Zurück in die Zukunft: Was wir von Kalifornien beim Umgang mit Dürre lernen können

Mein Namensvetter Andy, der Mischling aus Golden Retriever und Pudel (ein „Goldendoodle“), gerät bei unserer Ankunft völlig aus dem Häuschen. Nicht aus Freude, weil wir lange getrennt waren, sondern weil er Angst hat, besonders vor Männern, wie mir sein Frauchen Charlotte versichert. Wie wild galoppiert er um uns herum und bellt, sodass wir die prächtige Mansion gar nicht bewundern können, in der wir (meine Freundin Nina, ihre Mutter und ich) in den nächsten Nächten untergebracht sind. Nach einer Weile traut er sich, vorzuschnellen und meine Hand kurz abzulecken, um gleich wieder in Deckung zu gehen. Je mehr er sich beruhigt, schaffe auch ich es langsam anzukommen nach der langen Anreise.
201 g pro Kilometer und Kopf, so viel beträgt der CO2-Verbrauch während eines Fluges. Ich als pfiffiger Physiker kann mir damit berechnen, dass ich für den Flug von Frankfurt nach San Francisco (Distanz: 9136,15 km) 1836 kg Kohlenstoffdioxid verbraucht habe. Oder in einer anderen Einheit: knapp 2 Tonnen! Und das nur für eine Strecke. Ganz zu schweigen von der aberwitzigen Menge Plastikmüll, die beim Verzehr des Essens der Fluggesellschaft angefallen ist. Natürlich ist es heuchlerisch, mit dieser Hypothek einen kritischen Artikel über die Folgen und den Umgang mit dem Klimawandel in Kalifornien zu schreiben. Aber ich mache es trotzdem. Warum? Weil die Vegetation dort jetzt in etwa so aussieht, wie bei uns in 20 Jahren – wenn wir weitermachen wie bisher. Erst kürzlich gab es einen Artikel bei Deutschlandfunk Kultur (1), der sich mit dem Klimawandel speziell in Unterfranken befasste. Unter anderem kam der JMU-Professor Heiko Paeth zu Wort, der herausgefunden hat, dass „[…] sich Unterfranken in den letzten 70 bis 80 Jahren deutlich stärker erwärmt hat als der Globus im Durchschnitt“. Viele Baumarten, außerdem Mais und Raps, drohen zu verschwinden, weil es ihnen zu heiß und zu trocken werde. Dafür ermögliche das aufgeheizte Klima beispielsweise den Anbau von Kiwis. Insofern bietet die Erderwärmung bei all den berechtigten Angst-Szenarien hier und da auch Vorzüge. Aber eine Argumentation à la „Ist doch geil wenn es bei uns wärmer wird, dann muss man nicht mehr nach Spanien, um sich in die Sonne zu legen!“ darf nicht gelten. Denn durch die Trockenheit (so gab es z. B. 2018 in Würzburg 105 Sommer- und 36 Tropentage) erhöht sich die Gefahr von Waldbränden. Und damit hat man in Kalifornien schon seit längerer Zeit Erfahrung. Der letzte verheerende Brand ereignete sich im November 2018 in der Nähe von – der Name des Ortes könnte zynischer nicht sein – Paradise. Das Feuer hatte die Bewohner eingekesselt, es gab nur eine Straße hinein: über 80 Menschen starben.
Gar nicht weit von Paradise liegt Nevada City, eine ehemalige Goldgräberstadt im Nordosten Kaliforniens. Hier lebt Charlotte, die genau wie die Mutter meiner Freundin Ende der 1980er Jahre aus China ausgewandert ist. Nur hat es sie nicht nach Deutschland, sondern in die USA verschlagen, wo sie einen mittlerweile verstorbenen Amerikaner geheiratet und mit ihm ein profitables Unternehmen aufgebaut hat. Nevada City (zwar in der Nähe aber nicht zum Bundesstaat Nevada gehörend) ist umgeben von Wald. Im Zentrum gibt es einen historischen Ortskern, der aussieht wie aus dem Wilden Westen. In den ehemaligen Saloons befinden sich mittlerweile Klamottenläden oder alternative Cafés. Außerhalb des Zentrums stehen schöne, typisch amerikanische Häuser, wie das von Charlotte. Die Bäume ragen tief über die Straßen. Fährt man noch weiter in die Berge, gewinnt immer mehr die Natur die Oberhand.
Während meiner Reise habe ich mir vorgenommen, mit Amerikanern über die politische Situation in den USA ins Gespräch zu kommen, insbesondere über den Klimawandel und seine Folgen. Eine gute Gelegenheit dazu bietet sich am dritten Abend: Das Ehepaar Joan und Lance Goddard, Freunde unserer Gastgeberin Charlotte, veranstalten ein Hauskonzert. Um zu ihrem Grundstück zu gelangen, muss man durch ihr eigenes Waldstück eine lange Auffahrt hinauf, vorbei an einer Lichtung, in der ein Weiher ruht. Es ist ein Idyll, das sich die Goddards hier aufgebaut haben. Früher haben sie im Silicon Valley gearbeitet, sind jedes Wochenende hergefahren. Heute sind sie im Ruhestand und leben dauerhaft hier. Viele ihrer Freunde, die zum Konzert gekommen sind, haben eine ähnliche Geschichte: Da gibt es Rick, ebenfalls in Rente, der mir erzählt, dass das Wasserreservoir in Nordkalifornien abhängig von der jährlichen Schneeschmelze ist – die Jahr für Jahr geringer ausfällt, da es im Winter in den Bergen weniger schneit. Daher soll ein weiterer Staudamm gebaut werden. Das Thema Trinkwasser ist aus mehrfacher Sicht ein großes Problem. Im Umland gibt es viele alte Minenschächte, die aus der Zeit des Goldrauschs stammen. Zur Goldgewinnung wurde damals häufig das Waschen von Flusssand mit Quecksilber angewandt, wodurch Schwermetalle wie Arsen in den Boden gelangt sind. Darüber hinaus wurden viele Minen später als Mülldeponien verwendet und sind dadurch zusätzlich verseucht. Die Versiegelungen dieser Minen drohen vielerorts aufzubrechen. Genau so etwas ist einige Monate vor unserer Reise passiert, als eine aufgebrochene Mine den South Yuba River kontaminiert hat. Einerseits ist Wasser knapp, andererseits lauert die Gefahr von Waldbränden. Lance erzählt mir, dass Versicherungen mittlerweile keine Kosten für Beschädigungen durch Waldbrände übernehmen wollen. Oder man teure Zusatzversicherungen abschließen muss, was viele Menschen von einem Häuserkauf abschreckt.
Nahezu unbezahlbar teuer sind Immobilien auch in der Bay Area. Hier, in Freemont, einer der vielen Städte, die zum Speckgürtel von San Francisco zählen, lebt Xiaohong. Die jüngere ihrer beiden Töchter ist vor kurzem zum Studieren weggezogen, damit ist sie allein in einem großen Haus. Gepflegter Vorgarten reiht sich an gepflegten Vorgarten, das Gras strahlt in sattem Grün vom regelmäßigen Bewässern. Nur die unbewohnten Hügel in Ferne sind graubraun, weil es seit Monaten nicht geregnet hat. Ihre Nachbarschaft erinnert ein wenig an die Serie “Desperate Housewives“. Aber Xiaohong ist ein herzensguter Mensch. Und ein Beispiel, dass die Ferndiagnose deutscher Politsatire-Sendungen in Demokraten – gut und Republikaner – böse fiel zu einfach ist. So erzählt sie mir, dass als sie (ebenfalls aus China) in die USA gekommen ist, in ihrem ersten Job warmherzig integriert wurde und alle ihrer Kollegen Republikaner gewählt haben. Später ist sie an die liberale Westküste gezogen mit dem gleichen Erlebnis, nur, dass alle Kollegen Anhänger der Demokraten waren. Ein anderes Beispiel wäre natürlich der ehemalige republikanische Gouverneur Arnold Schwarzenegger, der sich dafür stark gemacht hat, ausgiebiges Duschen zu vermeiden und die bewässerten Rasen in den Vorgärten durch Kunstgras, Kakteen und Steine zu ersetzen. Und jüngst der Aktivistin Greta Thunberg seinen privates E-Auto für ihre USA-Reise geliehen hat.
Noch einmal zurück zum Hauskonzert bei den Goddards, denn am Ende hat das (eher konservative) Publikum noch mit einer Überraschung aufgewartet: Im Gespräch mit der Rentnerin Hindi Greenberg stellt sich heraus, dass sie Würzburg nicht nur kennt, sondern vor langer Zeit sogar zwei Jahre dort gewohnt hat! Sie erzählt mir, dass sie mit Anfang 20 nach Deutschland gekommen ist und für die US Army gearbeitet hat, ca. 1960. Für sie war Hubland Nord noch ein amerikanischer Stützpunkt, während es alles andere vom Hubland Campus noch nicht gab. Sie hat als eine Art Ansprechpartnerin für die Soldaten gearbeitet. „My job was to watch out for the boys.“ Dabei hatte sie als Jüdin vor ihrer Stationierung große Angst davor nach Deutschland zu gehen, das Land dann aber mit der Zeit schätzen gelernt. Auf die Frage, was sie von Trump halte, flüstert sie mir zu: „I hate this man!“ Dann lauter: „People who deny global warming are confirmed by him. There is no consent in reducing carbon dioxide. I really hope he won‘t be reelected.“ Eine Hoffnung, die sie wohl mit allen teilt, die sich eine Vorreiterrolle der USA in der Klimapolitik wünschen.
Andreas Jäger