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Dornröschen und der Kuss der Welt

Blogvon Louisa Christa Patricia Volk

Pixabay License „Dornröschenschloss

Es war einmal ein Mädchen.
Ein Mädchen mit Idealen und Prinzipien. 
Es war wie Dornröschen. 
Rosa und schön und ungeküsst. 
Lange Jahre hatte das Mädchen wie hinter Glas gelebt. 
Sie hauchte gegen den unüberwindbaren Wall 
Zwischen ihr und der lebendigen Welt. 
Sie kannte sie nur versteinert aus Büchern und Filmen. 
Vorsichtig strich sie durch die feinen Perlen ihres Atems, 
die langsam die Glaskuppel hinunterrannen. 
Ihre Augen fixierten den Alltag und das Leben der Anderen. 
Sie sah zu, aber wurde nie gesehen. 
Sie lebte nicht das Leben. 
Sie schrieb es. 
Sie las es. 
Und sie sah es. 
Aber sie lebte es nicht. 
Eines Tages wurde es Sommer. 
Es war ein ungewöhnlicher heißer Sommer
Und das Glas der Kuppel bekam Risse. 
Lange feine verästelte Risse. 
Und es kam die Stunde da zersprang die Kuppel 
Und das Mädchen wurde schutzlos der lebendigen Welt überlassen. 
Das Mädchen war naiv.
Es wusste nicht viel. 
Um ihre noch so unbekannten Gefühle zu sortieren 
Verglich sie es mit Geschichten aus Büchern, die sie schon gelesen hatte. 
Und dann kam der Tag da
War das Mädchen 
Rosa und schön und geküsst. 
Und das letzte veränderte Attribut machte sie unsterblich. 
Sie erlebte jetzt selbst und schrieb ihre eigenen Geschichten. 
Sie blies ihre Erinnerungen in die Länder dieser Erde. 
Es war ein Kuss
nicht gegeben von einem muskulösen Mann 
nicht gegeben von einer mitleidigen Mutter 
nicht gegeben von einem hechelnden Haustier.
Es war ein Kuss der Verheißung. 
Ein Kuss des Aufbruchs, der Selbstfindung 
Ein Kuss, der schmerzte und brannte. 
Ein Kuss, der sie weglotste aus ihrer Kuppel.
Etwas hatte ihr Herz gepackt. 
Die Freiheit hielt es schelmisch in den Händen. 
Das Herz zitterte in den langen und grazilen Fingern der Freiheit  
und wenn sie nicht ginge, würde ihr Herz zerdrückt.
Denn ihr Glück lag nicht mehr zu Hause, sondern in der fernen Welt. 
Und das tat unheimlich weh. 
Abschied nehmen tut weh. 
Raus zu gehen, mit der Unsicherheit, die wackelnden Beine könnten nachgeben, tut weh.   
Die taufrische Ferne, 
sie versprach Glück, Abenteuer, eine aufregende Liebe und die eigenen Kinder
sie versprach Ruhm und Selbstverwirklichung 
sie versprach fremde Menschen mit bekannten Träumen.
Inkongruenz in der Kongruenz. 
Leise wisperte es in ihr:  
Geh. Geh raus. In die weite Welt. Komm ich begleite dich. 
Aber die Stimme hatte keinen Körper. 
Sie war nicht da, als sie ihr behütetes Nest verließ. 
In die Ferne zu gehen tut weh und es nicht zu tun tut weh. 
Sie musste balancieren 
Auf den höchsten Dächern der größten Stadt. 
Also auf den Dächern von Chongqing. 
So weit entfernt vom Westen. 
Dann wurde sie frei.

Pixabay License „Dornröschenschloss