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Der Laubbläser und der Sinn des Lebens

Blogvon Nico Adler

Jeden Dienstag pünktlich um 9:30 Uhr ist vor dem Fenster meiner Würzburger Mietswohnung ein besonders interessantes Phänomen zu beobachten. Ein von der Hausverwaltung engagierter Mann bekämpft mit einer Apparatur, die einem Raketenrucksack ähnelt, das Laub auf dem Boden. Diese Tätigkeit stellt nicht nur einen Angriff auf das Gehör dar, sie ist dazu auch noch hochgradig schädlich für die Umwelt. Durch das aufgewirbelte Laub verlieren unzählige Kleintiere ihren Lebensraum. Dazu kommt noch der aufgewirbelte Feinstaub und die zusätzliche Erzeugung von Feinstaub durch den Verbrennungsmotor.

Wenn ich das Laubblasen mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es: „sinnlos“. Und genau das tue ich auch. Jeden Dienstag um 9:30 Uhr. Mittlerweile schon so oft, dass ich irgendwann angefangen habe, das Laubblasen in einen größeren Kontext zu stellen: „Der Mann mit dem Apparat auf dem Rücken leidet mindestens dreimal so stark darunter.“ Oder: „Wie würde unsere Gesellschaft überhaupt durch den Verzicht auf das Laubblasen profitieren? Oder würde sie gar komplett zusammenbrechen?“ Bis ich schließlich auf den Gedanken kam: „Ich stehe hier in der Küche rum und sinniere über den Sinn und Unsinn des Laubblasens. Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Was ist überhaupt der Sinn meines Lebens?“

Gute Frage. Was ist der Sinn des Lebens?

Es würde sicherlich viel Zeit und Nerven sparen, wenn man diese Frage wie in Douglas Adams‘ Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ einfach einem allwissenden Supercomputer stellen könnte. Im Roman ist die Antwort auf die Frage nach einer Berechnungszeit von 7,5 Millionen Jahren schlicht und einfach „42“. Da es uns Menschen aber erst seit etwa 300.000 Jahren gibt, wird es wohl noch ein Weilchen dauern, bis uns diese Antwort von einem Supercomputer präsentiert wird. Daher müssen wir uns erstmal damit zufriedengeben, selbst die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Da es darauf, anders als in „Per Anhalter durch die Galaxis“, nicht die eine richtige Antwort gibt, ist es ganz natürlich, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Vorstellungen vom Sinn des Lebens haben. 

Eine der ältesten und beständigsten sinngebenden Institutionen ist mit Sicherheit die Kirche. Ich möchte im Rahmen dieses Artikels besonders auf den christlichen Glauben als Sinnstifter eingehen. Da ich persönlich mit dem Christentum und Religion an sich allerdings wenig bis gar keine Berührungspunkte habe, habe ich in diesem Zusammenhang meinen Freund Simon befragt. Er lebt in Berlin und richtet sein Leben stark nach seinem christlichen Glauben aus. Auf die Frage hin, was für ihn den Sinn des Lebens darstelle, antwortete er kurz und prägnant: „mein christlicher Glauben“. Er ist von der Existenz des christlichen Gottes überzeugt und glaubt, dass er sich den Menschen gegenüber in Form von Jesus Christus gezeigt hat. Jesus habe den Menschen Gottes Vorstellung vom Leben auf der Erde vermittelt. Simon beschreibt dies folgendermaßen: „Dieser Glaube gibt mir eine größere Perspektive, die meine Prioritäten verschiebt. Andere über sich selbst zu stellen, sie zu lieben und zu unterstützen.“ Das mag im ersten Moment so klingen, als müssten gläubige Christ*innen ein Leben von gottgegebenen Regeln und Einschränkungen leben. Tatsächlich ist für Simon das Gegenteil der Fall. Er empfindet seinen Glauben als enorme Freiheit. „Zu vertrauen, dass es jemanden gibt, der mächtiger, liebevoller und klüger ist als ich, nimmt mir die Angst und Sorge um Dinge, die ich sowieso nicht ändern könnte.“ Der Prozess der Sinngebung wird dem Menschen also abgenommen, der Sinn ist demnach vor der Geburt schon festgelegt worden und entspringt einer außerweltlichen Instanz. 

Ich finde gerade deshalb den Glauben an den christlichen Gott so beeindruckend, weil es für mich auf der Welt mehr als genug Gründe gibt, ihn abzulehnen. Trotz dem ganzen Leid auf der Welt an einen großen Plan oder Zusammenhang zu glauben, spricht von einem Vertrauen, das auf der Welt seines gleichen sucht. 

Nicht jeder Mensch glaubt an Gott. Allerdings ist der Mensch dank der einzigartigen Zusammensetzung seines Verstandes ein Lebewesen, das den Sinn des Lebens hinterfragen kann und zum Wohle seiner geistigen Gesundheit sogar muss. „Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du herausfindest, warum.“ Diesen Satz soll Mark Twain einmal gesagt haben. 

Wenn man also nicht an die Existenz Gottes glaubt und die Erde und die Menschen nicht als seine Schöpfung, sondern als Produkt einer langen Reihe naturwissenschaftlich erklärbarer Ereignisse sieht, verliert auch die Idee eines großen Sinnzusammenhangs der Welt und ihrer Bewohner an Bedeutung. Die Kunst liegt nun darin, diese sinnlos scheinende Welt selbst mit Sinn zu füllen. Diese Aufgabe kann zunächst einmal erdrückend wirken. Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens an sich und dem gesamten Universum zweifeln. Wichtig ist dabei nur, nicht zu verzweifeln.

Denn mit dem Druck, der von der Herausforderung, der Existenz Sinn zu geben herrührt, geht auch eine große Freiheit einher. Die Freiheit, genau das zu tun, wovon man selbst glaubt, dass es das Richtige sei. Der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sartre fasst diesen Sachverhalt mit dem Satz „Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein“ zusammen. Einerseits die Freiheit, die ihren Ursprung in der nicht-deterministischen Existenz des Menschen hat. Andererseits die Pflicht, diese Freiheit verantwortungsbewusst zu nutzen, um die Essenz des Lebens selbst zu entwerfen. 

Für Sartre geht also die Existenz der Essenz voraus. Der Mensch definiert sich also erst nachdem er auf der Welt auftaucht. Die Sinngebung ist in diesem Zusammenhang also kein einmaliges Ereignis, das vor der Geburt stattfindet. Vielmehr ist sie ein Prozess, der sich durch das Leben eines jeden Menschen zieht und dadurch auch bei jedem Menschen anders aussieht. Das Ziel der existenzialistischen Philosophie ist also vereinfacht gesagt, seinem Leben selbst Sinn zu geben und sich an den dadurch entstehenden Zielen zu orientieren. 

Es gibt eine ganze Menge weiterer Denkschulen, die über den Sinn des Lebens und der Existenz philosophieren. Zum Beispiel der von Albert Camus geprägte Absurdismus, der die Grundannahmen des Existenzialismus größtenteils teilt, allerdings zu einem pessimistischeren Endergebnis kommt. Die Suche nach dem eigenen Sinn, die ja im Existenzialismus als Mittel gegen die Verzweiflung an Sinnlosigkeit angesehen wird, muss aus absurdistischer Perspektive immer vergeblich bleiben. Die Kunst besteht hier nicht im Finden eines persönlichen Sinnes, sondern darin, angesichts der unerklärbaren, sinnlosen Welt nicht den logisch scheinenden Weg des tatsächlichen oder des philosophischen Selbstmordes, worunter Camus den Glauben an alles metaphysische versteht, zu gehen.Was können wir aus dieser Fülle an Informationen über verschiedene Sichten auf den Sinn des Lebens nun über das Laubblasen lernen? Werden durch das Laubblasen Andere über einen selbst gestellt oder christliche Nächstenliebe praktiziert? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich sogar eher das Gegenteil. Ist das Laubblasen reines Produkt des wissenschaftlichen Fortschritts und damit in sich völlig sinnlos? Schon eher. Kann dem an sich sinnlosen Laubblasen ein individuell zu bestimmender Sinn abgewonnen werden? Für mich muss die Antwort hier leider „nein“ lauten. Ist die Suche nach einem Sinn im völlig sinnfreien Laubblasen also eine absurde Farce, welche unmöglich zu einem befriedigenden Ergebnis führen kann? Dieser Gedanke klingt dann doch etwas zu pseudophilosophisch.
Es scheint, als müssten Philosoph*innen und Laubbläser-Lobbyist*innen auf diesem Gebiet noch ein wenig nacharbeiten, denn es ist schon sehr bedauerlich, dass wir so viel über den Sinn des Lebens erzählen können, aber sprachlos sind, wenn wir etwas über den Sinn einer so alltäglichen Tätigkeit wie dem Laubblasen in Erfahrung bringen wollen.