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Check your privileges – und benutz sie richtig!

Blogvon Milia Geisler

(Quelle: http://www.pexels.com @Life-Matters)

Laut Duden bezeichnet der Begriff “Privileg” ein Vorrecht, also ein Recht, das einer Gruppe oder einer Einzelperson vorbehalten ist. Das Gespräch über Privilegien ist in meiner Blase erst in den letzten 1-2 Jahren so richtig angekommen. Damit ist es nämlich so eine Sache. Ist man sich ihnen nicht bewusst, versteht man nicht, wieso sich Andere so anstellen. Es gibt doch gar kein Problem. Wird man jedoch darauf aufmerksam gemacht, ist es ungemütlich, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es ist, wie so oft, ein mindestens genauso schwieriges wie wichtiges Thema, das man sich bewusst machen sollte.

Meiner Beschäftigung mit gesellschaftlichen Themen liegt kein edles Motiv zugrunde. Ich habe noch nicht einmal aus sozialen Gründen begonnen, mich mit gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen. Sondern beschäftige ich mich mit ihnen aus ganz selbstbezogenen Gründen, seit mir vor Augen geführt wurde, dass mein Leben nicht zu 100% – wenn auch wirklich extrem – privilegiert ist. Als weiße, schlanke, Cis-Frau ohne Behinderung habe ich das Glück, dass ich mich zunächst einmal „nur“ mit Sexismus auseinandersetzen muss. Als ich diesem wiederholt begegnete, begann ich mich mit Feminismus zu beschäftigen. Weißem Feminismus zunächst.

Doch je mehr ich las, desto mehr merkte ich, dass das nicht richtig ist. Ich rutschte in eine Spirale ab, in der ich bemerkte, dass es so viele strukturelle Formen der Diskriminierung gibt, die mir nicht bewusst waren und mit Sicherheit leider auch noch nicht alle sind. Rassismus, Klassismus, Ableismus, Transfeindlichkeit, Queer-Feindlichkeit, Dick-/Fettfeindlichkeit. Die Liste geht weiter. Das überforderte mich und aus dieser Überforderung heraus schoss mir der Gedanke in den Kopf: „Eins nach dem Anderen“. Ich kann mich schließlich nicht mit allem beschäftigen. Ein Privileg, mir selbst diesen Gedanken glauben zu können.

Der Haken am Patriarchat ist aber, dass man das nicht so einfach auseinanderhalten kann. Eine Form struktureller Diskriminierung unterstützt die andere und so halten sie sich gegenseitig am Leben. Doch wie verhält man sich richtig? Es ist logisch, dass niemand das gesamte Wissen über jedes Problemfeld der Welt haben kann. Man spezialisiert das eigene Wissen und beschäftigt sich individuell mit einzelnen Themen mehr als mit anderen. Nichtsdestotrotz reicht es nicht aus, sich nur mit Themen zu beschäftigen, die einen selbst benachteiligen. Es ist Solidarität von uns allen gefragt. Ein System, das Menschen strukturell benachteiligt, ist ein kaputtes und ein ungerechtes System. Nur indem wir begreifen, dass viele Formen der Unterdrückung miteinander interagieren, können wir anfangen dieses Netz abzubauen. Uns unsere Privilegien bewusst zu machen ist gerade deshalb so wichtig, weil mit jedem Privileg auch eine Benachteiligung Anderer einhergeht. Ein Vorrecht kann man nämlich nur haben, wenn dieses dafür Anderen verwehrt wird. Ansonsten wäre es nur ein Recht.

Ich habe noch viel zu lernen. Mir ist quasi gerade erst bewusst geworden, dass ich Teil eines unterdrückenden Systems bin, das ich durch meine Denkmuster und Taten am Laufen halte. Dadurch, dass ich bestimmte Privilegien noch nicht hinterfrage. Welche das sind weiß ich nicht, aber ich hoffe sehr, dass mir immer mehr dieser Privilegien über Bücher, soziale Medien oder persönlichen Austausch bewusst gemacht werden. Und dass ich es schaffe, sie mir selbst bewusst zu machen. Dafür ist zumindest ein Anfang gemacht. Und ich hoffe, dass mein Feminismus weiter bunt wird und auch die letzten weißen, farblosen Stellen noch verschwinden. Ich arbeite daran.

Dazu gehört eben auch, sich die eigenen Privilegien bewusst zu machen und einen richtigen Umgang damit zu finden. Nicht jede:r hat das Glück, sich mit Themen wie Politik, Rassismus und struktureller Diskriminierung nicht beschäftigen zu müssen. Für viele Menschen sind diese Formen der Unterdrückung nämlich reale Gefahren, die sich in Form von physischer und psychischer Gewalt zeigen. Während diese Gefahr in meinem Fall Sexismus ist (Und ihr könnt mir glauben: Das reicht schon!), sind viele andere Menschen von mehreren Formen struktureller Diskriminierung betroffen, die miteinander interagieren. Wenn ich mich also aktiv entscheide, mich nicht mit Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Fettfeindlichkeit, Klassismus und Ableismus zu beschäftigen, dann nehme ich ein Privileg in Anspruch, das man allgemein Ignoranz nennen kann.

Aber das ist nicht der richtige Umgang. Denn es reicht eben nicht zu sagen: „Mich interessiert das alles nicht! Mich betrifft das schließlich nicht!“ Weißer Feminismus reicht nicht. Es reicht nicht zu sagen: „Ich habe ja schwule Freunde, ich kann nicht schwulenfeindlich sein“. Es ist ein Privileg diese Sätze sagen zu können. Und es ist auch ein Privileg, sich mehrfach überlegen zu können, ob man die Problematik hinter diesen Sätzen anspricht. Es ist ein Privileg, wenn man sich entscheiden kann, ob man die Konfrontation in Kauf nimmt, weil man selbst dadurch nicht marginalisiert wird. Es ist eine Freiheit, mit der man aktiv die Unfreiheit Anderer besiegelt.

(Quelle: http://www.pexels.com @Life-Matters)

Diese Themen sind hart, unangenehm und rauben Nerven. Zu realisieren, dass Unterdrückung in unserer Gesellschaft subtil oder offen an jeder Ecke lauert, ist frustrierend. Und jede:r hat nur begrenzte Kapazitäten zur Verfügung, die sich von Zeit zu Zeit ändern und mehr oder weniger vorhanden sind. Nachhaltig an der Gesellschaft und sich selbst zu arbeiten bedeutet also, die eigenen Kräfte einzuteilen. Es ist in Ordnung, sich nicht immer mit all diesen Themen zu beschäftigen. Will man das Patriarchat in Brand stecken, darf man schließlich nicht schon vorher selbst ausbrennen.

Es ist in Ordnung, aus Kraftlosigkeit nicht jede Konfrontation mitzunehmen. Es ist aber nicht in Ordnung, eine Konfrontation auszulassen, nur weil es einen selbst nicht betrifft. Wenn man die Kapazitäten hat, sollte man sich immer gegen Unterdrückung einsetzen. Eigene Privilegien können solidarisch genutzt werden und das sollten sie auch. Und dabei ist es klar, dass nicht jede:r Aktivismus betreiben kann. Aber jede:r kann die eigenen Denkmuster hinterfragen und reflektieren, inwiefern man die Unterdrückung Anderer durch das eigene Verhalten aufrechterhält. Die Gesellschaft sind im Endeffekt wir. Das heißt, wir müssen bei uns anfangen, wenn wir diese verändern möchten.