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Das Ende von Forrest Gump, oder: Warum es Amnesty International gibt

Blog

(Quelle: Mirjam Mähler)

Der Abend meines 20.06. sah so aus: Ich verabredete mich mit Karla und Julius, die ich beide mehr oder weniger durch ein gemeinsames Seminar an der Uni kannte, zum ersten Mal auf ein gemeinsames Präsenz-Bier (siehe im Kontrast dazu: Zoom-Bier). Wir hatten eine schöne Zeit, liefen durch die Straßen und redeten über die Welt, welche bei drei Politikwissenschaftsstudent*innen wohl zwangsläufig immer eine politische ist. Ab einem gewissen Punkt gelangten wir bei der Frage an, ob die Geschicke auf diesem Planeten (und im gesamten Universum) längst vorbestimmt seien oder ob wir die Macht hätten, sie als Menschen mitzulenken. Wir redeten über Forrest Gump und wie er am Ende des Films sagte, dass vielleicht beides gleichzeitig möglich sei. Wir diskutierten und kamen natürlich zu keinem Ergebnis. Aber wir sahen die Gefahr, die dann entsteht, wenn man ersteren Standpunkt einnimmt, denn: Ist tatsächlich alles vorbestimmt, gibt es überhaupt keinen Grund mehr, irgendetwas zu tun, irgendetwas zu bewegen, sich für irgendetwas einzusetzen, an das man glaubt. Sollte dem allerdings nicht so sein, verkehrt sich ein Weltbild wie dieses schnell in eine faule Ausrede, sich nicht an den Prozessen der Welt beteiligen zu müssen, selbst wenn man den Handlungsdruck spürt. Und hierin lag der springende Punkt unseres Gesprächs: Julius engagiert sich bei der Hochschulgruppe von Amnesty International in Würzburg, er spürt den Handlungsdruck; und weil Amnesty nicht daran glaubt, dass man sich zurücklehnen könne in einer Welt, in der es derart viel Schmerz gibt – von Mensch verursacht, von Mensch erfahren, von Mensch lösbar –, glaubt auch Julius nicht daran, glauben auch Karla und ich nicht daran.

Ok, ich bin mir bewusst, dass das jetzt viele große Worte waren: der Mensch, das Universum, die Geschicke der Welt, der Schmerz oder der Handlungsdruck. Ich möchte deswegen konkreter werden; wann spüren wir denn den Handlungsdruck? Wir spüren ihn, wenn wir richtig hinschauen: Massenverhaftungen in der Türkei, Einwanderungsdekrete in den USA, Folter in ägyptischen Gefängnissen sowie zahllose Menschenrechtsverletzungen in Syrien. Von Menschen gemacht, von Menschen lösbar. Der Handlungsdruck.

Auch Menschenrechtler*innen auf der ganzen Welt spürten ihn vor vier Jahren, als der Menschenrechtsverteidiger Germain Rukuki aufgrund seines Einsatzes in Burundi inhaftiert und schließlich zu 32 Jahren Haft verurteilt wurde; die Mitglieder von Amnesty spürten ihn. Sie setzten sich mit einer Urgent Action, einem Briefmarathon und einem „Brief gegen das Vergessen“ für Rukuki ein. 2021 wurde seine Haftstrafe auf ein Jahr verkürzt. Rukuki würde 31 weitere Jahre getrennt von seiner Familie im Gefängnis sitzen, hätten sich die entsprechenden Aktivist*innen auf ein vorbestimmtes Schicksal berufen und ihre Füße hochgelegt.

Hätten sie ihre Füße hochgelegt, würde auch Luis Manuel Otero Alcántara noch immer im Gefängnis in Kuba sitzen, genauso wie Aktivist*innen noch immer in Polen verhaftet wären. Hätten sie ihre Füße hochgelegt, wären Shagufta Kausar und Shafqat Emmanuel, ein indisches Ehepaar, nun hingerichtet worden.

Doch wenn Leid von Menschen gelindert wird, kann es von Menschen leider auch wieder verursacht werden. Hilfe zu leisten ist deshalb nie etwas Einmaliges, nie etwas Kristallines, es ist kein Status Quo, auf dem man sein Gewissen ausruhen kann. Sich einzusetzen für das, woran man glaubt, ist etwas dauernd Aktives. Grundsätze können jedes Mal aufs Neue angegriffen werden, weshalb sie genauso jedes Mal aufs Neue wieder verteidigt werden müssen. Die Grundsätze von Amnesty sind dabei die der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Und die Mitglieder von Amnesty sind dauernd aktiv, dauernd das verteidigend, was unsere Gesellschaft ausmacht. Auch heute, in dieser Sekunde. Sie sind es, indem sie überall auf der Welt Aufklärungsarbeit für Menschenrechte betreiben. Sie sind es aber auch mit Petitionen gegen die Anklagen von #ElHiblu3 oder für die Freiheit von Nasrin Sotoudeh, einer iranischen Menschenrechtsanwältin, die zu 38 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sie sind es mit Urgent Actions, wie momentan in Indonesien, in Kambodscha oder in Ägypten (um die aktuellsten zu nennen). Und sie werden – bedauerlicherweise – weiterhin dauernd aktiv sein müssen, dauernd verteidigend…

Der Abend meines 23.06. sah so aus: Ich saß gemeinsam mit Karla zum ersten Mal bei einem Treffen der Hochschulgruppe von Amnesty, Julius hatte uns noch am Sonntag gefragt, ob wir vorbeischauen wollten. Wir hörten uns zusammen eine Präsentation über Fluchtwege am Mittelmeer an, die von drei gleichaltrigen Studentinnen gehalten wurde. Vermutlich hielten sie, so dachte ich mir zumindest, den Vortrag deswegen, weil auch sie den Handlungsdruck spüren konnten. Ich las das später am Abend noch nach: Mehr als 10 Millionen Unterstützer*innen von Amnesty in über 150 Ländern spüren ihn wohl. Und sie handeln, im Großen wie im Kleinen.

Ich dachte während des Treffens auf einmal wieder über das Ende von Forrest Gump nach und über die Frage, ob wir die Geschicke bestimmen könnten oder ob wir ihnen ausgeliefert seien. Ich habe keine Ahnung, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es der falsche Weg ist, sich zurückzuziehen und die Welt Welt sein zu lassen, während diese Frage für immer unbeantwortbar bleibt. Karla und ich gehen jetzt jeden Mittwoch zum Treffen der Hochschulgruppe von Amnesty, wir möchten uns nicht mehr zurücklehnen. Wir möchten nicht mehr wegschauen, sondern die Dinge verstehen lernen: Fluchtwege, wie am 23.06., zum Beispiel. Und deswegen wird auch unser 30.06., unser 07.07. und jeder darauffolgende Mittwoch so aussehen, dass wir bei den Treffen von Amnesty teilnehmen. Vielleicht sieht man sich ja…

Jonas Grill