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Das Cairo – Platz für Zukunft und Musik

Blogvon Fabian Ballweg

(Quelle: Cairo)

Seit über 33 Jahren bietet das Jugendkulturhaus Cairo einen Platz für Musik, Kunst und Bildungsangebote. Das Sprachrohr hat sich mit Petra Irmscher aus dem Leitungsteam darüber unterhalten, was den besonderen Reiz des Cairos ausmacht, wie sich das letzte Jahr unter Corona-Bedingungen auf die tägliche Arbeit und das kulturelle Angebot ausgewirkt hat und wie das Cairo-Team in die Zukunft blickt.

Sprachrohr: Zuerst einmal, für jemanden der das Cairo nicht kennt, wie würdest du das Cairo beschreiben? Was macht das Cairo für dich aus?

Petra Irmscher: Wir im Cairo bieten eine Bühne für verschiedene Angebote im Kultur- und Kreativbereich, die von jungen Menschen selbst entwickelt und durchgeführt werden. Das spaltet sich auf in den Veranstaltungs- und Bildungsbereich. In den Bildungsbereich fallen die ganzen Workshops und Kurse, die Töpferei, Fotolabor und Videostudio. Im Veranstaltungsbereich liegt der Schwerpunkt auf Konzerten und Theater, wir bieten aber auch Filmvorführungen und Lesungen an. Wir haben also ein bunt gemischtes Programm.

Und das Besondere daran ist, dass der Impuls nicht von uns aus dem Büro kommt, sondern alles von den Leuten selbst initiiert wird, einfach weil sie Lust darauf haben, das zu machen. Die wissen vielleicht am Anfang auch gar nicht wie sie das organisieren sollen oder haben nicht die Räume oder Kapazitäten, um das durchzuführen. Und dann kommen sie zu uns mit der Frage: „Kann ich das so machen? Könnt ihr mir da helfen?“. Das ist dann unser pädagogischer Auftrag, denn wir im Büro sind als Sozialarbeiter*innen bei der Stadt angestellt, unsere Stellen und das Haus werden von der Stadt finanziert.

Und gerade im Workshopbereich ist das total schön zu sehen, wenn sich junge Leute das erste Mal selbst in einer Leitungsrolle ausprobieren und erste Erfahrungen sammeln können. Besonders bei den Tanzkursen, da fangen manche Teilnehmenden schon mit 15 Jahren an selbst Kurse zu leiten, weil sie einfach Lust daran haben das Erlernte weiterzugeben.

Also in dem Sinne bietet das Cairo auch eine Plattform für Empowerment, dafür Eigenverantwortung zu übernehmen und zu lernen damit umzugehen?

Total! Auch weil bei der Durchführung der Veranstaltungen gelernt wird, worauf man generell achten muss. Zum Beispiel wenn es darum geht, Fristen einzuhalten. Oder wenn man während der Organisation auf einmal mit Dingen konfrontiert wird, von denen man vorher noch nie gehört hat.

Ich glaube, dass viele junge Menschen daran wachsen. Wenn sich eine Veranstaltungsgruppe neu gründet, läuft dann natürlich nicht alles perfekt, aber dafür sind wir auch da. Das merkt man von außen dann vielleicht nicht mal, aber das ist uns dann auch ein Anliegen, Feedback zu geben. Nach dem Prinzip funktioniert das komplette Haus – der Thekenbereich, die Tontechnik. Und das alles ehrenamtlich – in einigen Fällen gibt es natürlich eine Aufwandsentschädigung, aber fest angestellt sind nur wir im Büro.

Ich finde, das Schöne daran ist, dass das Cairo auch zu Teilen – soweit das eben möglich ist – die Funktion eines soziokulturellen Zentrums abdeckt, also über Kunst und Kultur hinausgeht, weil sich hier viele Nachhaltigkeitsinitiativen treffen, viele gesellschaftspolitische Vorträge oder zum Beispiel die VoKü stattfinden.

Ist die Art wie das Cairo funktioniert – mit dem starken Fokus auf dem – Ehrenamt – dann während des letzten Jahres im Zeichen der Corona-Pandemie ein zweischneidiges Schwert? Weil einmal natürlich das Privileg besteht, dass keine Existenzen unmittelbar bedroht sind, aber andererseits diese wichtige und sinnstiftende Möglichkeit des Engagements komplett wegbricht?

Ja, das kann man schon so sagen. Wir haben nun mal das Glück von der Stadt finanziert zu werden, zusätzlich werden wir von einem Förderverein unterstützt, da kann erstmal nicht so viel passieren. Aber wir sind eben als Sozialarbeiterinnen im Fachbereich Jugend und Familie angestellt und haben damit einen klaren pädagogischen Auftrag. Und das ist natürlich schon schwer, weil wir die Arbeit mit den Menschen hier als unsere Kernaufgabe sehen, und das eben nicht mehr machen können.

Wir versuchen auf jeden Fall, intensiv den Kontakt mit unseren Ehrenamtlichen zu halten, und dabei merken wir schon, dass es vielen Leuten nicht so gut geht. Das ist für mich noch viel schlimmer als dass nur die Veranstaltungen abgesagt werden. Wenn dieses ganze Engagement, das über die Jahre gewachsen ist, das Leute in Ihrer Freizeit erbringen, einfach weil sie Lust darauf haben und um andere damit zu unterstützen, auf einmal nicht mehr geht. Das ist nochmal eine andere Perspektive als bei jemandem, der mit der Durchführung von Veranstaltungen am Ende des Monats seine Rechnungen bezahlen muss.

Wie gesagt: Was das angeht, geht es uns gut, darüber können wir uns nicht beschweren. Und wir haben auch immer gesagt: Uns ist es wichtig, dass auch andere kleine Veranstaltungshäuser, denen es schlechter geht, oder allgemein Leute, die in der Veranstaltungsbranche tätig sind, Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen. Weil während andere nicht wissen wie sie die nächsten Monate finanziell überleben, sind es bei uns erstmal „nur“ Veranstaltungen, die ausfallen. Aber natürlich geht auch damit viel verloren.

Habt Ihr denn die Sorge, dass viele Leute, die sich normalerweise immer engagiert haben – als Veranstalter, Organisatoren – und das in der ganzen Zeit nicht mehr machen konnten, dass die dann in der Zeit, in der das weggefallen ist, weitergegangen sind? Weil sie vielleicht abgeschlossen haben, und dann, wenn Veranstaltungen wieder „normal“ stattfinden können, erstmal viel wegbricht? Dass die komplette Szene in und um das Cairo herum geschwächt ist?

Ja, die Angst ist auf jeden Fall da. Ob sie immer berechtigt ist, weiß ich nicht, weil es ja sowieso immer sein kann, dass Leute weiterziehen, sich umorientieren, deswegen können wir das noch nicht wirklich abschätzen. Ich glaube, das hängt stark davon ab wie sehr die Leute in der Zwischenzeit – gefühlt und tatsächlich – hier sein konnten. Beispielsweise was die Fotolaborkurse betrifft, die komplett aussetzen mussten oder auch die Tanzkurse – ob da die Leute wiederkommen oder nicht, lässt sich noch nicht sagen. Und auf der anderen Seite: Leute, die neu nach Würzburg kommen, kennen uns aufgrund des reduzierten Angebots dann natürlich oft nicht. Das wird auch nochmal viel Arbeit, uns wieder sichtbar zu machen.

Amygdala während des Cairo-Livestreams (Quelle: Eva Endler)
Amygdala während des Cairo-Livestreams (Quelle: Eva Endler)

Wie hat eure Arbeit denn dann im Laufe des letzten Jahres konkret ausgesehen? Wie ist das letzte Jahr aus Sicht des Cairos gelaufen?

Auch da haben wir das Privileg, dass wir die ganzen Veranstaltungsabsagen finanziell erstmal ganz gut verkraftet haben. Aber dann haben wir auch explizit gesagt, gerade weil wir die Möglichkeit haben, wollen wir junge lokale Künstlerinnen fördern und haben auch selbst angefangen, im Sommer Bands zu buchen und Veranstaltungen durchzuführen, weil wir natürlich gemerkt haben, dass viele ehrenamtliche Veranstalter sich da nicht wirklich rangetraut haben, nachdem wir vorher so viel absagen mussten.

Im Juni durften wir wieder öffnen und hatten dann über den Sommer auch viele Veranstaltungen, alles, was man kurzfristig organisieren konnte. Und das hat eigentlich auch gut geklappt. Das war natürlich ungewohnt – wir mussten natürlich auf Abstand achten, alles war bestuhlt. Und für alles mussten Hygienekonzepte erarbeitet und dann ständig überarbeitet werden. Aber wir haben gemerkt: Es funktioniert, und waren dadurch, dass wir den Hof zur Verfügung hatten, für junge Menschen der einzige Ort, der so etwas anbieten konnte. Und dadurch haben wir uns auch verantwortlich gefühlt, soviel zu machen wie eben geht, auch wenn es da natürlich viele Unsicherheiten gab.

Als wir dann gemerkt haben, dass das Konzept funktioniert, haben wir auch für Herbst und danach weiter geplant und viele neue Formate entwickelt, zum Beispiel ein Glühweinwintermarkt mit Live-Musik und Bastelständen. Das mussten wir dann natürlich alles wieder absagen. Alternativ waren Konzertstreams geplant, aber auch die konnten wir dann größtenteils nicht umsetzen – das war für mich auch mit das Frustrierendste, von einer großen Planung sind wir immer kleiner geworden, und auch das hat dann nicht geklappt.

Aber zumindest haben wir gelernt, dass das grundsätzlich so funktionieren kann, und sind weiter mit der Einstellung rangegangen, wir planen weiter, wenn’s stattfinden kann, findet es statt – und wenn nicht haben wir mittlerweile auch genug Erfahrung beim Absagen (lacht).

Wie war die Resonanz auf die Streams quasi als Konzertersatz?

Schwierige Frage. Bei unseren Veranstaltern und auch bei uns war da die Skepsis anfänglich schon hoch. Vor allem weil Konzertstreams zwischendurch allgegenwärtig waren und die Frage war: „Will ich mir das nach einem ganzen Tag vor dem Computer wirklich noch anschauen?“. Ich persönlich wollte das nicht. Deswegen mussten wir erst einen Weg finden, damit sich das Ganze dann auch wirklich gut anfühlt, nämlich das Cairo, das Gefühl in genau diesem Umfeld ein Konzert zu hören, rüberzubringen. Und bei dem Livestream, den wir im Winter machen konnten, mit Amygdala, haben wir dann auch die Rückmeldung bekommen: „Cool, ich erkenne das Cairo wieder“ und das war wirklich schön, dass wir
erreicht haben, was wir damit wollten, nämlich zumindest den Leuten, die das Haus kennen, einen Wiedererkennungswert zu bieten. Das ist auch generell unser Gedanke, auch als wir Weihnachten unsere Plakat-verschenk-Aktion hatten, quasi den Leuten ein Stück Cairo-“to-go“ mitzugeben.

Der Plan für die kommenden Monate steht ja jetzt wieder. Wie schwer war es nach den Erfahrungen
im Herbst und Winter jetzt optimistisch die neue Planung anzugehen und inwieweit sind da dann auch
die Erfahrungen, die ihr gesammelt habt, eingeflossen?

Als im März letzten Jahres die ersten Veranstaltungen abgesagt werden mussten, war noch mein Gedanke: Gut, das ist jetzt für ein paar Wochen, dann wird sich das wieder ändern. Dann wurden die Veranstaltungen von Frühjahr auf Herbst verlegt, dann auf das nächste Frühjahr, und jetzt haben wir Frühjahr und es ist klar, dass es immer noch dauern wird bis die Situation wieder okay ist – natürlich ist das nur sehr wenig planbar, aber trotzdem bekommt man irgendwann eine gewisse Routine, lernt das besser einzuschätzen. Wir können sagen, wir konnten letzten Sommer Veranstaltungen durchführen, konnten viel für den Kommenden mitnehmen. Und falls da wirklich nichts möglich sein sollte, haben wir auch hier dazugelernt und sind mittlerweile gut aufgestellt was das Streaming angeht. Das heißt solange auch nur zwei Menschen zusammen sein können, können wir Vorträge streamen, oder beispielsweise Konzerte von Solokünstler*innen. Zumindest das können wir auf jeden Fall machen.

Und auch nach den Absagen im Winter haben wir uns gesagt, okay, das ist jetzt nun mal so, dann stecken wir dafür unsere Energie eben in die Sommerplanung. Wir haben jetzt auch viele neue Workshopformate aufgestellt, Hofkonzerte geplant und schauen, was wir noch so machen können mit stark begrenzter Teilnehmerzahl.

Um das Gespräch dann auch auf einer positiven Note enden zu lassen, was wäre denn etwas Positives
das ihr aus dem letzten Jahr mitnehmen konntet?

Wir haben auch die Gelegenheit genutzt, das was hier stattfindet zu reflektieren, zu überlegen, wer sind denn die Menschen, die hierherkommen, wen sprechen wir nicht an oder wer hat vielleicht keinen Zugang und wie können wir auch die erreichen. Und außerdem haben wir ganz viel renoviert! Haben neu gestrichen, Regale gebaut. Ich glaube, da werden einige überrascht sein, wenn sie wieder zurück im Haus sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview wurde zur besseren Verständlichkeit bearbeitet und gekürzt.