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Ein Plädoyer für das Träumen

Blogvon Milia Geisler

Lukas Ostertag (lizenzfrei)
Lukas Ostertag (lizenzfrei)

Lass uns träumen. Schließ für einen Moment die Augen und lass die Gedanken ganz frei schweifen. Wovon träumst du? Was ist das größte Ziel, das du dir für dein Leben gesetzt hast? Verfolgst du es zurzeit? Falls nein, wieso nicht? Falls du einen Traum hast, den du gerade „nicht so richtig“ verfolgst, geht es dir wohl wie einigen, inklusive mir selbst. Das ist bestimmt auch der Pandemie geschuldet, die unsere Handlungsmöglichkeiten gerade ziemlich einschränkt. Es bleibt uns für den Moment also nichts anderes übrig, als… zu träumen.

Wenn ich die Ziele, die ich als Kind hatte, mit denen vergleiche, die ich jetzt habe, ist das ziemlich ernüchternd. Als Kind waren meine Träume viel größer. Gleichzeitig waren sie erstaunlich konkret. Früher wollte ich Autorin, Schauspielerin und Ärztin werden und selbstverständlich in allem die Beste sein. Die Träume bezogen sich auf das „Wenn ich mal groß bin“. Jetzt, mit 22 Jahren und irgendwo im Bereich der Erwachsenen einzuordnen, bin ich mir nicht mehr so sicher, was das Ziel meines Lebens ist. Bei der Frage nach meinen großen Träumen stoße ich grob auf zwei Arten: den konkreten (den Pacific Crest Trail wandern) und den abstrakten Traum (der Gesellschaft etwas hinterlassen, was einen signifikanten und guten Einfluss hinterlässt). Jetzt muss hier angemerkt werden, dass ich zielstrebig bin und grundsätzlich von mir behaupte, dass ich das, was ich mir in den Kopf setze, auch erreiche. Nun sind diese beiden Beispiel-Ziele aber Dinge, die ich aktuell nicht wirklich aktiv verfolge, obwohl ich sie mir in den Kopf gesetzt habe. Wie kann das sein? 

Als ich ein paar Freund*innen befragt habe, ließ sich das gleiche Phänomen beobachten: In all ihren Köpfen existieren sie, die großen Träume. Manche sind abstrakter, manche detaillierte Bilder. Olivia (23) träumt davon, die soziale Ungleichheit in der Welt zu minimieren. Sophias (23) Traum ist es, irgendwann ein Café in Spanien zu eröffnen. Sebastian (19) träumt davon, alles was er liebt um sich herum zu haben und alles, was er gerne macht auch machen zu können. Was diese Träume verbindet ist, dass sie gerade nicht aktiv forciert werden. Doch was hält uns davon ab, einen Lebenstraum zu verwirklichen? Die Antwort, die ich auf die Frage bekam, war stets die gleiche: Der Traum ist zu groß. Ist es das? Irgendwie hatte ich mir die Antwort komplexer und vielschichtiger vorgestellt. Ist es so einfach? Müssen wir uns kleinere Ziele setzen? Um es ganz unklar auszudrücken: Jain. 

Natürlich ist es einfacher, kleine Ziele zu erreichen. Das erscheint mir sehr logisch. Das heißt doch aber nicht, dass wir nicht mehr groß träumen können. Und es heißt auch nicht, dass wir große Ziele nicht erreichen können. Was wir dafür allerdings machen müssen, ist den Traum ganz explizit anzugehen und zu spezifizieren. Also Baby-Steps machen. Denn um langfristige und große Ziele zu erreichen, hilft es, sich klare Zwischenziele zu setzen (das ist quasi Motivationspsychologie 101). Ein Beispiel dafür, wie das geht, sieht man bei Lotta (22). Sie träumt davon, irgendwann auf ihr Leben zurückzublicken und mit den einzelnen Schritten, die sie gegangen ist, zufrieden zu sein. Die vielen kleinen Entscheidungen, die sie entlang ihres Weges getroffen hat, sollen rückblickend positiv bewertet werden. Eben kleine Schritte, aber so viele, dass sie damit souverän auf ihr Ziel zuläuft. Ihr Traum ist zwar groß und langfristig angelegt, besteht aber eben aus den kleinen Zwischenschritten. Auf die Frage, ob sie dieses Ziel gerade aktiv verfolgt, antwortet sie mit „Ja“. Zwar könne sie es manchmal noch aktiver forcieren, aber im Großen und Ganzen ist sie dabei.

Also, lasst uns weiter groß träumen. Lasst uns auch ganz bewusst die Ziele setzen, die in so weiter Ferne liegen, dass sie fast unmöglich erscheinen. Lasst uns Vorstellungen idealisieren und nach ihnen streben und lasst uns weiter auf die Nase fallen, weil es natürlich trotzdem nicht so einfach ist. Aber lasst es uns versuchen. Wenn wir in Kauf nehmen, dass man große Träume, um sie zu realisieren, strukturieren und vielleicht zwischenzeitlich aufteilen muss, erscheint das Ziel näher. Träume strukturieren unsere Vorstellung von der Zukunft. Sie sind die Zukunftsmusik, die wir hören, wenn wir uns erlauben zu fantasieren und die mit jedem einzelnen gegangenen Schritt ein bisschen lauter wird. 

Lukas Ostertag (lizenzfrei)
Lukas Ostertag (lizenzfrei)