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Wieso protestieren Menschen? – Erklärungen aus der Psychologie

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Am Hubland hängen Schilder mit der Aufschrift „Ich sterbe für die Straßenbahn“ an Bäumen, am Vierröhrenbrunnen starten Demonstrationen für Klimaschutzmaßnahmen, verschiedene Würzburger Lokale stornieren Reservierungen, sobald klar wird, welche Partei diese tätigte (1) und an der Residenz stehen Traktoren und versperren die Straße – Protest ist vielfältig und genauso vielfältig sind die dahinterliegenden Entstehungsmechanismen.

Zur Erklärung dieser Mechanismen muss zuerst verstanden werden, wieso Menschen in Gruppen handeln. Ein Erklärungsansatz dafür ist die Theorie der sozialen Identität (2), welche besagt, dass Menschen sich unterschiedlichen Gruppen zugehörig fühlen und Interesse daran haben, dass diese Gruppen im Vergleich zu anderen relevanten Gruppen fair behandelt werden. So zähle ich mich beispielsweise zur Gruppe der Psychologiestudierenden und bin an der fairen Behandlung im Vergleich zu den Medizinstudierenden interessiert, weniger wichtig jedoch würde ich die Fairness im Vergleich zu Archäologiestudierenden bewerten. Nun fühle ich mich als Psychologiestudierende beispielsweise unfair behandelt, weil aus meiner Perspektive die Medizinstudierenden weniger Notendruck haben. Dann gibt es drei Optionen, damit umzugehen: Option eins ist es, die Gruppe hin zu der besseren zu wechseln – mich also um einen Medizinstudienplatz zu bewerben. Sollte dies nicht möglich sein, beispielsweise, weil ich mal in der Personalauswahl tätig sein möchte, kann ich als zweite Option eine neue Vergleichsgruppe finden. Außerdem kann ich mich auf einer anderen Dimension vergleichen, wie zum Beispiel Ausmaß an Freizeit. Die dritte Option ist es, zu protestieren. Die beiden neben dem Protest existierenden Wege, mit Ungleichheit umzugehen, werden als Begründung angeführt, weshalb Menschen nicht öfter protestieren gehen, obwohl Ungleichheit zwischen Gruppen häufig vorherrscht: Es gibt verschieden behandelte Hierarchiegruppen im Arbeitsfeld, Ausschluss von Minoritäten bei politischen Veranstaltungen, aber auch in einer kleineren Dimension, wie Diskriminierung aufgrund der Ethnizität im Fußballverein. Diese Ungleichheiten können nur teilweise durch Wechsel der Gruppe und Ändern der Vergleichsgruppe ausgeblendet werden. Obwohl sich durch diese Verhaltensweisen nichts an den Umständen der Gruppe ändert, sinkt die Motivation zu protestieren.

Neben dem Wechsel in eine andere Gruppe und der Wahl einer anderen Vergleichsgruppe kann mit Ungleichheiten durch Protestieren umgegangen werden, welches zwei verschiedene Auftrittsweisen zeigt. Normative oder friedliche Aktionen halten sich an das gegebene Regelsystem (3). Am Beispiel der benachteiligten Psychologiestudierenden wäre das möglicherweise die Teilnahme an einer Demonstration für bessere Studienbedingungen für Psychologiestudierende. Nicht-normative oder gewalttätige Aktionen wiederum verletzen vorhandene Normen, ein hypothetisches Beispiel wäre das Begehen eines Attentats auf den Kultusminister. Die Unterscheidung in normativ und nicht-normativ ist stark vom politischen System abhängig. Da Demonstrationen in China nicht erlaubt sind, wäre beispielsweise die Versammlung zur Demonstration in Peking eine nicht-normative Protestaktion.

Werden friedliche Protestformen gewählt, geht man in der Forschung von einem vierstufigen Prozess aus (4). Nehmen wir diesmal Robert, den Krankenpfleger, als Beispiel. Zur Teilnahme an einer Protestaktion muss er zuerst die Ziele der Gruppe unterstützen. Robert möchte beispielsweise nach einem fairen Tarifvertrag bezahlt werden und mit mehr Pflegenden pro Station tätig sein, wofür sich die Gewerkschaft ver.di einsetzt. Als zweites müsste Robert als potentieller Demonstrant Informationen über die Mobilisierungsversuche erhalten. Seine Pflegefreunde laden ihn auf Facebook zur Protestveranstaltung ein. Dann muss er eine Motivation zur Teilnahme haben, d.h. der Nutzen, den er erwartet, darf nicht die vorhandenen Kosten übersteigen. Wenn Robert also erst 3 Stunden zur Demonstration hinfahren muss und nicht erwartet, dass diese irgendeine Veränderung erzielen wird, wird er wohl nicht demonstrieren gehen. Da er jedoch sicher weiß, dass Herr Spahn in der Nähe der Veranstaltung sein wird, erwartet er Aufmerksamkeit für die Demonstration und entscheidet, daran teilnehmen zu wollen. Der letzte Schritt dieses Modells besagt, dass Hindernisse, wie beispielsweise diese dreistündige Zugfahrt, überwunden werden müssen.

Dieser friedliche Protest kann als Copingstrategie, also eine Strategie im Umgang mit Problemen, aufgefasst werden (5). Beschäftigen wir uns diesmal mit der Situation der Bauern aus dem Würzburger Umland. Wenn Protest als Umgangsmechanismus gewählt wird, kann dieser durch Emotionen ausgelöst sein, was bedeutet, dass Ärger und Wut bezüglich der Outgroup für die Protestteilnahme verantwortlich sind. Die Agrarwirte fühlen sich aufgrund der aktuellen Umwelt- und Agrarpolitik im Stich gelassen und wenig wertgeschätzt, mehr und mehr Bürokratie macht es ihnen schwer zu arbeiten. Sie sind verärgert, sich den durch Politiker gegebenen Gesetzen unterwerfen zu müssen, was sie dazu veranlasst, mit Traktoren einen Stau in der Innenstadt zu verursachen. Protestieren als Coping-Mechanismus kann nicht nur durch negative Gefühle hervorgerufen werden, sondern auch durch die Wahrnehmung der Gruppeneffektivität. In der Gruppe ist das Gefühl vorherrschend, dass gemeinsam etwas gegen die vorhandenen Ungerechtigkeiten ausgerichtet werden kann. Den Bauern ist bewusst, dass sie allein wenig gegen die vorhandenen Missstände tun können. Wenn sie jedoch gemeinsam arbeiten, erhalten sie Gehör, was wiederum die Motivation steigert, zu protestieren. Unabhängig davon, ob der Protest durch Emotionen oder Gruppeneffektivität motiviert ist, ist Identifikation mit der Gruppe eine wichtige Voraussetzung. Insgesamt neigen Gruppen mit stärkerer Gruppenidentifikation zu mehr Emotionalität und auch stärkerer Gruppeneffektivität, was gemeinsam Protestmotivation erhöht.

Der gewalttätige Protest ist dem friedlichen entgegengesetzt. Obwohl gewaltsamer Aktivismus mehr Medienaufmerksamkeit erhält, gibt es zu diesem deutlich weniger Forschung, was unter anderem dadurch bedingt ist, dass dieses Phänomen seltener und daher schwieriger erforschbar ist. Gewaltsamer Aktivismus wird durch andere Mechanismen erklärt als friedlicher (6). Es wird davon ausgegangen, dass bei gewaltsamen Protestformen die bei friedlichem Aktivismus vorhandene Wut in Verachtung und Hass umschlägt. Dadurch haben Gruppenmitglieder kein Interesse an einer Kompromisslösung. Außerdem führt das Gefühl einer geringen Gruppeneffektivität, also der Wahrnehmung, dass die Gruppe nichts gegen vorhandene Missstände ausrichten kann, zur Entscheidung für radikalere Maßnahmen. Es entsteht bei benachteiligten Gruppen ebenfalls das Gefühl, nichts zu verlieren zu haben und daher werden auch radikale Verhaltensweisen als akzeptable Strategie zum Problemumgang angesehen. Die Agrarwirte fühlen sich im Stich gelassen und das Sperren der Innenstadt musste frühzeitig abgebrochen werden, weil Chaos entstand (7). Die gewollten Änderungen sind nicht eingetreten, die Zustände verschlechtern sich und einige der Bauern müssen ihre Höfe verkaufen, um ihre Familien versorgen zu können. In dieser Not und Verzweiflung werden radikalere Maßnahmen wahrscheinlicher.

Daher ist es wichtig, unsere Probleme zeitnah in normativen Protestformen zum Ausdruck zu bringen und diese nicht so lange zu ignorieren, bis wir ihnen nur noch mit Verachtung entgegenstehen und nicht-normkonformen Protestweisen nachgehen. Jede/r kann dazu beitragen, indem persönlich ansprechende Proteste unterstützt werden und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten darauf reagiert wird. Es ist gezeigt worden, dass nicht zwingend diejenigen protestieren, denen es am schlechtesten geht, sondern Menschen aus höheren Bildungsschichten (4). Also unterschreibt Petitionen, geht zu Demonstrationen und hängt Schilder auf, um möglicherweise auch diejenigen zu unterstützen, die selbst nicht die Möglichkeiten haben, medienwirksam auf Rückstände hinzuweisen und die Umstände ihrer Gruppe zu verbessern.

Florentine Klepel

Quellen:

1) Eisenberger, T. (2020, February 27). Warum Würzburger Wirte die AfD-Wahlveranstaltung platzen ließen. Retrieved from https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Warum-Wuerzburger-Wirte-die-AfD-Wahlveranstaltung-platzen-liessen;art735,10405895

2) Tajfel, H., Turner, J. C., Austin, W. G., & Worchel, S. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. Organizational identity: A reader, 56, 65.

3) Ausgabe 3 2013 / Politische Psychologie. (n.d.). Retrieved from https://de.in-mind.org/article/kollektives-handeln-ausserparlamentarischer-aktivismus?page=2

4) Klandermans, B., & Oegema, D. (1987). Potentials, networks, motivations, and barriers: Steps towards participation in social movements. American sociological review, 519-531.

5) Van Zomeren, M., Spears, R., Fischer, A. H., & Leach, C. W. (2004). Put your money where your mouth is! Explaining collective action tendencies through group-based anger and group efficacy. Journal of personality and social psychology, 87(5), 649.

6) Tausch, N., Becker, J. C., Spears, R., Christ, O., Saab, R., Singh, P., & Siddiqui, R. N. (2011). Explaining radical group behavior: Developing emotion and efficacy routes to normative and nonnormative collective action. Journal of personality and social psychology, 101(1), 129.

7) Eisenberger, T. (2019, December 3). Würzburger Bauerndemo: 1000 Traktoren legen Verkehr lahm. Retrieved from https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Wuerzburger-Bauerndemo-1000-Traktoren-legen-Verkehr-lahm;art735,10337299