Die Polysemie des Begriffs ‘Freiheit’

Der Wunsch nach Freiheit gehört wahrscheinlich zu den Grundbedürfnissen eines Menschen. In den meisten Fällen wird sie durch das Einhalten gewisser Rechte und Normen gewährleistet. Dennoch spielt die Frage, was Freiheit eigentlich bedeutet eine unglaublich kleine Rolle in unserem Alltag. Wenn ich mich mit der Sprachrohr Gruppe treffe denke ich dabei nicht daran, dass ich mich dabei des freien Versammlungsrechts bediene. Wenn ich davon träume, eines Tages Journalistin zu werden, denke ich dabei nicht daran, dass dieser Wunsch Teil der freien Berufswahl ist. Wenn ich darüber nachdenke, wer ich bin und wie ich mich nach außen präsentiere, denke ich dabei nicht daran, dass ich das nur kann, weil ich das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit genieße, sowie das Recht auf Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Kunstfreiheit und viele mehr. All diese Rechte und Freiheiten sind in unserem Grundgesetz vereint und verewigt. Wir haben also allgemein geltende Rechte und Freiheiten, die uns das Leben erst ermöglichen.
Nun stellt sich mir die Frage: Ist Freiheit ein derart allgemeines Thema? Bedeutet Freiheit für jede:n dasselbe? Schließlich handelt es sich doch um die Freiheit des Individuums, oder nicht? Ich allein könnte diese Fragen niemals beantworten. Auch der Duden gibt mir keine ansatzweise befriedigende Antwort. Deshalb habe ich Personen aus meinem Umfeld um ihre Meinung gebeten. Dabei stelle ich drei Fragen in den Mittelpunkt meiner Beobachtung:
Was bedeutet Freiheit für dich?
Wie lebst du dein Verständnis von Freiheit aus?
Fühlst du dich manchmal in deiner Freiheit eingeschränkt? Wenn ja, willst du verraten warum?
Ich bin erstaunt, wie viel Begeisterung die befragten Personen für dieses Thema aufbringen. Doch noch mehr begeistern mich ihre Antworten:
„Freiheit bedeutet für mich in erster Linie, das machen zu können und das erreichen können, was man wirklich möchte. Das reicht von großen Möglichkeiten, die das komplette Leben beeinflussen, wie zum Beispiel seinem Traumberuf nachgehen, bis hin zu einem Treffen mit Freund*innen im Biergarten. Dabei muss abgewogen werden, was man wirklich will. Und dementsprechend wird für das größere Ziel auf etwas Kleineres verzichtet. Weswegen Freiheit und Verzichten meiner Meinung nach nah beieinanderliegen. Um seine Ziele zu erreichen ist es wichtig, dass man die Steine, die einem in den Weg gelegt werden, irgendwie überwinden kann. Ist das der Fall, dann würde ich sagen, ist man ziemlich frei.“ – Anna
„Freiheit bedeutet für mich, dass ich meine Gefühle, meine Entscheidungen und vor allem mein Glück nicht von anderen Menschen abhängig mache. Denn, solange ich mit meiner Lebensweise niemanden verletze oder einschränke, kann ich frei handeln. Vor allem auch frei von der Kritik anderer! Nicht jeder kann mit dem was ich tue, d‘accord sein, aber jeder kann es akzeptieren“ – Laura
Auch einige meiner Arbeitskolleg*innen haben sich Gedanken über das Thema gemacht:
„Freiheit bedeutet für mich, tun und lassen zu können was ich möchte, wann ich es möchte und wie ich es möchte, sofern ich mit diesem Handeln nicht die Freiheit anderer einschränke. Denn meine Freiheit hört da auf, wo die anderer anfängt. Es bedeutet für mich so zu leben, wie ich es möchte, ohne mich vor den Menschen in meinem Umfeld oder gar der Gesellschaft rechtfertigen zu müssen. Freiheit bedeutet auf mein Herz zu hören und nicht immer alles zu überdenken. Es bedeutet demnach auch auf eine Gewisse Weise zu sich selbst zu stehen.“ – Dani
„Freiheit bedeutet für mich, ohne Sorgen zu sein, nicht zu denken, einfach zu sein und zu leben.“ – Maddis
„Die Möglichkeit, denken zu können was man möchte und die Möglichkeiten tun zu können was man möchte. Natürlich mit dem Bewusstsein, dass Freiheit immer an Moral gebunden ist.“- Sko
Die Antwort meiner Mitbewohnerin fasst (lustigerweise) die individuellen Antworten auf die zweite Frage, die nach dem Ausleben der Freiheiten, gut zusammen:
„Ich habe die Entscheidungsfreiheit, das zu tun, wonach ich mich fühle. Ich kleide mich so wie ich will, habe das Privileg mein Studium und meine Ferien ohne größere Einschränkungen zu leben und habe wenige Erwartungen von Anderen, die ich erfüllen muss.“ – Linda
Mein Vater schlägt eine etwas andere Richtung ein. Er kombiniert die ersten zwei Fragen mit der folgenden Aussage:
„Für mich ist Freiheit, mich im Rahmen der gültigen gesellschaftlichen Normen und Regeln frei entfalten zu können. Darunter zählen beispielsweise die freie Berufswahl, freie Meinungsäußerung, Bewegungsfreiheit und vieles mehr. Voraussetzung ist dafür natürlich die freiheitlich-demokratische Grundordnung anzuerkennen und zu leben. Wohlwissend, dass meine Freiheit immer da endet, wo die Freiheit meiner Nächsten (durchaus auch im christlichen Sinne gesehen) anfängt. Uneingeschränkte Freiheit mündet in Anarchie und verliert damit die gewollte Bedeutung. Wenn man dieselbe Frage jemanden stellen würde, der in einem totalitären System aufgewachsen wäre, würde die Antwort komplett anders aussehen.“
Besonders interessant finde ich die Antworten eines Salesianers Don Boscos, den ich vor einiger Zeit in Ghana kennenlernen durfte. Er schreibt:
„Freiheit ist für mich ein komplexer Zustand, der nie gleich ist, bei dem ich aber ein Subjekt (geworden) bin, d.h. die Verantwortung für mich übernehmen kann und muss. Ich versuche dies zu leben, indem ich mein Leben für das Wohl der jungen Menschen einsetze.“
Wenn ihr mich fragt ist dem nichts mehr hinzuzufügen. Interessant wird es jedoch, wenn man sich die letzte Frage anschaut. Mir ist bewusst, dass diese stark auf die individuellen Einschränkungen bestimmter Freiheiten abzielt. Genau deshalb möchte ich die folgenden Antworten gerne anonym halten. Ich wiederhole die Frage, sollte sie vor lauter Freiheit in Vergessenheit geraten sein:
Fühlst du dich manchmal in deiner Freiheit eingeschränkt? Wenn ja, willst du verraten warum?
„Ja. Aber ich glaube auch das gehört zu der Freiheit dazu und muss in Kauf genommen werden, um frei zu sein, so wie der Verzicht. Ich fühle mich in meiner Freiheit eingeschränkt, sobald ich krank bin, und der Körper sagt: „Du kannst nicht das machen, was du willst.“ und dagegen kommt man erstmal auch nicht an. Ich muss das also erstmal hinnehmen und kann einfach nur abwarten, bis es besser wird oder die Medikamente wirken. Viele fühlen sich vermutlich durch die aktuellen Corona-Regeln eingeschränkt, ich auch. Da wird das Freunde Treffen im Biergarten schwierig. Dennoch glaube ich die Einschränkung ist eine wichtige Maßnahme, um zukünftig wieder frei zu sein, da ich mich und andere dadurch vor einer Krankheit schütze, die individuelle Freiheiten auch langfristig einschränken kann.“
„Ja, leider. Weniger vom Staat und von Gesetzen, sondern von Menschen, die einem ihre Ansichten aufdrücken möchten.“
„Was mich in meinem Leben glaube ich am meisten einschränkt ist der Faktor Geld. Ich bin es aufgrund der Verhältnisse, aus denen ich komme, zwar gewohnt, mit nicht viel Geld auszukommen und würde auch definitiv sagen, dass mir Geld nichts bedeutet, leider lebt es sich nicht ohne. Meistens scheitert es dann doch an den finanziellen Mitteln. Ich würde gerne mehr reisen und mehr von der Welt sehen, was schwierig ist, wenn man gerade so seinen Lebensunterhalt gedeckelt bekommt. Auch verschiedene Interessen konnte ich deswegen beispielsweise nicht verfolgen. Ich habe zudem das Gefühl, mich manchmal auch selbst in meiner Freiheit einzuschränken. Ich wäre gerne jemand, dem es egal ist was andere über mich denken, das funktioniert nur leider selten. Ich erwische mich oft dabei, wie ich, bevor ich das Haus verlasse, zu oft darüber nachdenke, wie ich gerade aussehe und was die Leute über mein Outfit denken würden und bin manchmal auch sehr zurückhaltend, aus Angst einen schlechten Eindruck zu machen. Aber das ist zum Glück etwas, an dem man arbeiten kann!“
„Glücklicherweise nicht oft, da meine Eltern mich alles so machen lassen, wie ich es möchte.“
„Nöööö glaube nicht.“
„Eigentlich gar nicht. Weder durch die Corona-Maßnahmen noch durch sonstige Gesetze, die erlassen werden. Denn selbst die Maßnahmen, nach denen wir nun seit 1,5 Jahren leben, gelten zum Schutz aller. Selbst Abstriche zu machen, um anderen ihr Leben zu ermöglichen ist in meinen Augen das Mindeste, das man in einer Gesellschaft voneinander erwarten kann. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass es Menschen gibt, die sich beispielsweise durch Diskriminierung aufgrund von Ethnie, Religion etc. in ihren Rechten eingeschränkt fühlen, doch ich persönlich bin ein großer Fan unseres Grundgesetzes, welches eigentlich keinerlei Diskriminierung zulässt, wenn man es wortwörtlich anerkennt. Denn die Würde jedes Menschen ist unantastbar. Hierbei dürfen keine Ausnahmen gemacht werden.“
„Ich begegne ständig Einschränkungen in meinem Leben. Ich fühle mich dadurch aber nicht in meiner Freiheit eingeschränkt. Vielmehr erkenne ich, dass diese Einschränkungen vielfach meine Freiheit ermöglichen und fördern.“
Ganz schön viel Input, nicht wahr?
Ich versuche dennoch mal festzuhalten: Freiheit ist durchaus ein allgemeines Thema, auch wenn jede:r dem Begriff eine individuelle Bedeutung und Funktion zuschreibt. Wichtig ist jedoch, in welchem System man sich befindet und ob trotz unterschiedlicher Interpretationen des Terms ein Grundkonsens herrscht. In diesem Fall lautet er folgendermaßen: Meine individuelle Freiheit hört da auf, wo die der anderen Menschen beginnt. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass Freiheiten bedingt eingeschränkt werden können. Sei es durch eine Pandemie, finanzielle Gegebenheiten oder schlichtweg die Dummheit anderer, die sich nicht an geltende Rechte und Normen halten. Nichtsdestotrotz dürfen wir nicht vergessen, dass wir vor dem Gesetz alle gleich sind. Wir sind alle Menschen, deren Würde unantastbar ist. Wir haben die Chance, uns zu entfalten. Wir sind frei – was auch immer das heißen mag.
In diesem Sinne bedanke ich mich herzlich bei allen, die diesen Artikel mitgestaltet haben. Ihr
habt mich inspiriert und ein Stück freier gemacht.