Die strukturierte Schlacht der Argumente – Debattieren in Würzburg

Applaus in Gebärdensprache, die Worte „Hört, hört!“ und knallharte Argumentationsgefechte. Willkommen inmitten einer Debatte!
Cicero beschrieb einmal Vernunft und Sprache als das Band der Gesellschaft. In einer Debatte kombinieren die Redner beides, um mit gekonntem Einsatz zu überzeugen.
Die offene parlamentarische Debatte, kurz OPD, ist eine Form des Debattierens, die vor allem in Deutschland verbreitet ist. In Tübingen entwickelt, steht dabei im Mittelpunkt eine Streitfrage. Das Thema sollte in irgendeiner Hinsicht gesellschaftlich relevant sein, ansonsten gibt es hierfür keine Einschränkung. Das Vorgehen ist streng festgelegt und folgt somit immer dem gleichen Schema. Neun Personen sind als Redner anwesend und zwei oder mehrere Jurierende. Nach der Themenverkündung folgen 15 Minuten Vorbereitung. Im Anschluss beginnt die Debatte. Es gibt immer eine Pro- und eine Kontraseite. Sie sind jeweils durch drei Redner vertreten. Auf der Pro-Seite steht die Regierung, die für die Streitfrage argumentiert, auf der Kontraseite die Opposition, die dagegen ist. Zudem gibt es drei freie Redner, die zu Beginn keine vorgegebene Meinung haben, sondern sich im Verlauf der Debatte entscheiden müssen. Alle normalen Reden dauern 7 Minuten, die freien Redner haben 3,5 Minuten und die Gegenrede dazu darf lediglich eine Minute in Anspruch nehmen. Die Debatte beginnt mit der Eröffnungsrede der Regierung. Darauf folgt die der Opposition und danach die Ergänzungsrede der Regierung, an die sich die der Opposition anschließt. Hiernach ist die Stunde der freien Redner gekommen. Diese haben sich auf eine der beiden Seiten zu stellen und bestenfalls noch ungenannte Argumente hinzuzufügen. Mit einer einminütigen Gegenrede im Anschluss an jede der drei freien Reden, darf sich die ungewählte Seite noch einmal verteidigen und zu überzeugen versuchen. Am Ende erfolgen die Schlussreden, wobei die Opposition beginnt und die Regierung das abschließende Wort hat. Damit ist die Debatte beendet und die Jury zieht sich zur Besprechung und Bewertung zurück. Bewertungskriterien sind fünf verschiedene Punkte: Sprachkraft und Auftreten auf der einen Seite, Sachverstand und Urteilskraft auf der anderen Seite. Dazwischen steht die Kontaktfähigkeit. Den Jurierenden liegt dazu ein offizieller Bewertungsbogen vor, damit alles möglichst nachvollziehbar und vergleichbar ist. Theoretisch können pro Rede zwischen 0 und 100 Punkten vergeben werden. 40 bis 50 sei, Erläuterungen nach, aber schon ausgewogen bis gut und 60 bereits selten. 100 steht somit wohl eher als schier unmöglich greifbarer Stern am Himmel des Debattierens.
Am Wochenende des 16. bis 18. Aprils 2021 wurden die Deutschsprachigen Debattier- Regionalmeisterschaften Würzburg veranstaltet. Zeitgleich fanden im gesamten deutschsprachigen Raum zwei weitere solcher Meisterschaften statt. Dazu begegneten sich Teams aus allen möglichen Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Würzburgs Debattierclub organisierte das Turnier, welches dieses Jahr leider nur virtuell möglich war. 2019 hatte der Würzburger Debattierclub den Wettbewerb bereits vor Ort auf die Beine gestellt. Doch auch online meisterten sie die Organisation bravourös, was besonders Präsidentin Rebecca Hainich zu verdanken war. Würzburg selbst schickte dabei zwei Teams à drei Redner ins Rennen. Hierbei bildeten Mareike Albert, Daniel Koch und Stefan Winter das eine Team und Simon Zschau, Ahn Tu Ngo und Johannes Klug das andere. Beide Teams schlugen sich in ihren Debatten gut. Leider schieden sie dennoch vor den Halbfinalrunden aus. Während der größte Teil des Turniers im Verborgenen ablief, wurde das Finale zwischen einem Team Hannovers und einem aus Wien live auf YouTube übertragen. Am Ende gewann Hannover. Gekonnt moderierte Sven Bake die Übertragung der Campus-Debatte und ließ im Rahmenprogramm viele Experten zu Wort kommen. Auch für einen Laien war die Übertragung äußerst interessant, deren Aufzeichnung für Interessierte übrigens weiterhin verfügbar ist: https://www.youtube.com/channel/UClyOSBrnTks5q7aLIsCNUnA.

Im Folgenden werde ich meine persönlichen Erfahrungen mit der Begegnung des Debattierclubs Würzburg schildern: Vor dem Wochenende durfte ich als „Debattierahnungslose“ den stellvertretenden Vorsitzenden Stefan Winter interviewen. Dabei erhielt ich viele hilfreiche Informationen rund um das Debattieren. Nachdem ich mir die Finaldebatte der Regionalmeisterschaft im Livestream auf YouTube angesehen hatte, wollte ich dann auch die Menschen hinter den strukturierten Argumenten kennenlernen. So hatte ich mich in einen Clubabend eingeschleust. Dieser Einblick war faszinierend und erleuchtend zugleich. Es begann alles damit, dass sich die Leute aus Bonn und Würzburg über Discord trafen. Um 20 Uhr begann die Themenabstimmung. Drei vorgeschlagene Themen standen zur Wahl. Am Ende gewann „Haben Vorurteile zu Unrecht einen schlechten Ruf?“. Im Anschluss bekamen alle 15 Minuten zur Vorbereitung auf ihre Reden. Jeweils Opposition und Regierung trafen sich getrennt voneinander, um ihr grobes Vorgehen zu besprechen. Als Beobachterin besuchte ich beide Seiten. Bei beiden Häusern konnte ich ein ähnliches Vorgehen beobachten: Jeder Redner wählte eine der drei debatteninternen Reden, dann wurden Argumente und Beispiele gesucht und das grobe Vorgehen geplant und besprochen. Als die Zeit vorbei war, trafen sich alle in einem Zoom-Raum. Die Debatte begann und die Präsidentin und gleichzeitig Jurierende leitete das Ganze an. Regierung – Opposition – Regierung – Opposition – freie Reden – Gegenreden – Schlussreden.
Es war faszinierend zu beobachten, wie jeder seine eigene, individuelle Art zu reden hatte. Alle Redner verwendeten ihre eigene Mimik und Gestik, ihre eigene Gliederung, ihre eigene Struktur und ihre ganz eigene Redekunst.
Im Anschluss an das Streitgespräch kam ich mit den Rednern ins Gespräch. Mir wurden Fragen gestellt und nur für mich setzte man sogar die Debatte an, weshalb Debattieren besser sei als Schlaf oder Essen. Aus dem Stegreif warf eine Studentin mit lauter sinnvollen und logischen Argumenten um sich. Sie sprach davon, dass niemand verurteilt werde, egal ob ihm das Debattieren zu Beginn leicht fiele oder nicht. Jeder beginne klein, war eine sehr schöne Aussage, die mir im Gedächtnis blieb.
Am Ende durfte ich noch Fragen stellen. Ich warf in die Runde, was sie alle am Debattieren so sehr faszinieren würde. Die Antworten waren äußerst interessant. Eine Studentin sprach davon, dass es vor allem die Menschen seien, die mehr wüssten als sie selbst. Diese, von denen sie noch lernen könne. Für einen anderen Studenten, der noch nicht so lange dabei war, waren es drei Punkte: Man wachse daran, suche zivilisiertes Streiten und lerne interessante Menschen mit völlig anderen Ansichten kennen. Außerdem bestehe die Möglichkeit schnell in tiefere Gebiete einzutauchen. Weitere Student*innen erzählten, dass sie es liebten polemisch zu sein und ihnen besonders momentan der Kontakt zu anderen Menschen gut tue. Genauso sprach jemand davon, wie schön es in einer so gesprächigen Gruppe sei und dass sich alle lieb hätten. Ein Student meinte, dass ihn besonders das Argumentieren über Themen, die man so nie behandeln würde, fasziniere. Allein die richtige Technik und das geplante Vorgehen würden einem alle Möglichkeiten offenlegen. Des Weiteren erklärte ein Student, dass man seiner Ansicht nach durch das Debattieren besser über Themen reden könne. Außerdem lerne man verschiedenste Personen mit ihren Einstellungen zu verstehen. Der Fokus liege auf dem Kern der Sache, um welche herum interagiert werde. Verschiedenste Meinungen träfen aufeinander, doch entwickle man Stück für Stück die Fähigkeit, diese nachvollziehen und verstehen zu können. Es gehe darum, so ein erfahrener Student, immer das eigene Thema ins beste Licht zu rücken und Gegenargumente zunichte zu machen oder für sich zu nutzen. Mit Worten oder mit Sprache könne man einfach Gedanken austauschen. Außerdem war er der Auffassung, es gäbe keine andere Möglichkeit, in der man so schnell und so intuitiv Argumente und seine Gedanken austauschen könne. Der Vorteil einer Debatte gegenüber einer freien Diskussion liege darin, dass es sich bei ersterem um einen strukturierten, kompromisslosen Wettkampf handle. In seiner Redezeit könne man alles sagen, was man für wichtig erachte.

Insgesamt scheint es beim Debattieren sowohl um das aktive Zuhören, als auch um das überzeugende Reden zu gehen. Nur die geschickte Kombination macht einen Redner zu einem guten Redner.
Nach Abschluss einer Debatte ist das Nachdenken über das Thema meist nicht direkt beendet. Auch mir als Beobachterin begegnete es überall: in der Zeitung, auf Social Media, im Gespräch mit anderen und besonders in den eigenen Gedanken.
Was ich an interessierte Menschen gerne weitergeben würde: Der Würzburger Debattierclub teilte mir mit, er freue sich immer über neue Menschen und Meinungen. Momentan trifft man sich zwei Mal in der Woche. Dienstags und donnerstags finden die Debatten ab 20 Uhr über Zoom statt. In der Regel kommen ein bis zwei Debatten zu Stande. Willkommen sind alle Interessierten, wobei man von niemandem kleingemacht oder verurteilt wird.
Cicero sprach einst: „Reden lernt man durch Reden.“ Wenn du also reden willst, dann tu es. Nichts spricht dagegen.