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Alles nach Plan

Blog

(Quelle: pixabay)

Zukunftspläne – das ist für junge Menschen schon lange kein Fremdwort mehr. Im Gegenteil, unsere Planung wird immer durchgetakteter, denn wir müssen uns ja schließlich auch an die Standards halten, die uns vorgelebt werden. Diese lauten in etwa: Mitte 20 das Studium beenden, danach die Karriereleiter steil aufsteigen, mit 30 soll ja auch schon die Familienplanung beginnen und so spinnt sich das Ganze dann weiter. Zu jeder Lebensphase müssen bestimmte Ziele erreicht worden sein und das geht nur, wenn diese auch schon früh festgelegt worden sind.
Wer auf die Frage: „Wo siehst du dich in 5 Jahren?” also keine Antwort weiß, kassiert schräge Blicke. Kurz um: Die Tage des Taugenichts, der alles einfach mal auf sich zukommen lässt, sind gezählt. Also planen wir voraus und halten uns an den Lebenslauf, der in unseren Köpfen schon festgeschrieben ist. Und dieser ist nicht etwa eine grobe Auflistung von ein paar Punkten, sondern geht bis in die kleinsten Details und ist vor allem voller Datierungen und Fristen, wann was geschehen sein muss.
Was heutzutage als normal gilt, kann für einige aber zu einer starken Belastung werden. Viele Menschen sehnen sich nach mehr Freiheit, wollen aus den festgefahrenen Strukturen herausbrechen und einmal nicht darüber nachdenken, was morgen ist.

Das Bedürfnis, alles schon vorausgeplant zu haben, ist also nicht unbedingt ein intrinsisches. Unsere Gesellschaft wird immer schnelllebiger und an diese Geschwindigkeit gilt es sich anzupassen. An die Zukunft zu denken ist innovativ und effizient und gilt daher als eine Leistung, die erbracht werden muss. Gesamtgesellschaftlich kann man sich nur auf ein fixes Ziel hinbewegen, wenn dies auch die Einzelpersonen tun, die in diesem System eingebettet sind. Dies führt dazu, dass wir gedanklich immer schon zwei Schritte weiter sind und uns somit von der tatsächlich stattfindenden Realität distanzieren.
Nicht selten hört man Menschen Dinge sagen wie: „Ich möchte mehr im Moment leben” oder etwa: „Ich wünschte, ich müsste nicht ständig alles überdenken”. Solche Aussagen sind letztendlich das Produkt einer Realität, in der alles nach Plan laufen muss. Sie zeigen außerdem, welche psychischen Folgen für den Einzelnen aus einer solchen Gesellschaft der Zukunft erwachsen können. Das Gefühl, das entsteht, hat lange nichts mehr damit zu tun, zukunftsorientiert für die eigenen Ziele zu arbeiten, sondern beschreibt sich für die meisten eher als ein solches: Mit dem Kopf in der Zukunft leben, während sich der Körper noch in der Gegenwart befindet. Die extremen Ausmaße, die das Ganze annimmt, können durchaus schwerwiegende Konsequenzen mit sich tragen. Viele Menschen verspüren beispielsweise den Druck, ständig alles kontrollieren zu müssen. Wir haben es verlernt, Situationen auf uns zukommen zu lassen und verfallen daher in ungeregelten Situationen schnell in einen Zustand von Angst und Unsicherheit. Spontanität fällt einigen dadurch immer schwieriger, da normalerweise die Situation im Kopf durchgespielt werden muss, bevor sie tatsächlich
stattfindet. Sehr schnell schleicht sich dann das Gefühl ein, die Kontrolle zu verlieren, als würde das Leben einem aus den Händen gleiten, sobald etwas Unerwartetes geschieht. Es ist also kein Wunder, dass jungen Menschen schon der Schweiß auf der Stirn steht, wenn sie noch nicht genau wissen, was sie später einmal beruflich machen wollen, oder
Berufstätige eine neue Arbeitsstelle ablehnen, weil sie nicht in eine für sie neue Situation hineingeworfen werden wollen. Die Ungewissheit der Zukunft ist für viele Menschen beängstigend. In Anbetracht der Tatsache, dass wir aber niemals dazu in der Lage sein werden, alles Zukünftige zu kontrollieren, sind unsere Ansprüche an uns selbst und an
andere völlig bizarr. Es ist unabdingbar, dass unvorhergesehene Dinge geschehen – doch dies steht in Antithese zu einem System, in dem man alles bereits im Voraus wissen muss. Das strikte Halten an einen scheinbar über allem stehenden Plan ist daher nicht nur in seiner Übertriebenheit krankhaft, sondern auch vergeblich. Die Welt und der Mensch bewegen sich in einem ständigen Prozess der Veränderung und wer diesen Veränderungen nicht offen gegenübersteht, nimmt sich schlussendlich auch den Raum zur Entwicklung.
Dies ist gerade deswegen paradox, weil die eigentlichen Ziele einer Gesellschaft, in der die Zukunft allgegenwärtig ist, Wachstum und Entwicklung sind – beides wird aber nach diesem Prinzip im gleichen Zuge eingeschränkt.

Die Frage, die sich viele stellen, ist also, wie man es tatsächlich schafft, den Fokus wieder mehr in die Gegenwart zu legen. Einfach gar nichts mehr im Leben planen? Tatsächlich gibt es einige Menschen, die nach dieser Devise handeln und ihr Leben als eine Art Fluss betrachten, in dem sie mitschwimmen. Sie leben in den Tag hinein und schauen, was als
nächstes auf sie zukommt. Menschen mit dieser Einstellung werden oftmals als eine Art Aussteiger aus unserer Gesellschaft gesehen. Tatsächlich erweist es sich in unserer Welt als äußerst schwierig, völlig planlos zu leben. Dabei ist Planen per se ja auch gar nichts Schlechtes. Eher im Gegenteil, kann es sehr bereichernd sein, sich sein Leben in der Zukunft auszumalen. Sich Ziele zu setzen motiviert dazu, schon in der Gegenwart darauf hinzuarbeiten und die eigene Realität aktiv zu gestalten und in die Hand zu nehmen. Die Frage, die sich stellen sollte, ist also vielleicht überhaupt nicht: „Planen oder nicht?“, sondern viel eher: „Wie viel Planung ist sinnvoll?“ Seinen Zielen entgegen zu streben kann
ein berauschendes Gefühl sein und gibt einem die Verantwortung, selbst die Richtung im Leben zu bestimmen. Aber dabei darf nicht vergessen werden: Das Leben findet im Hier und Jetzt statt und nicht nur das Erreichen eines Zieles, sondern auch der Weg dorthin zählen.

Liora Shahrestani Mayer