Als Erster in der Familie studieren – Zwischen Sinnsuche und Zweifeln
Studieren – ist das überhaupt etwas für mich? Diese Frage haben sich sicherlich die meisten von uns schon mindestens einmal gestellt. Oft kann die Familie helfen, diese Frage zu beantworten, wenn zum Beispiel der Vater oder die Mutter bereits studiert haben. Doch was, wenn man niemanden kennt, der seine persönlichen Erfahrungen teilen kann? Arbeiterkinder – so nennen sich Studierende der ersten Generation – fühlen sich oft allein gelassen mit der Entscheidung, zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Das spiegelt sich auch in offiziellen Statistiken wider. So zeigt zum Beispiel der Bildungsreport 2020 des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, dass 79% der Kinder von Akademiker*innen mit Hochschulzugangsberechtigung ein Studium aufnehmen, aber nur 65% der Arbeiterkinder. Die Entscheidung für oder gegen ein Studium und somit die Frage nach dem Sinn oder Unsinn jahrelangen Studierens, wird für viele bereits durch ihre soziale Herkunft getroffen.
„Mehr als einmal hat man bei mir nicht geglaubt, dass ich das Studium packe, denn ich bin zwei Mal sitzen geblieben. Vielleicht kann ich damit ein paar Leute motivieren, die nicht so stark in den Leistungen sind und dadurch glauben, kein Studium schaffen zu können.“ – Mercedes, Psychologie
Aber nicht nur der Weg ins Studium ist für Arbeiterkinder oft schwer, auch während des Studiums sieht man sich immer wieder kleineren und größeren Hürden gegenübergestellt: Wie finanziere ich mein Studium? Wie stelle ich meinen Stundenplan zusammen? Wie organisiere ich einen Auslandsaufenthalt? Arbeiterkindern fehlen oft die Vorbilder und die Erfahrungswerte aus dem persönlichen Umfeld, die dabei helfen, diese Fragen zu beantworten. Das führt dazu, dass sie sich leicht fehl am Platz fühlen können, da ihnen – zumindest am Anfang – das Wissen fehlt, wie eine Universität funktioniert und wie man sich beispielweise gegenüber Professor*innen verhält, welches bei Studierenden aus Akademikerfamilien (scheinbar) schon vorhanden ist. Das alles kann dazu führen, dass man Chancen verpasst, weil man sich eventuell nicht traut, sich für ein Stipendium zu bewerben oder ein Semester lang ins Ausland zu gehen. Im Extremfall wird sogar das Studium abgebrochen.
Hat man die ersten Hindernisse jedoch erfolgreich überwunden, können einen auch weiter fortgeschritten im Studium noch Zweifel plagen: Kann ich das Studium schaffen? Hat sich mein Studium am Ende gelohnt? Welchen Beruf kann ich nach dem Abschluss ergreifen? Besonders Geisteswissenschaftler*innen sind solche Gedankengänge sicherlich nicht fremd, denn gerade in diesen Bereichen führt das Studium selten schnurgerade auf einen möglichen Beruf zu. Auch beim Übergang in das Berufsleben oder eine wissenschaftliche Laufbahn sind Vorbilder im eigenen Umfeld eine wertvolle Entscheidungshilfe.
„In meinem Bachelorstudium habe ich mich häufig gefragt, was mir das Studium überhaupt bringt. Auch von anderen kam häufig die Frage ‚Und was machst du jetzt damit?‘“ – Julia, Anglistik & Europäische Ethnologie
Wir, die Arbeiterkind-Gruppe Würzburg, eine von ca. 80 Ortsgruppen des Arbeiterkind-Netzwerks, wollen zeigen, dass niemand mit diesen Zweifeln allein bleiben muss. Wir unterstützen, beraten und machen unsere Themen öffentlich. Einmal im Monat treffen wir uns (im Moment natürlich virtuell), um uns über Probleme, Fragen und Erfahrungen auszutauschen. Sei es der Bafög-Antrag, eine Stipendienbewerbung oder der weitere Weg nach dem Studium – ihr seid sicherlich nicht die Ersten, die vor diesen Hürden stehen. In unserem neugegründeten, ehrenamtlichen Team wollen wir es gemeinsam ein Stückchen leichter machen, sie zu überwinden. Auch wollen wir Schüler*innen, die ein Studium in Betracht ziehen, aber noch zögern, sich endgültig zu entscheiden, Mut machen, diesen Schritt zu wagen. Hierzu planen wir (virtuelle) Schulvorträge im Raum Würzburg, um Schüler*innen schon früh abzuholen. Meldet euch gerne bei uns, wenn ihr euch bei uns engagieren oder unsere Unterstützung in Anspruch nehmen wollt. Wir freuen uns auf jedes neue Gesicht!
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Janne Lorenzen