Die (aktuelle) Bedeutung der Kunst

Brauchen wir Kunst? Ist Kunst wichtig? Wie notwendig ist Kunst?
Es mag sein, dass dir als Leser*in auf diese Fragen direkt eine Antwort einfällt – oder du überlegst, genauso wie viele andere Menschen es momentan tun, was wohl die passende Antwort ist. Die Fragen hängen unweigerlich damit zusammen, was Kunst für einen selbst bedeutet. Kunst hat viele Funktionen. Sie zeigt die Wahrnehmung unserer Welt und unsere Wahrnehmungen individueller Fantasiewelten. Sie fängt den Zeitgeist über Jahrhunderte hinweg ein, um ihn mittels verschiedenster Materialen auszudrücken. Der Zeitgeist beschreibt die allgemeine Gesinnung und Mentalität eines bestimmten Zeitalters – genauer gesagt, wie Menschen sich fühlen und gefühlt haben. Und was könnte Gefühle besser festhalten als die Kunst?
Gerade in der aktuellen Zeit sind die eigenen Gefühle präsenter denn je, sei es durch den Wegfall des sozialen Lebens, wie wir es kannten, oder die Umstellung auf digitale Lehre. Über ein Jahr ist vergangen, seit die Welt von einer globalen Pandemie überrascht wurde und jetzt sitzen wir schon im dritten Online-Semester der Universität und steuern auf den
zweiten „Corona-Sommer“ zu. Die Kunst- und Kulturbranche trifft es vergleichsweise härter als andere und auch nach einer kurzen Probeöffnung der Museen mussten die meisten schon wieder ihre Türen schließen.
Kunst kann sowohl neue Hoffnung geben als auch der stillen Hoffnungslosigkeit ein Gesicht verleihen. Somit entsteht ein Gefühl, nicht allein mit seinen Ängsten, Sorgen und Gedanken zu sein. In einer chaotischen Zeit von sich ständig ändernden Corona-Regelwerken und weltweit immer neuen Problematiken, schafft Kunst Ruhe und ein Gefühl des Abstands zur eigenen Realität. Wenn jemandem Situationen in dieser stark reglementierten Welt zu viel werden, kann man sich in der Kunst für einen Moment verlieren und träumen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Sprache man spricht oder woher man kommt, Kunst ist VON jedem FÜR jeden. Sie inspiriert und provoziert gleichermaßen. Sie schenkt Mut und ihre Aussagekraft lässt sich nicht in den Schatten stellen. Schon im letzten Jahr sendet die Tagesschau
Beiträge wie „Kunst ist systemrelevant“ und betont deutlich ihre Sinnstiftung. Dennoch hört man nicht allzu selten Meinungen wie: „Kunst ist nicht wichtig“, oder Fragen wie: „Welchen realen Mehrwert bringt Kunst dem Menschen überhaupt?“. Doch wenn nicht durch Kunst, wodurch sollen dann Dinge ausgedrückt werden, die sich nicht in Worten ausdrücken lassen? Kunst gehört zur Kultur und beschreibt die schöpferische Auseinandersetzung mit der Natur und der Welt unter Verwendung verschiedener Materialien und Medien.
An dieser Stelle ein Gedicht von Max Richard Leßmann aus dem Jahr 2020:
Kunst ist nicht wichtig
Man kann sie nicht messen
Man kann sie nicht wiegen
Man kann sie nicht essen
Man kann sie vergessen
Doch darf man sich nicht wundern
Wenn ohne sie
Alle Herzen verhungern
Kultur als Ganzes sollte vor allem im Moment nicht nur als eine spaßige Freizeitgestaltung angesehen werden, sondern als eigene Dimension berücksichtigt werden. Kultur umfasst in seiner Definition alle künstlerischen, geistigen und selbstgestaltenden Leistungen des Menschen bzw. einer Gemeinschaft. Es ist wichtig, sie als eigene Dimension während der Corona-Zeit einzeln anzusprechen und in Maßnahmen einzuplanen. Wenn man die lähmende Ungewissheit spürt und versucht, sich hoffnungsvoll auf die Zeit nach Corona – die „neue Normalität“ – zu freuen, wäre ein kurzes Entkommen aus der eigenen (festgefahrenen) Lebenswelt mehr als nur willkommen. Ein Abend im Kino, ein schöner Nachmittag im Museum oder ein interessanter Theaterbesuch – diese Ausflüge fehlen. Ist es unmöglich, noch Inspiration zu finden? Nein, das bestimmt nicht, aber genauso wie das Fernweh nach Reisen steigt auch das Verlangen nach frei zugänglicher Kunst bei vielen von Tag zu Tag weiter an.
Es täte gut, etwas anderes zu sehen als die ausgestorbenen Cafés und leeren Geschäfte. Etwas, das die Gedanken aufweckt und gleichzeitig ablenkt; etwas, das einen selbst alles in Frage stellen lässt und neue Wege aufzeigt. Ab und an einen Filter über die teils trostlos erscheinende Welt legen zu können. Sich verlieren zu können und doch verbunden zu fühlen, ohne Worte zu benutzen. Aufatmen, durchatmen und loslassen. Kunst fühlen, erleben und teilen. Analog, nicht über den Bildschirm. Selbst wenn es gerade nicht möglich ist, die Kunst so zu genießen, wie wir es uns vielleicht erträumen würden, sollte man ihre Relevanz dennoch nicht unterschätzen oder gar vergessen.