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Der Schoppenfetzer und der untote Winzer

Blogvon Sarah Schmittinger

Quelle: Daria Kiseleva

Buchrezension des Würzburger Regionalromans von Günther Huth

Es ist das schrille Läuten des Telefons, das den pensionierten Kriminalhauptkommissar Erich Rottmann aus einer „heftigen REM-Phase“ reißt und ihn zwingt, seinen Schlaf zu unterbrechen. Dabei träumte der Pensionär und Weinliebhaber gerade vom verzweifelten Kampf mit dem Schraubverschluss eines Bocksbeutels, nach dessen Inhalt er sich so sehr verzehrte. Doch sein Pflichtbewusstsein und Instinkt sind stärker als die Lust auf einen Schoppen. Selbst mitten in der Nacht. Und so bewahrheitet sich sein erster Gedanke „Einsatz!“ schneller, als es Rottmann und vor allem dessen vierbeinigem Alter Ego, Hund Öchsle, lieb ist. Denn wenn die Eibelsdorfer Weinprinzessin aus Amerika anruft und um Hilfe bittet, ist die Müdigkeit schnell vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass man sich als Ex-Kriminaler besser nicht in die laufenden Ermittlungen der ehemaligen Kolleg*innen einmischen sollte. Doch als Rottmann erfährt, dass der Vater der Weinprinzessin, Winzer Gernot Siebenheilig, nach einem Traktorunfall im Weinberg spurlos verschwunden ist, zögert er keine Sekunde, sich in den Fall einzuschalten.
Was steckt hinter dem Verschwinden des Winzers? Werden seine Schoppenbrüder ihm die verpassten Stammtische übelnehmen?  Warum liegt der Kellermeister tot in der Trommelpresse der Kelter? Rottmanns Silvaner-Pegel sinkt, die Spannung steigt. Zum Glück gibt es noch Nachbarin Elvira, die nicht nur eifersüchtig, sondern auch äußerst nützlich sein kann. Zum Beispiel, wenn sie ihr bocksbeutelbeladenes Wohnmobil an der Kalten Quelle startklar macht und erklärt: Wohnmobil und Elvira, das gibt es nur im Kombipack. 

Quelle: Daria Kiseleva

Im achtzehnten Ermittlungsfall der Kriminalromanfigur Erich Rottmann, alias der Schoppenfetzer, führt Autor Günter Huth die Leser*innen und Fans des kernigen Würzburger Ex-Kriminalhauptkommissars in das fiktive unterfränkische Dorf „Eibelsdorf“. Auf dem Weingut der Familie Siebenheilig ereignen sich zwei Morde, während der Winzer weiterhin verschwunden bleibt. Schon durch die Titelwahl nimmt der Autor die Leserschaft an die Hand und lenkt sie in spekulative Gedankengänge, die einen möglichen Tod des Winzers zweifelhaft erscheinen lassen. Durch die Figur des Winzers kreiert Huth so eine gewisse Spannung, die sich von Anfang bis Ende aufrechterhält. 
Erschienen ist der neue Teil am 15. Oktober 2020. Auf seiner Homepage verrät Huth außerdem, dass die Corona-Pandemie auch an seiner künstlerischen und schriftstellerischen Arbeit nicht spurlos vorbeigeht, er die schwierige Lage allerdings dennoch nutzen wollte und der Distanz zu seinen Leser*innen diesen neuen Roman entgegensetzen wollte. Oder anders gesagt: „Erich Rottmann lässt sich nicht unterkriegen!“ – auch nicht vom Corona-Virus. 

Der Autor: Günther Huth wurde 1949 in Würzburg geboren und ist bis heute geblieben. Laut Klappentext kann er es sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Als Fachjurist und Rechtspfleger liefern ihm vor allem seine beruflichen Erfahrungen Inspiration für seine Kriminal- und Jagdromane. Er schreibt außerdem Kinder- und Sachbücher und hat in den letzten 46 Jahren mehr als 60 Bücher veröffentlicht. Die Idee zum Würzburger Kriminalroman kam ihm 2003.
So viel zu den Rahmenbedingungen des achtzehnten Falls. Bleibt vorerst noch folgende wichtige Frage zu stellen: Wieso Herr Huth, wieso, nennen Sie den Außenreporter des Würzburger Regionalsenders Kiffy Gras?
Mit Hund Öchsle und seinem 1300er VW Käfer wohnt Erich Rottmann in der Würzburger Innenstadt, genauer gesagt in der Rosengasse. Durch das typische Käferknattern wissen nicht nur die neugierige Elvira, sondern auch alle anderen Nachbar*innen immer bestens Bescheid, wenn die beiden aufbrechen. Verlassen sie unmotorisiert das Haus, führt sie ihr Spaziergang meist zum Mainufer: Von der Rosengasse in die Straße „Am Pleidenturm“ und zum Willy-Brandt-Kai. Auf der Grünanlage am Ufer angekommen, beginnt dann routiniert Öchsles Markierungstour an einem der alten Bäume. Oder zum Stammtisch der Schoppenfetzer, um gemeinsam einige Bocksbeutel trockener Silvaner zu leeren, während Öchsle hoffnungsvoll unter der Bank in der „Leberkäs-Grundstellung“ wartet. Durch das Verschwinden des Winzers Gernot Siebenheilig verschieben sich dann allerdings die gewohnten Routen für einige Wochen, denn so lange dauert es, das Treiben auf dem Weingut in Eibeldorf zu beobachten. Trotz Blutspuren im Weinberg scheint der verletzte oder tote Winzer nicht auffindbar zu sein. Dann liegt der Kellermeister tot in der Trommelpresse der Kelter und kurz darauf der Cousin des Weinbaupräsidenten tot in einem Bottich Maische. An beiden Leichen findet man Haare des (untoten?) Winzers. Parallel scheint die Beziehung des Winzers und dessen Frau immer wichtiger für den Handlungsverlauf zu werden. Zwischen Eifersucht und Intrigen lassen sich Zusammenhänge finden und Rückschlüsse ziehen. Und während Kiffy Gras die Nachbarn interviewt, die Weinprinzessin und ihre Mutter aus den USA zurückkehren, Elvira Erich Rottmann umgarnt und das Wohnmobil mit Bocksbeuteln füllt, weil sie den Eibeldorfer Winzer*innen nicht traut, und Rottmann viel tiefer in den Ermittlungen steckt, als er seinen Kolleg*innen wissen lassen darf, behält immerhin einer inmitten des Aufruhrs einen klaren Kopf und denkt an das Wesentliche: die Arbeit! Der kauzige, traditionelle Winzer Reinhard Pleiner, der in der Scheune des Weinguts lebt und Handys radikal ablehnt, liegt nicht nur nachts auf der Lauer, um den oder die Täter*in zu stellen – nein, auch am Tag arbeitet er weiterhin, denn: „Es half alles nichts, die Arbeit im Wengert musste erledigt werden.“ Allerdings nur, solange Lieselotte Siebenheilig, die Frau des Winzers, ihm kein Schlafmittel in den Kaffee kippt, um Männerbesuch zu empfangen. Elvira scheint von Anfang an den richtigen Riecher zu haben, wenn sie die Dame in Frau „Scheinheilig“ umbenennt. Natürlich schafft es Rottmann am Ende, die Mordserie aufzuklären und Eibelstadt wieder zu unterfränkischer Ruhe zu verhelfen. So viel sei verraten: Zur Lösung des Falles führt kein Weg an eingefrorenen Wildfleischpaketen vorbei. 

Fazit: Was als Geschenk geplant war, hat mich mit regionalem Charme und den direkten Würzburger Bezügen dann doch irgendwie in seinen Bann gezogen. Auch wenn sich das Lesegefühl wohl am besten mit dem Wort „cringe“ beschreiben lässt, Klischees und Stereotype reproduziert werden, die alte Leier der Abwehr von political correctness: „Die Täterin, der Täter oder Divers (…)“. „Heutzutage ist es sehr anstrengend, sich korrekt auszudrücken“ ihren Platz findet, die Geschichte wohl einfach „typisch Regionalkrimi“ ist, so kann man als Würzburger Studi durchaus einen Blick in einen der Fälle Erich Rottmanns werfen. Und wer weiß, vielleicht kommt Fall neunzehn etwas diverser und moderner daher. 
Mit ein paar Schoppen Silvaner und dem Schoppenfetzer lässt sich auf jeden Fall ein weiterer Abend in heimischer Isolation gestalten. Bei Startschwierigkeiten einfach zuerst die Schoppen nei und dann das Buch. 

Der Preis des Taschenbuchs beträgt 9,90€. Der Kriminalroman erscheint im Echter-Verlag. Mehr über die Abenteuer des Schoppenfetzers erfahrt ihr unter: http://www.schoppenfetzer-krimi.de