ernsthaft darüber, nach das Studium abzubrechen, aus Angst nicht das Richtige zu studieren oder den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Die Ursachen dafür liegen sicherlich an verschiedenen Stellen. Stark anzunehmen ist allerdings, dass unser Universitätssystem selbst oft mitverantwortlich für das Unglück der Studierenden ist. Verschulte Strukturen, sowie die vermutlich häufig bestehende Erwartungshaltung von Arbeitgebern und Eltern, beeinflussen die Studienqualität vieler. Ausgleich wird oft in Gegenbewegungen wie exzessiven Partynächten oder in Form eines Netflixmarathons gesucht. Viel Zeit und Raum sich selbst zu entdecken und kennenzulernen scheinen nicht zu bleiben.

Dabei ist es von enormer Bedeutung, dass Studierende sich im Laufe des Studiums nicht nur fachlich, sondern auch persönlich weiterentwickeln können und die vielseitigen Möglichkeiten, die neben dem Studium existieren, auch nutzen und nutzen dürfen. Die Zukunft braucht junge Menschen, die die Welt hinterfragen und sich dem System zwar vielleicht anpassen können, aber nicht einfach reibungslos darin verschwinden und Teil der breiigen Masse an Gesichtern werden, an die sich keiner erinnern wird. Die Zukunft braucht Kreativköpfe und Querdenker, emphatische Menschen die über den Tellerrand hinausschauen. Sie braucht Individuen, die ihre eigenen Stärken kennen und für ihre Überzeugungen einstehen. Ja, gute Noten helfen, weil sie oft ein Indiz für Fleiß und Wissen sind, Sprachkenntnisse ermöglichen es, mit anderen Kulturen in Kontakt zu treten, sie begreifen zu können und Praktika verweisen auf Berufserfahrung, sowie soziales Engagement auf Menschlichkeit. Aber wir sind mehr als ein vorteilhaft arrangierter Lebenslauf und das müssen wir zelebrieren! Das permanente Streben nach Effizienz und Normierung lässt unsere Gesellschaft vielleicht auf den ersten Blick besser funktionieren, es zerstört aber gleichzeitig Innovation und Individualität. 

Also wenn ihr das nächste Mal eure Kurse zusammenstellt und überlegt ob ihr genügend ECTS-Punkte zusammen habt, denkt darüber nach ob es etwas gibt, was euch gerade besonders interessiert. Vielleicht Katalanisch lernen, ein Malkurs oder die Astronomie-Vorlesung? Lasst euch nicht aufhalten, wenn euch der Nutzen zunächst unklar erscheint und taucht ein Stück ein in das, was diese Welt euch zu bieten hat. Zu Leben bedeutet Neues zu lernen. Und damit meine ich in erster Linie definitiv nicht beliebige Informationen wiedergeben zu können. Ich meine sich Dinge durch Neugierde und Interesse anzueignen, sie sich eigen zu machen. Lasst sie euch berühren, sie euch verändern und verändert damit nicht nur euer Leben, sondern auch ein bisschen unsere Welt.

 Anika Scheffler