Bullshit-Job oder Selbstausbeutung?

Die Gefahren sinnloser und sinnerfüllter Arbeit
Während eines Erasmus-Semesters an einer polnischen Universität überraschte mich zu Beginn vor allem eines: die Garderobe am Eingang des Hauptgebäudes. Es war der Arbeitsplatz eines Mannes um die 40, der mit seiner Frau und der kleinen Tochter im Wohnheim auf demselben Stockwerk lebte wie ich. Wenn er an der Garderobe stand, konnte man seine Jacke gegen eine Nummer eintauschen. Kostenlos, versteht sich. Wenn er nicht arbeitete, konnte man die Jacke selbstständig an die Garderobe hängen. Ohne Nummer und ohne Garantie, sie dort später wieder abzuholen. Also behielten die meisten an diesen Tagen ihre Sachen bei sich. Ich habe nie wirklich verstanden, nach welchem Rhythmus er dort arbeitete. Oft war er da, aber oft auch nicht. Wäre mein Polnisch besser gewesen, hätte ich ihn fragen können, aber das war es nicht. So blieb unsere Kommunikation auf dem Niveau von dzień dobry und freundlichem Zunicken und ich bei der Überzeugung, in diesem Job eine ABM – eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu erkennen.

Richtig sinnerfüllend schien mir diese Tätigkeit von außen betrachtet nicht. Im Gegenteil: Sie erschien mir unnötig und der Job als das, was der Anthropologe David Gaebler „Bullshit-Jobs“ nennt: Berufe und Tätigkeiten, die überflüssig sind und auch von den Ausübenden insgeheim als nicht notwendig eingeschätzt werden. Die Psychologin Tatjana Schnell schreibt in ihrem Buch „Die Psychologie des Lebenssinns“ zum Verhältnis von Arbeit und Sinn, dass man nicht mit jedem Job die Welt retten muss. Soweit, so gut. Aber ist die Lebenszeit des Mannes nicht zu kostbar, um Däumchen drehend an der Garderobe auf die Akademiker*innen von morgen zu warten? Sollte es im 21. Jahrhundert nicht möglich sein, zwischen Bullshit-Jobs und grenzenloser Selbstaufopferung für alle Menschen halbwegs sinnvolle Tätigkeiten zu finden, die nicht in die eine oder andere Richtung psychisch krank machen? Und wenn ja, wie lässt sich sinnvoll definieren oder gar messen?
Auf die ersten beiden Fragen lässt sich klar mit „Ja“ antworten. Die Utopie der 15-Stunden-Arbeitswoche des Ökonomen John Maynard Keynes hat sich seit 1930 noch nicht verwirklicht, obwohl der technische Fortschritt uns dies ermöglichen würde. 2019 betrug die wöchentliche Arbeitszeit der deutschen Erwerbstätigen 34,8 Stunden und lag damit zwar unter dem europäischen Durchschnitt von 37 Stunden (Statista), von 15 Stunden aber immer noch Welten entfernt. (Und damit betrachten wir nur Zahlen von angegebener und damit messbarer Arbeitszeit. Die zunehmende Entgrenzung der Arbeit ist hiermit noch nicht einmal angeschnitten.) Wenn wir also sowieso viel arbeiten, dann doch wenigstens halbwegs sinnstiftend.
Prof. Dr. Schnell liefert in ihrer empirisch fundierten Theorie des Lebenssinns vier Kriterien zur Definition beruflicher Sinnerfüllung (Schnell 2020: 239): 1) Individuelle Erfahrung von Bedeutsamkeit, 2) Orientierung, 3) Kohärenz und 4) Zugehörigkeit im Rahmen der aktuellen Arbeitstätigkeit. Damit lässt sich auch die persönliche Berufswahl oder ein möglicher Studienfachwechsel ein Stück weit durch wissenschaftliche Kriterien begleiten und beleuchten.
1) Bedeutsamkeit – Ist meine Tätigkeit wichtig oder irrelevant?
Bedeutsamkeit bezieht sich auf die eigene Wahrnehmung und Beurteilung der ausgeübten Tätigkeit in Bezug auf andere Personen. Die individuelle Erfahrung von Bedeutsamkeit orientiert sich daran, welche Auswirkungen und welchen Nutzen das eigene Handeln für andere Menschen hat.
2) Orientierung bzw. purpose – welche Ziele verfolgt der Job?
Orientierung meint die generelle Bewertung und Betrachtung der Tätigkeit. Dabei spielen einerseits die zugrundeliegenden Werte, die Mission und Vision eine Rolle und anderseits die Strategien und Ziele, die die Tätigkeit verfolgt.
3) Kohärenz – passt die Tätigkeit zu meiner Person?
Kohärenz bedeutet Passung und Stimmigkeit; hierbei wird zwischen horizontaler und vertikaler Kohärenz unterschieden. Horizontale Kohärenz bezieht sich auf eine Ebene: Berufliche Tätigkeiten ergänzen sich sinnvoll und Arbeitsziele sind widerspruchsfrei. Vertikale Kohärenz bezieht sich auf die Ebenen übergreifende Sinnkonstruktion: Berufliches Handeln trägt zur Erreichung der Arbeitsziele bei und die Arbeitsziele harmonieren mit den persönlichen Lebensbedeutungen.
4) Zugehörigkeit – bin ich ein Teil des Teams?
Zugehörigkeit bezieht sich auf die Identifikation mit dem Arbeitsplatz, mit der Institution, dem Betrieb oder der Organisation. Es geht um das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein und gebraucht zu werden bzw. sich gebraucht und integriert zu fühlen. Und es geht auch darum, Verantwortung zu haben und Anerkennung von anderen zu erfahren.
Die Studie verdeutlicht, dass erschreckend oft Person und Job in Bezug auf Ausbildung, Fähigkeiten, Interessen und Persönlichkeit gar nicht zueinander passen, was natürlich Überforderung oder Unterforderung zur Folge hat. Dabei ist die Job-Passung immens wichtig für eine hohe Sinnerfüllung im Berufsleben. Es scheint wirklich ein schmaler Grat zu sein, der das eine Extrem vom anderen trennt. Denn sobald die erhoffte berufliche Sinnerfüllung eintritt, entsteht die Gefahr, sich selbst auszubeuten. Der Begriff over-commitment bezeichnet genau dieses Verhalten: Personen, die so sehr in ihrem Job aufgehen, dass sie sich ihm komplett hingeben. Meist geschieht dies in Bereichen, die keine wirtschaftlichen und vorrangig monetären Ziele verfolgen, sondern bei denen vor allem andere Menschen, kulturelle oder wissenschaftliche Ziele motivieren (Schnell 2020: 246-251). Pflegekräfte, die ihre Pausen nicht nehmen, weil die Arbeit gemacht werden muss oder Sozialarbeiter*innen, die Tag und Nacht privat erreichbar sind, um Klient*innen zu unterstützen, sind hierfür nur zwei Beispiele.

Auf der individuellen Suche nach einer passenden Anstellung/Selbstständigkeit und in der Hoffnung, die Quarterlife-Crisis möglichst kurzweilig zu gestalten, kann es jedenfalls nicht schaden, die vier Kriterien im Hinterkopf zu halten. Auch, weil Corona-bedingt aktuell ein Drittel weniger Jobangebote für Berufseinsteiger*innen vorhanden sind, Praktika ausfallen etc., ist es gleichzeitig genauso wichtig zu wissen, dass ein Job auch nur ein Job sein kann und nicht Identifikationsmerkmal sein muss: „So wichtig die Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit auch ist – das Konzept sollte nicht überstrapaziert werden. Nicht jeder sucht seinen Lebenssinn in der Arbeit, und nicht jede Arbeit hat Qualitäten, die sie zu einem geeigneten Lebensmittelpunkt werden lassen.“ (Schnell 2020: 254). Gerade letzteres sollte uns auch als Gesellschaft nachdenklich stimmen, wenn wir über Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten der zukünftigen Arbeitswelt grübeln. Und darüber, welche Jobs wir dahin mitnehmen.
Von Sarah Schmittinger
Literaturverzeichnis
Schnell, Tatjana (2020): Die Psychologie des Lebenssinns, 2. Aufl. Berlin: Springer.