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Genitiv, LOL und andere Sprachentwicklungen

Blogvon Anna-Lisa La Rocca

Würde man ein frisch eingeschultes Kind fragen, was „Bandsalat“ ist, würde es vermutlich nicht wissen, was das ist. Hätte man im Jahr 2000 in einer ersten Klasse gefragt, was Bandsalat ist, hätte vermutlich jedes Kind sagen können: Das ist, wenn der Kassettenrekorder die Kassette ausleiert und man sie dann wieder mit einem Stift aufziehen muss. Gut – dass dieses Wort nicht mehr oft im alltäglichen Gebrauch vorkommt, ist mehr dem zuzuschreiben, dass die CD die Kassette abgelöst hat (bevor digitale Downloads und Musikstreaming-Dienste das Feld übernommen haben), als den sprachlichen Veränderungen. Doch diese hängen eng mit dem Wandel der Gesellschaft zusammen. Denn genau wie in der  Mode, in der Musik und eigentlich in allen Bereichen des Lebens gibt es auch in der Sprache Trends und Entwicklungen.
Diese Veränderungen geschehen meistens eher schleichend und sind weniger auffällig, als dass auf einmal alle Teenager mit Plateauschuhen durch die Gegend rennen. Dennoch sind sie allgegenwärtig – und  einen sich gerade vollziehenden Sprachwandel hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehört: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.
Der zweite Fall – nach dem man, wie man in der Grundschule lernt, mit Wessen? fragt – wird kaum mehr im mündlichen Gebrauch verwendet. Anstatt „Das ist das Haus meines Vaters“ zu sagen, verwenden wir lieber die Konstruktion: „Das Haus gehört meinem Vater.“ Aber warum ist das so?
Menschen sprechen so, wie sie es als wohltuend für ihre Ohren empfinden und wie es in den meisten Fällen ein wenig schneller geht. Gerade bei einer Tendenz dazu, dass ähnlich wie in der Gesellschaft in der Sprache nun alles kürzer, schneller und einfacher funktionieren soll, sieht es für den Genitiv also eher schlecht aus. Dennoch wird er oft mit Bildung assoziiert und im Schriftlichen noch häufig verwendet. Daher ist es unwahrscheinlich, dass ein frisch eingeschultes Kind im Jahr 2040 überhaupt nie etwas vom Genitiv hören wird. Trotzdem wäre der Genitiv nicht der erste Fall des Deutschen, der sich aus dem Sprachgebrauch verabschieden würde. Ein wenig tiefer im indoeuropäischen Stammbaum der deutschen Sprache findet man auch noch Fälle wie den Vokativ, der für Anreden und Anrufe verwendet wurde. Oder den Ablativ (Fall der Bewegung vom Gegenstand weg und des Grundes), den zumindest jeder schon einmal gehört hat, der sich mit Latein auseinandersetzen durfte.
Aber auch im Schriftlichen findet man häufig noch Überbleibsel älterer Wörter und Schreibweisen. Daß oder dass oder doch das? ist eins der häufigsten Phänomene, die beim Lesen von Texten auffallen. Während es daß in der deutschen Sprache seit der Rechtschreibreform eigentlich nicht mehr gibt, liest man es häufig noch in Texten von älteren Menschen. Ganz einfach zurückführen kann man das auf die Macht der Gewohnheit. Macht man einen Ausflug in die Zukunft der deutschen Sprache, kann man sich vermutlich ähnlich wie mit Modetrends nie sicher sein, was genau auf einen zukommt. Dennoch gibt es gewisse Tendenzen, die man vermuten kann.
Dass in der Zukunft vermutlich noch viel mehr englische Wörter in unseren Wortschatz eingestreut werden, ist zum Beispiel kein Wunder: Schon heutzutage bemerkt man es oftmals nicht einmal, wenn man anstatt „zufällig“ das Wort „random“ benutzt. Aber auch Abkürzungen wie LOL („Laughing Out Loud“), die ihren Ursprung in den frühen Formen sozialer Netzwerke  – und damit im schriftlichen Sprachgebrauch – haben, finden immer mehr ihren Weg in die mündliche Sprache.
Das liegt daran, dass unsere Sprache durch Jugendliche beeinflusst wird. Jede Generation entwickelt ihre eigenen Slangs und Trends. Oftmals werden diese nur zögerlich von älteren Generationen angenommen. Nicht selten kommt es dabei vor, dass Sätze fallen wie: „Wie redest du denn?“ oder „Red’ doch mal ordentlich.“ Oder dass es zu kompletten Missverständnissen zwischen Generationen kommt. Aber dadurch lebt und entwickelt sich unsere Sprache weiter, und selbst wenn sich manche Entwicklungen ind er Sprache in unseren eigenen Ohren unästhetisch anhört, kann man ihn selten aufhalten. Nichts desto trotz kann sich jeder – ähnlich wie bei Mode und Musik – eine eigene Meinung über Sprachentwicklungen bilden und muss diese insofern nicht umsetzen. Auch wenn es gerade im Alltag oft ähnlich ist wie bei Modetrends: Dadurch, dass man von diesen umgeben ist, gewöhnt man sich häufig leichter an sie und findet sie infolgedessen weniger schlimm, bis man sie, ähnlich wie die Plateau-Turnschuhe im eigenen Kleiderschrank, in seinem Sprachgebrauch wiederfindet.