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Reisen und Klimaschutz – ein Widerspruch?

Blogvon Yannick Sommer

Savetheplanet.png Selbst erstellt (Canva)
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Der Begriff Fernweh beschreibt ein Gefühl, das die allermeisten wohl schon einmal verspürt haben. Und doch gibt es kaum eine andere Sprache der Welt, die diesem Gefühl einen eigenen Begriff widmet. Dabei hat Goethe bereits über Fernweh geschrieben, als es noch nicht einmal ein Wort dafür gab. In seiner Kampagne in Frankreich schreibt er von einem Fluchtgefühl, das ihn beim Betrachten eines Flusses ergreift: „Ich möchte dies ein umgekehrtes Heimweh nennen, eine Sehnsucht ins Weite statt ins Enge“. Das Gefühl ist also scheinbar tief im Menschen verwurzelt. Und die Tourismusbranche macht sich das zu Nutze. Noch häufiger als in Tinderprofilen und Travelblogs findet man den Begriff Fernweh wohl nur auf den Titelseiten von Tourismusmagazinen und in Schaufenstern von Reisebüros, die für Flugreisen und Kreuzfahrten werben. Gleichzeitig leisten Billig-Airlines wie Ryanair ihren Beitrag dazu, dass das Verlangen nach Ferne auch dann befriedigt werden kann, wenn man nicht zur wohlhabenden Oberschicht gehört. Diese Kombination führt dazu, dass Reisen fest zur DNA der jungen Generation gehören. Reisen sind zum Lifestyle geworden, in den Sommermonaten ist Instagram voll mit Bildern aus den verschiedensten Winkeln der Erde.

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Dabei ist hier von derselben Generation die Rede, die hunderttausende Menschen mobilisiert hat, für echten Klimaschutz freitags lieber auf die Straße zu gehen als in die Schule. Der Generation von Greta Thunberg, die sich vor führende Politiker aus aller Welt beim UN-Klimagipfel stellt und diese fragt, wie sie es wagen können, zu wenig für den Klimaschutz zu tun. Ist das ein Widerspruch? Muss man ein klimaneutrales Leben führen, um von der Politik unverzügliches Handeln zu fordern? Man könnte den Eindruck gewinnen, wenn man Menschen zuhört, die die Bewegung kritisieren. Immer wieder hört man von mit Plakaten vermüllten Innenstädten nach FFF-Demos, von Teilnehmern, die von den SUVs der Eltern dorthin gebracht werden oder von vielfliegenden grünen Abgeordneten. Es wird viel Energie investiert, um grünen Aktivistinnen und Politikern nachzuweisen, dass sie selbst keine Heiligen sind. Dieter Nuhr sagte einmal in seiner Show, er habe seiner Tochter die Heizung im Winter abgedreht, weil sie an einer Freitagsdemo teilnehmen wollte. Nach dem Motto: Wer einen Wandel möchte, der solle doch bitte selbst ein fehlerfreies Leben führen, und zwar bevor er irgendetwas öffentlich fordert oder sich gar auf einer Demo blicken lässt. Das Beispiel macht deutlich, wo die Probleme in der Debatte liegen. Zum einen scheint es da ein starkes Bedürfnis bei einigen Menschen zu geben, jede noch so kleine Abweichung vom nachhaltigen Leben als Beweis für Heuchelei heranzuziehen. Du hast beim Frühstück Butter auf dein Brot geschmiert? Wie kannst du es wagen, von der Politik mehr Klimaschutz zu fordern?!

Das liegt vermutlich daran, dass oft die Wahrnehmung vorherrscht, Menschen aus dem grünen Spektrum würden den moralischen Zeigefinger nur allzu gerne nach oben halten. Fleischesser und Vielfliegerinnen fühlen sich von oben herab verurteilt und verschließen sich in einer Trotzreaktion jeglicher zielführender Diskussion. Das Problem ist dabei auf beiden Seiten zu suchen. Wer andere Menschen von seinem Weltbild überzeugen möchte, erreicht meist wenig durch erhobenen moralischen Zeigefinger. Gleichzeitig muss die Gegenseite aufhören, jede Forderung nach mehr Klimaschutz als Verurteilung des eigenen Lebensstils aufzufassen und sich mal mit der inhaltlichen Ebene auseinandersetzen. Denn hier liegt das zweite Problem im Diskurs: Subjektiver Verzicht ist zwar sinnvoll und symbolisch wichtig, viel gravierendere Änderungen lassen sich aber durch einen Systemwandel erzielen. Und würde man Greta Thunberg und anderen FFF-Aktivistinnen richtig zuhören, würde man erkennen, dass genau das auch gefordert wird. Greta hat nicht den Ottonormalverbraucher gefragt, wie er es wagen kann, für fünf Euro nach Malle zu fliegen oder sich bei Aldi für das Billigfleisch zu entscheiden. Sie hat führende Politikerinnen gefragt, wie sie es wagen können, nicht das System zu verändern. FFF möchte nicht erreichen, dass Dieter Nuhrs Tochter im Winter die Heizung auslässt, sondern dass die Politik in Zukunft klimaneutrale Alternativen zu Ölheizungen fördert. Das Ziel ist auch nicht, dass die junge Generation in Zukunft nur noch Urlaubsbilder aus dem bayerischen Wald posten kann. Vielmehr sollen in allen Bereichen Voraussetzungen geschaffen werden, die es uns erleichtern, klimaneutral zu leben. Mehr Zug statt Flug, mehr Solarenergie statt Kohlekraft, mehr E-Mobilität statt Verbrenner etc. Dafür zu sorgen, ist Aufgabe der Politik, nicht der Bürgerinnen. Diese müssen der Politik nur signalisieren, dass sie einen echten Systemwandel wollen. Dass das so ist, zeigen FFF seit 2018. Insofern ist es auch mehr als vertretbar, gleichzeitig Klimaschützerin und Globetrotter zu sein.