Der Sinnwert der Zukunft

Ambivalenz – Hast du auch manchmal das Gefühl, dass wir an einem Scheideweg der Geschichte stehen? Vor allem in den westlichen Ländern geht es uns – wenn man den Statistiken des Wirtschaftswachstums Glauben schenkt – wohl so gut wie nie zuvor und auch global gesehen leben immer weniger Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Und doch hängt ein Damoklesschwert an einem bedrohlich dünnen Faden über uns. Wir können nahezu grenzenlos konsumieren, wenn es unser Geldbeutel zulässt, doch gleichzeitig müssen wir mit ansehen, wie immer mehr Bereiche des Planeten für unseren unersättlichen Hunger nach Konsum weichen müssen. Wenn wir in die Zukunft blicken, sehen die Prognosen hinsichtlich der Schäden am Klima und der daraus resultierenden Einschnitte für unser gewohntes, gemütliches Leben nicht gerade rosig aus. Und doch wird von führenden Politiker*innen und Unternehmer*innen, aber letzten Endes auch von uns Verbraucher*innen, weiterhin am Glauben an grenzenloses Wirtschaftswachstum und Konsum festgehalten.
Denn wer denkt schon gern an die Konsequenzen seines Handelns? Seit jeher sind die Menschen nicht besonders gut darin, langfristige Probleme abzuschätzen. Dies zeigt sich in der jüngsten Vergangenheit auch anhand der seit gefühlten Ewigkeiten andauernden Diskussion um ein Atomendlager oder dem Glauben, Corona wäre über den Sommer 2020 einfach verschwunden und man müsse deshalb nicht über langfristige Strategien nachdenken, geschweige denn eine unkomplizierte Hilfe für die wirtschaftlich gesehenen Verlierer*innen der Krise anbieten.
Doch hier soll es nun nicht schon wieder um das leidige Thema Corona gehen, sondern vielmehr um die Parallelen zum Klimaschutz hinsichtlich des strategischen Handelns. Während wir gerade über die jüngsten Ereignisse in Amerika diskutieren und jeden Tag Corona die Medienwelt beherrscht, findet im kleinen Ort Lützerath erneut eine Umsiedlung eines ganzen Dorfes statt, um im Anschluss Braunkohle für den Braunkohletagebau Garzweiler fördern zu können. Nun wird doch in der Corona-Pandemie ersichtlich, was passiert, wenn ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht vorbereitet ist auf Infektionsschutzmaßnahmen, medizinisch wichtige Ausstattung und vieles mehr, wovor führende Experten*innen schon jahrelang gewarnt haben. Und doch findet man dasselbe Vorgehen nicht selten in Entscheidungen bezüglich des Klimaschutzes wieder, der mittlerweile doch nur noch von weltfremden Ewiggestrigen geleugnet werden kann. Der Braunkohleausstieg ist längst beschlossen – 2038 soll es soweit sein. Aber bis dahin wird eine umweltschädliche und darüber hinaus wirtschaftlich absolut unprofitable Energieerzeugung subventioniert und ausgebaut, welche jährlich mehrere Milliarden Euro an Umweltschäden produziert, für die die Allgemeinheit aufkommen muss. Und dazu kommt noch die Entschädigung für Kohleriesen wie RWE für den staatlich beschlossenen Ausstieg aus der Braunkohle, sowie die Kosten für arbeitslos werdende Menschen. Im politischen Diskurs wird sich gern auf die Zahlen gestützt, die in weiter Ferne liegen: Braunkohleausstieg 2038 oder klimaneutrales Deutschland 2050. Dadurch wird suggeriert, dass die wichtigen Daten für eine Umsetzung des Klimaschutzes noch in weiter Ferne liegen, doch das stimmt nicht. Wir können als Land, aber auch als Weltgemeinschaft das Pariser Abkommen nicht einhalten, wenn wir jetzt noch 10 Jahre so weiterwirtschaften, als hätte unser Handeln heute keinen Einfluss, und dann glauben, dass wir mit ein bisschen Technologie hier und etwas Einsparung dort plötzlich unter der 1,5 Grad-Marke bleiben, die so wichtig ist, um keine Kettenreaktionen auszulösen und einen Kollaps der Ökosysteme und somit letztlich auch unserer Lebensgrundlage zu vermeiden. Doch das Problem hierbei liegt klar auf der Hand: Das neoliberale Wachstumsprinzip unserer Weltwirtschaft schreibt uns vor, dass wir jedes Jahr wachsen müssen, dass wir jedes Jahr mehr produzieren und konsumieren müssen und dass sich der Klimaschutz diesem scheinbaren Fakt unterzuordnen hat. Doch dies ist eine rein willkürliche und ideologische Ausrichtung der Moderne, in der Profit wichtiger ist als die Schaffung langfristig stabiler Verhältnisse auf diesem Planeten. Die Konsequenzen des Klimawandels können riesige Fluchtbewegungen und Umsiedlungen sein, kriegerische Auseinandersetzungen um Lebensgrundlagen, hohe Ausgleichsinvestitionen für Klimaschäden aller Art, aber auch für den Schutz der Menschen vor den Folgen des Klimawandels. Damit kann und wird eine unglaubliche Einschränkung unser aller Leben einhergehen. Eine, die weit über ein SUV-Verbot in Innenstädten, ein Tempolimit oder ein Verbot von Inlandsflügen hinausgeht, die ja heute gerne als „Grundrechts- oder Freiheitseinschränkung“ deklariert werden. Es soll weiterhin alles erlaubt bleiben, was in einer freiheitlichen Gesellschaft an Konsum möglich ist. Unternehmen werden verschont, nachhaltige Energiesektoren nur soweit gefördert, dass sie fossile Energieträger nicht vom Markt verdrängen, obwohl sie das ökonomisch betrachtet könnten, und am Ende sollen es die Konsumenten*innen mit ihren Kaufentscheidungen richten und den Klimawandel stoppen. Die Abwälzung dieses globalen und komplizierten Problems auf ein paar Kaufentscheidungen von Privatpersonen suggeriert wieder einmal, dass das Problem doch nicht so groß werden kann, wenn sich jeder nur ein bisschen beherrschen kann. Doch weder machen die einzelnen Konsumenten*innen einen Großteil der Emissionen aus, noch können sich alle Menschen Bio, Fairtrade und vegane Ernährung leisten, geschweige denn sind sie in der Lage, immer darüber informiert zu sein. Diese realitätsferne Denkweise klammert sich immer noch blind an die Vorstellung einer alles regelnden, unsichtbaren Hand des Marktes, die es noch nie gab und die es vor allem in diesem zunehmend globalisierten und sich von klassischen Produktions- und Konsumfaktoren lösenden Wirtschaftssystem niemals geben wird.
Warum führende Poltitiker*innen und auch Unternehmer*innen nicht nach den Empfehlungen der Wissenschaft handeln und die ausgesprochenen Warnungen ernstnehmen, bleibt nach wie vor auch in Zeiten von Covid-19 und der weiter anhaltenden Lockdown-Diskussion ein Mysterium. Denn nicht nur im Bereich des Klimawandels herrscht eine flächendeckende Wissenschaftsignoranz, sondern auch in Bezug auf Corona-Maßnahmen. Seit dem „Lockdown light“ im November sind die Zahlen nicht gesunken, im Gegenteil. Und trotzdem hält die Regierung an noch stärkeren Maßnahmen zur privaten Kontaktbeschränkung fest, während sie eine Homeoffice-Pflicht für alle Unternehmen, in denen das möglich ist, weiterhin kategorisch ablehnt. Auch hier zeigt sich wiederum ein krampfhaftes Festhalten an der weiterlaufenden Wirtschaft. Ganz so, als würde sich ein Virus nicht ausbreiten, nur, weil sich die Menschen im Büro statt zu Hause treffen. Dass wir diese Pandemie vermutlich nicht beenden können, wenn wir als Gesellschaft nicht unsere Ideale und Messgrößen des Geldes und des Wirtschaftswachstums zumindest für eine kurze Zeit aufgeben, erscheint immer realistischer. Dass durch eine monatelange Hinauszögerung ein viel höherer wirtschaftlicher Schaden entstanden ist, als es bei einem kurzen, aber richtigen Lockdown für wenige Wochen der Fall gewesen wäre, ist zwar nicht bewiesen, jedoch liegt es nahe, vor allem wenn man den Blick in andere Länder richtet, die frühzeitige Maßnahmen umgesetzt haben.
Ein Festhalten an der neoliberalistischen Wirtschaftsweise und der Ignoranz wissenschaftlicher Expert*innen ist heute – weder im Hinblick auf Covid-19, noch auf die vermutlich oder ziemlich sicheren, fatalen Folgen des Klimawandels – eine realistische oder vertretbare Option. Sie ist gemacht für Menschen, die an ihrer gemütlichen und privilegierten Lebensweise festhalten wollen, die sich nicht um das Gemeinwohl scheren und die kein Interesse daran haben, die Zukunft nachhaltig positiv zu gestalten. Doch Veränderung ist heute wichtiger und notwendiger als je zuvor. Für unsere Ökosysteme, für das Überleben von uns als Menschheit und vor allem für unseren einzigartigen Planeten, der uns ohne Gegenleistung das Leben und so viel mehr als das geschenkt hat.